Immobilien : Die blaublütige Wilde

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Von Gert D. Wolff

Seit Jahrtausenden haben Kornblumen die Menschen fasziniert. Ihr zauberhaftes Blau, eine in der Natur eher selten vorkommende Blütenfarbe, dürfte allerdings nur einer der Gründe dafür gewesen sein. Denn die schöne Feldblume, die ursprünglich aus dem Orient stammt, zählt zu den ältesten Kulturbegleitern. Samenfunde aus steinzeitlichen Pfahlbauten beweisen, dass sie schon vor 4000 Jahren in der Nähe menschlicher Siedlungen vorkam. Mit dem Getreide verbreitete sich die fruchtbare Sommerblume, die bis zu 1500 Samen pro Pflanze hervorbringt, über ganz Europa. Heute ist sie weltweit zu finden.

Obwohl man der schönen Wilden in unzähligen Volksbräuchen, Liedern, Gedichten und neuzeitlichen Schlagern gehuldigt hat, wurde sie stets auch als „Unkraut“ angesehen, das die Ernteerträge schmälerte. Der Einsatz chemischer Mittel und die maschinelle Reinigung des Saatguts von Unkrautsamen hatten dazu geführt, dass die blaue Blume in den zurückliegenden Jahrzehnten auf landwirtschaftlichen Nutzflächen nahezu ausgerottet war. Mittlerweile hat ein Umdenken stattgefunden. Die für Getreidefelder einst so charakteristischen blauen Farbtupfer sind heute wieder häufiger zu sehen.Und für den Hobbygärtner hält der Fachhandel heute zahlreiche Zuchtformen bereit – gefüllt und in verschiedenen Farbtönen.

Für Generationen von Biochemikern war der tiefblaue Farbstoff Cyanin der Kornblumen, mit dem früher unter anderem die preußischen Uniformen gefärbt worden waren, ein ungelöstes Rätsel. Denn im Pflanzenreich dürfte diese tatsächlich äußerst selten zu findende Farbe eigentlich gar nicht vorkommen. Erst vor wenigen Jahren gelang es japanischen Wissenschaftlern, die komplizierte chemische Formel der blauen Kristalle zu entschlüsseln.

Der botanische des Korbblütlergewächses Centaurea cyanus bezieht sich auf die griechische Mythologie. Nach einer vom Römer Plinius überlieferten Sage rettete der heilkundige Zentaur Chiron mit Hilfe der Kornblume sein Leben: Eine Schwalbe hatte ihm eine Wunde zugefügt, wobei sie das giftige Blut der gefürchteten Hydra auf ihn übertrug. Indem er Kornblumen auf die Wunde legte, machte er es unschädlich. Die Bezeichnung cyanus weist auf die dunkelblaue Blütenfarbe hin. In der Volksmedizin galt die geheimnisvolle Feldblume als ein Mittel gegen Blutungen. Tabernaemontanus erwähnt sie in seinem „Kreuterbuch“ von 1613. So soll die Kornblume das Bluten aus der Nase und anderen Wunden stillen, wenn man die Wurzel im Munde kaut, an den Hals hängt oder das Pulver davon in die Wunden streut. Wie so oft in der alten Volksmedizin versprach man sich auch von der Farbe eine günstige Wirkung. Wegen ihrer harntreibenden Eigenschaften hat man – wie auch heute noch in der Naturheilkunde üblich – Blasen- und Nierentees daraus hergestellt. Dass die zauberhafte Blume, die schon dem Pharao Tutanchamun mit ins Grab gegeben worden war, auch als christliche Symbolpflanze eine Rolle spielte, versteht sich von selbst. In der Romantik galt sie als Sinnbild der Treue und Beständigkeit, und sie war die Lieblingsblume von Kaiser Wilhelm I.

Die Landbevölkerung früherer Zeiten brachte die Kornblumen, die wild in den Getreidefeldern wuchsen, die Ernte beeinträchtigten und zudem Sicheln und Sensen schneller stumpf werden ließen, mit Korndämonen in Verbindung. Volkskundler nehmen an, dass die alten Beinamen „Ziegenbein“ und „doller Hund“ oder auch „Roggenhund“ damit zusammenhängen. So erklärt sich vielleicht auch der alte Aberglaube, dass Kornblumen, die man auch „Hungerblumen“ oder „Schimmelblumen“ nannte, nicht mit ins Haus gebracht werden sollten, weil sonst das Brot schimmeln würde. Andererseits gehörten die leuchtend blauen Sommerblumen zu jedem bäuerlichen Fest. Junge Mädchen flochten sich daraus hübsche Kränze und benutzten sie für alle möglichen Liebesorakel. So glaubte man beispielsweise, anhand zweier Samenkapseln der Kornblume – von der Heiratswilligen im Ausschnitt getragen, bis sie keimten – erkennen zu können, ob der Auserwählte sie wirklich liebte und die Ehe glücklich werden würde.

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