Immobilien : Die Früchte werden im Kelch serviert

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Nachstehend veröffentlichen wir die vom Botanischen Garten für diese Woche herausgegebene Zusammenstellung besonders sehenswerter Pflanzen, die im Freigelände oder in den Gewächshäusern mit einem roten Punkt gekennzeichnet sind. Der Garten ist täglich von 9 Uhr an geöffnet, die Gewächshäuser am Wochenende ab 10 Uhr.

Freiland. Es ist nicht gerade häufig, dass der Blütenkelch zum auffälligsten Teil einer Pflanze wird, und dann gleich so! In der Systematischen Abteilung, bei den Nachtschattengewächsen, ist die Blasenkirsche (Physalis alkekengi L.) jetzt schon über mehrere Beete hinweg gut zu sehen, obwohl die Pflanze kaum einen halben Meter hoch wird. Nur noch wenige der weit entwickelten Pflanzen tragen an ihren Spitzen die einzeln stehenden, gut zwei Zentimeter großen, weißen Blüten auf herabhängenden Stielen. Der zunächst noch unauffällige, grüne, glockige Kelch schließt sich nach der Blüte fast vollständig bis auf eine wenige Millimeter große Öffnung an der Spitze, erweitert sich dann lampionartig auf mehrere Zentimeter und erhält bald die weithin sichtbare, mennigrote Farbe. Der aus dem 15. Jahrhundert bekannte „Judenkirsche" beruht vermutlich auf der Ähnlichkeit mit einer damals üblichen jüdischen Kopfbedeckung.

Die älteren Kelche, an den unteren Pflanzenteilen schon vereinzelt zu erkennen, lösen zunehmend das rote Gewebe auf und lassen nur die Hülle aus einem feingliedrigen Adernetz bestehen. Bei genauem Hinsehen erkennt man durch dieses Netz jetzt die voll entwickelte, kaum kirschgroße, scharlachrote Beere. Diese ist säuerlich bitter, reich an Vitamin C und gilt als leicht giftig. Die Wärme liebende Pflanze ist von Europa bis Japan verbreitet und wahrscheinlich mit dem Weinbau in nördlichere Gebiete gekommen. In kalten Wintern erfriert sie bei uns. In dem Kräuterbuch von Hieronymus Bock (1551) wird diese auffällige Pflanze schon sehr treffend beschrieben. Auch Griechen und Araber erwähnen bereits die heilenden Kräfte der Blasenkirsche, aber wirklich zuverlässig ist nur ihre unvergleichliche Schmuckwirkung in einem Trockenstrauß.

Etwa fünf Meter neben der Blasenkirsche, gleich hinter der schwarz leuchtenden Tollkirsche, sieht man die einjährige, etwa meterhohe Nicandra physalodes, die Giftbeere. Schon an den jungen Knospen werden die fünf kaum verwachsenen Kelchblätter auffällig. Ihre Ränder drängen sich gegeneinander und bilden einen scheinbar geschlossenen, fünffach geflügelten Kelch. Dieser morphologisch schon so auffällige Kelch wird wegen einer physiologischen Besonderheit auch als Wasserkelch bezeichnet: Er scheidet nach innen Wasser ab. Die sich darin entwickelnde Blumenkrone drängt die Spitzen der Kelchblätter vorübergehend ein wenig auseinander, aber der breite, hellblaue Rand der Krone wird nur um die Mittagsstunden offen ausgebreitet. Nach der Blüte schließt sich der Kelch wieder, vergrößert sich auf etwa drei Zentimter und verliert allmählich die grüne Farbe. Schließlich trocknet er aus und lässt zunehmend das zarte Adernetz hervortreten, hinter dem endlich die gut einen Zentimeter große, beerenartige Frucht erkennbar wird.

Dieses Kunstwerk der Natur, obwohl dem Kelch der Blasenkirsche in vielerlei Hinsicht so ähnlich, ist in Peru beheimatet, findet sich seit dem 19. Jahrhundert in unseren Gärten, gelegentlich auch verwildernd. Die Giftbeere ist zwar einjährig, samt aber gut aus und hält sich oft mehrere Jahre. Ihre Früchte gelten heute trotz ihres furchterregenden Namens als ungiftig und finden keine medizinische Anwendung. Burghard Hein

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