Immobilien : Die Fremdwohner

Professionelle Haushüter sortieren die Post, putzen, versorgen Haustiere – und schrecken durch ihre Anwesenheit Einbrecher ab.

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Keine Extrawurst gibt es für Katzen und andere Haustiere unter der Obhut der professionellen Haushüter. Die Ersatzbewohner sind, wie das Ehepaar im Bild, zumeist Rentner. Ihr Motto: Bewachen durch Bewohnen. Foto: picture-alliance/dpa
Keine Extrawurst gibt es für Katzen und andere Haustiere unter der Obhut der professionellen Haushüter. Die Ersatzbewohner sind,...Foto: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Wenn der Hund bei Herrchen und Frauchen nicht auf die Couch darf, ist das auch bei Gunter Freudenthal tabu. Auch auf Extraleckerli braucht sich der Vierbeiner gar nicht erst Hoffnungen zu machen. Wenn Freudenthal mit seinem Koffer bei seinen Kunden vorfährt und das Gästezimmer bezieht, soll alles genau so sein wie immer – so, als wären die Hausherren gar nicht weg. Der 72-Jährige arbeitet als professioneller Haushüter: Fahren Mieter oder Eigentümer in den Urlaub, rückt Freudenthal an, um nach dem Rechten zu sehen.

Auf zehn bis zwölf Einsätze kommt Freudenthal pro Jahr, bei den meisten Kunden ist er mehrmals. Seit gut drei Jahren ist er in ganz Norddeutschland im Einsatz, gerade hat er ein Haus in Niedersachsen bezogen, zwei große Hunde inbegriffen. Freudenthal versorgt den Garten, gießt die Zimmerpflanzen, geht mit den Hunden raus, erledigt Einkäufe, putzt, sortiert die Post. Ansonsten tut er das, was er zu Hause auch macht – lesen, im Internet Informationen zur Geschichte des Brauwesens recherchieren, sein Spezialgebiet, worüber er regelmäßig Aufsätze veröffentlicht. Und er erkundet die Gegend, in die ihn seine Haushüter-Einsätze führen. „Das ist eine schöne Abwechslung“, sagt der Rentner.

Bevor Freudenthal zum ersten Mal seinen Koffer im Gästezimmer eines Kunden auspackt, bedarf es einiger Vorbereitung. Den Auftrag nimmt seine Chefin entgegen, die Hamburger Haushüter-Agenturbesitzerin Irmgard Everding. Sie stattet dem Kunden einen Besuch ab, zum ersten Kennenlernen. Akribische Checklisten werden abgehandelt: Welcher Service wird gewünscht, was soll der Haushüter alles erledigen? Wann bekommen die Tiere Futter, wie oft gibt es Auslauf, was dürfen sie? Sollen die Rollläden nachts geschlossen werden? Wann wird der Briefkasten geleert, wann welche Mülltonne rausgestellt?

Ist der Auftrag vereinbart, wählt Everding einen passenden Hüter aus. Auch dieser lernt die Kunden und die zu betreuenden Tiere zunächst kennen, bevor er einzieht. Freudenthal hatte selbst Hunde, auch mal einen Boxer, „das war ein ähnliches Kaliber wie die beiden jetzt“, sagt er. „Man muss aber immer vorher sehen, ob es funktioniert.“

Nichts soll dem Zufall überlassen werden, wenn die Homesitter, wie die professionellen Hüter auch genannt werden, ins Haus kommen. „Wir bewohnen das Haus genau so, als wären die Besitzer selbst zu Hause“, sagt Günter Kratz, Vorstandsmitglied des VDHA, des Verbandes Deutscher Haushüter-Agenturen, den es seit 26 Jahren gibt. Das Motto des Verbandes: Bewachen durch Bewohnen. Das Prinzip funktioniere, sagt Kratz, ein pensionierte Kriminaldirektor, der selbst eine Agentur mit 28 Angestellten betreibt: Unter der Obhut der VDHA-Hüter habe es bislang keinen einzigen Einbruch gegeben. Im VDHA sind derzeit bundesweit 13 Agenturen Mitglied, auch die Hamburger Agentur, für die Gunter Freudenthal fremdwohnt, zählt dazu. Insgesamt, schätzt Kratz, gibt es in Deutschland rund 900 berufsmäßige Homesitter.

Wer eine Firma mit Verbandssiegel beauftragt, kann sicher sein, dass die Haushüter über die Agentur umfassend gegen Schäden versichert sind. Wird ein Hüter krank, organisiert die Agentur einen Ersatz. „In solchen Fällen packe ich auch schon mal selbst mein Köfferchen“, sagt Irmgard Everding. Kunden können sich bei zertifizierten Anbietern zudem auf die Seriosität der Mitarbeiter verlassen: Die VDHA-Agenturen verlangen von allen Hütern ein einwandfreies polizeiliches Führungszeugnis. Die Agenturen, die in den Verband aufgenommen werden wollen, müssen sich persönlich beim VDHA-Vorstand vorstellen, eine Unbedenklichkeitsbescheinigung des Finanzamtes vorlegen und ihre Hüter bei der Minijobzentrale anmelden.

Eines haben nahezu alle professionellen Haushüter gemeinsam: Sie sind Rentner. „Wer so eine Aufgabe übernimmt, braucht Lebenserfahrung und muss verantwortungsvoll sein“, sagt Kratz. Und er sollte die Arbeit nicht des Geldes wegen tun müssen – denn reich werden kann man als Haushüter nicht: 13 bis 15 Euro pro Tag gibt es für das Fremdwohnen. „Ein nettes Zubrot“, sagt Gunter Freudenthal. Aber zum Leben reicht es nicht. Freudenthal schätzt an seiner Aufgabe vor allem die Abwechslung. Nur daheim rumsitzen – das wäre nichts für ihn.

In Berlin und Brandenburg gibt es laut VDHA derzeit keine zertifizierten Haushüter-Agenturen. Überhaupt sei die Nachfrage nach dieser Dienstleistung in der Region noch relativ gering, sagt auch Irmgard Everding. Berliner und Brandenburger, die einen Hüter suchen, können sich dennoch an den VDHA wenden; der Verband leitet die Anfrage an die nächstgelegene Agentur weiter, welche den Auftrag übernehmen könnte.

Jedoch gibt es in Berlin einige Firmen und Einmannbetriebe, die Dienstleistungen für Urlauber anbieten, aber nicht im VDHA Mitglied sind: Blumen gießen, Briefkasten leeren, Tiere versorgen, putzen, manche bieten auch einen Dauerbewohn-Service an. Laut VDHA-Vorstand Kratz sind für einen solchen Rund-um- die-Uhr-Service Preise um die 50 Euro üblich und angemessen, die Betreuung von Tieren und hilfsbedürftigen Menschen kostet extra. Haushüten kann als haushaltsnahe Dienstleistung von der Steuer abgesetzt werden – aber nur, wenn der Kunde eine ordnungsgemäße Rechnung vorlegen kann. Darauf sollten Kunden in jedem Fall bestehen, sagt Kratz. Anbieter, die in bar bezahlt werden wollten oder keine Versicherung vorweisen können, seien unseriös.

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