Immobilien : Die Heizung läuft mit Wärme aus dem Grund

In der Wallstraße entsteht ein Wohnhaus, das ausschließlich mit erneuerbaren Energien beheizt wird

Christian Hunziker
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Die Lage der Wallstraße 35 ist günstig. Das Gebiet ist grundwasserreich. Die Wärmepumpe fördert das Warmwasser aus den unteren...

Gaslieferanten und Ölscheichs müssen jetzt ganz tapfer sein. Denn das Mehrfamilienhaus, das voraussichtlich im Juli nächsten Jahres in der Wallstraße 35 in Berlin-Mitte fertig gestellt sein wird, braucht keinen Öltank und keine Gasbrennwertheizung. Es wird ausschließlich mit Sonne sowie Holzpellets oder Erdwärme beheizt – und stößt deshalb kein CO2 aus.

Vom „ersten grünen Mehrfamilienhaus in der Innenstadt“ spricht Dirk Germandi, Vorstand der Profi Partner AG, die zusammen mit der Grundstein Bauträgergesellschaft das Vorhaben realisiert. „In diesem Haus“, sagt Germandi, „wollen wir alle technischen Möglichkeiten verbinden, um komplett unabhängig von fossilen Brennstoffen zu sein.“

Wegweisend ist das am U-Bahnhof Märkisches Museum gelegene, vom Architekten Arno Bonnani entworfene Projekt hauptsächlich wegen seiner geplanten geothermischen Anlage. Denn eigentlich gilt die Nutzung von Erdwärme in dicht bebauten innerstädtischen Gebieten als schwierig. Das Platzproblem lösen soll in der Wallstraße eine Anlage der Berliner Firma Geo-En Energy Technologies, die nach Angaben von Geschäftsführer Pieter Bots speziell für kleine Grundstücke in innerstädtischer Lage entwickelt wurde. Diese Anlage arbeitet mit einer Integralsonde, die 45 Meter tief in die Erde gebohrt wird. Dort saugt die Sonde Grundwasser an und pumpt es in die Klimazentrale des Hauses, wo dem Wasser Wärme entzogen wird. Diese Wärme wird dann durch eine Wärmepumpe auf ein höheres Temperaturniveau gehoben, so dass sie die Wohnungen über eine Fußbodenheizung beheizen kann.

Allerdings geht die Installation dieses Systems nicht so schnell vonstatten wie von den Bauherren ursprünglich angekündigt. Einfach fröhlich drauf los bohren darf man nämlich nicht: Wer dem Grundwasser Wärme entziehen will, braucht dafür eine wasserbehördliche Erlaubnis durch die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und den Bezirk. Sogar grundsätzlich verboten ist die Nutzung von Erdwärme in ausgewiesenen Wasserschutzgebieten. „Wir hoffen, die Genehmigungen für die Erdwärmegewinnung bald erteilt zu bekommen“, sagt Germandi. Nach seinen Worten unterzieht das bezirkliche Umweltamt das Vorhaben einer „sehr aufwändigen Prüfung“, um mögliche Umweltschäden auszuschließen. Dabei spielt eine Rolle, dass im Boden Altlasten vermutet werden, die eine Garage und ein Galvanikbetrieb hinterlassen haben könnten.

Sofern die Behörden ihre Zustimmung geben, kann die Bohrung im Frühjahr beginnen. Technisch, sagt Germandi, sei dieser späte Zeitpunkt kein Problem, da alles dafür vorbereitet sei. Für den Fall, dass die Genehmigung bis dahin nicht vorliegt, greift Plan B: Dann wird mit Holzpellets geheizt. Als Lagerfläche für die Pellets ist der Hohlraum unter der Tiefgaragenrampe vorgesehen. Hinzu kommen auf jeden Fall Solarabsorber auf dem Dach des Gebäudes. Die durch diese Platten gewonnene Sonnenenergie wird genutzt, um Warmwasser zu bereiten oder die Heizung zu unterstützen. Auch im Sommer, wenn die Sonne länger scheint, gleichzeitig aber weniger Wärme benötigt wird, geht die Leistung der Solaranlage nicht verloren: Die Wärme wird dann im Keller gespeichert.

Sogar für einen besonderen Luxus ist dieses System gut: In den meisten Wohnungen gibt es eine Klimaanlage – aber keine herkömmliche, sondern eine, die über die Kühlung der Decken mittels Betonkernaktivierung erfolgt. „Der Erwerber“, schildert Germandi das Prinzip, „kann die Wohnung über einen Kreislauf – die Fußbodenheizung – erwärmen und über einen zweiten Kreislauf – die Deckenkühlung – klimatisieren.“

Natürlich ist diese innovative Technik nicht umsonst zu haben. Die Mehrkosten für das Heizungssystem gegenüber einer konventionellen Gasheizung beziffert Germandi auf 235 000 Euro; bei 2900 Quadratmeter Geschossfläche entspricht dies 81 Euro pro Quadratmeter – wenig angesichts stolzer Verkaufspreise von 3090 bis 4190 Euro pro Quadratmeter.

Zudem stellt Germandi den Käufern in Aussicht, dass sie diese Mehraufwendungen durch geringere Energieausgaben kompensieren können. Bei der Holzpelletheizung ist der Einspareffekt nach Berechnungen des Bauherrn allerdings nicht sonderlich hoch: Die Energiekosten für Heizung, Warmwasser und Kühlung belaufen sich demnach für das ganze Haus auf jährlich 14 100 Euro – nur 1500 Euro weniger als bei einer konventionellen Erdgasheizung. Lohnen würde sich dagegen der Einsatz von Geothermie. Dann müssten die Bewohner lediglich den Strom bezahlen, der für den Betrieb der Wärmepumpe erforderlich ist (und konsequenterweise ebenfalls aus regenerativen Quellen stammt). Die voraussichtlichen jährlichen Kosten gibt die Profi Partner AG in diesem Fall mit gut 6700 Euro an. Sofern diese Rechnung stimmt, beträgt das jährliche Einsparpotenzial rund 8900 Euro oder durchschnittlich 500 Euro pro Wohnung.

Doch müssen die künftigen Bewohner wirklich nicht frieren? Germandi beruhigt sie mit Verweis auf ein anderes Projekt seines Unternehmens. In der Strelitzer Straße in Mitte baute es 14 Stadthäuser, die mit Solarthermie und einer Luftwärmepumpe beheizt werden – nach den Erfahrungen der Käufer ohne die geringsten Beanstandungen.

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