Immobilien : Der Traum vom eigenen Haus ist aus

Einer neuen Studie zufolge leben immer mehr Menschen lieber in der Innenstadt als im Grünen. Doch nicht jeder kann es sich leisten. Familien mit Kinder werden ins Umland verdrängt

Christine Decker

Seit Jahrzehnten hatten die Deutschen einen Traum: das freistehende Einfamilienhaus. Es galt als die liebste Wohnform des Bundesbürgers. Der Traum ist aus. Glaubt man einer Studie des Deutschen Institutes für Urbanistik, wollen viele Menschen nicht mehr unbedingt im Eigenheim im Grünen wohnen. Die Stadtränder und Vorstädte haben für viele ihren Reiz verloren – sie leben am liebsten in der Stadt, mit ihrem Angebot an Restaurants, Kinos und Theatern.

Zu diesem überraschenden Ergebnis kam die Studie „Wohnen in der Innenstadt – eine Wiederentdeckung?“ im Zuge der Befragung von jeweils 1600 Haushalten in Leipzig und in München. Demnach ist die Stadtmitte nicht mehr nur für den allein lebenden gut verdienenden Berufstätigen attraktiv. Nun bevorzugen Menschen aus unterschiedlichen sozialen Schichten und verschiedenen Altersgruppen eine zentrale Wohnlage. Dort finden es sogar junge Familien attraktiver als in den Randbezirken oder im Speckgürtel rund um die Stadt. Wer bereits in den innerstädtischen Bezirken wohnt, möchte dort am liebsten auch bleiben. Doch nicht allen ist das vergönnt. Denn die veränderte Nachfrage wirkt sich auf die Preise aus: Die Mieten steigen – und deshalb müssen viele ihren angestammten Kiez am Ende doch verlassen.

Die neue Studie legt nahe, dass ein seit Jahrzehnten anhaltender Prozess zu einem Ende gekommen ist: die so genannte Suburbanisierung. Mehr noch, es zeichnet sich eine Umkehrung ab, ein Wachstum der Städte. „Zwar wurden die Untersuchungen in Leipzig und München durchgeführt, doch stellt sich die Lage in Berlin sehr wahrscheinlich ähnlich dar“, sagt Claus-Peter Echter, Diplom-Soziologe am Institut für Urbanistik.

In den vergangenen Jahrzehnten waren es nach Angaben der Wissenschaftler die Verlierer der Gesellschaft, die in den Innenstädten bleiben mussten. Sie konnten sich das eigene Haus am Stadtrand einfach nicht leisten. Inzwischen ist es genau umgekehrt: Wer heute in die Stadt zieht, gehört zu den Gewinnern. Er ist gebildeter und vermögender als der Durchschnitt der bisherigen städtischen Bevölkerung, wie die Untersuchungsergebnisse belegen.

Ein Grund dafür ist nach Auffassung der Wissenschaftler auch die Veränderung der Produktionsbedingungen in der Gesellschaft. Die Industrie ist auf dem Rückzug. Viele Produktionsstandorte lagen in der Stadt oder in deren Außenbezirken – Siemens nahe Berlin-Spandau zum Beispiel. Die Wohnungen entstanden in der Nähe der Drehbänke, oft sogar als Werkswohnungen, zum Beispiel die Siemensstadt. Aufgrund der Industrieproduktion waren viele städtische Quartiere laut und schmutzig. Wer es sich leisten konnte, zog in ruhigere Stadtteile oder auch ganz weg ins Grüne. Die „Stadtflucht“ setzte ein, zu der mit steigendem Wohlstand bald auch größere Teile der Bevölkerung aufbrachen: Von der Mietskaserne zogen nun viele Arbeiter in die kleinen Reihenhäuser der „Gartenstädte“.

Dieser Trend hielt an, bis in die letzten Jahrzehnte hinein. Erst der endgültige Siegeszug der Dienstleistungen scheint diese Entwicklung umzukehren, wie die Studie nahe legt. Das liegt daran, dass neue, hoch qualifizierte Arbeitsplätze in den Zentren entstehen. Viele Menschen, die hier beschäftigt sind, suchen einen Wohnort in der Nähe der Arbeitsstätte.

Dabei habe sich gezeigt, so die Forscher, dass die Menschen bei der Wahl ihres Wohnsitzes auch die Kosten des Pendelns in die Überlegungen einbeziehen. Wer im Grünen wohnt, braucht oft einen Zweitwagen und muss hohe Fahrtkosten in Kauf nehmen. Diese Aufwändungen entfallen bei einer Stadtwohnung – deshalb kann sie in der Gesamtbetrachtung auch bei etwas höherem Mietpreis günstiger als das Haus im Grünen sein.

Damit sind die Voraussagen vieler Zukunftsforscher widerlegt, die mit dem Siegeszug von Internet und mobiler Kommunikation die Auflösung des realen Arbeitsraumes vorausgesagt hatten: Dank Laptop, WLan und Handy werde die Zahl der virtuellen Arbeitsplätze steigen und die Menschen nicht länger den täglichen Weg ins Büro nehmen, so die Prognose. Genau das Gegenteil ist eingetreten: Mobile Büros und Online-Arbeitsplätze gibt es wenig. Die Bedeutung der Kommunikation hat zugenommen, im Büro sowie im urbanen Umfeld von Cafés und Restaurants – auch deshalb wollen die Menschen in den Innenstädten leben.

Zwar bleibt eine Gruppe übrig, die unverändert zum Rückzug aus den Innenstädten bläst: die jungen Familien. Doch die bisherige Annahme, dass Verkehr sowie Lärm und eine kinderfeindliche Umwelt die Eltern aus der Stadt treiben, hat die Studie widerlegt. Die Ursache für die „Flucht ins Grüne“ seien die immer weiter steigenden Mietpreise in der City. Im Umland dagegen fallen die Preise, weil die Nachfrage sinkt. Hätten sie die Wahl, würden sie gerne in ihrem gewohnten Umfeld bleiben – sagte die Mehrheit der Familien.

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