Immobilien : Die Krankheit aus dem Sprühnebel

ANDREAS LOHSE

1976, Philadelphia / USA.Bei einem Treffen mehrerer tausend US-amerikanischer Legionäre wurden über 200 Teilnehmer von einer rätselhaften Lungenentzündung heimgesucht.Mehr als 30 von ihnen starben.Erst Monate später wurde geklärt, daß diese Krankheit durch Mikroben verursacht wurde, die bis zu jenem Zeitpunkt noch unbekannt waren.1985, Staffordshire / England.Ende April wurde eine ungewöhnlich hohe Zahl an - normalerweise recht harmlosen - Influenzainfektionen gemeldet.Wenige Tage später ergab eine Untersuchung: Im Mittelpunkt der Erkrankungen stand das größte der örtlichen Krankenhäuser.Eine Klimaanlage war dort von Mikroben verseucht und schleuderte die Bakterien in die Räume.Möglicherweise starben von 89 Erkrankten 28 an dieser Infektion.Damals wußte man auch schon ihren Namen: Man hatte sie "Legionärskrankheit" getauft, verursacht durch "Legionellen".

1999, Berlin.Im März wurde bekannt, daß in drei Luxushotels der Stadt offenbar einige Gäste mit der Bakterie "Legionella pneumophila" infiziert wurden.Presseberichten zufolge war der Infektionsherd nach aufwendigen Investitionen im Wasserleitungssystem bald beseitigt.Ebenfalls im März starben vermutlich neun Menschen an der Legionärskrankheit in den Niederlanden, andere erkrankten.Allen gemeinsam war, daß sie zuvor eine Blumenschau besucht hatten.Man nimmt an, daß Legionellen sich dort in Springbrunnen eingenistet und über herumspritzendes Wasser verteilt haben.

Solche Meldungen gibt es Jahr für Jahr - hauptsächlich im Frühjahr und Sommer: Hier wird eine Schule geschlossen, dort ein Schwimmbad, und andernorts wiederum soll es sogar Wohnungsmieter treffen.Doch was sind das für Bakterien? Und vor allem: Trifft es jeden, und wie kann man sich schützen? Die Entwarnung vorab: In Berlin erkranken pro Jahr durchschnittlich 25 Menschen, zum Tode führt die Infektion nur in 10 bis 20 Prozent aller Fälle.Und in Privathaushalten sind Infektionen nahezu ausgeschlossen.Wissenschaftler warnen gar davor, Angaben über Erkrankungen oder auch Todesfälle überzubewerten und mahnen in dieser Hinsicht zu äußerster Zurückhaltung.Es handele sich um Hochrechnungen aufgrund ausgewählter Personengruppen, Studien ließen keine allgemeingültigen Aussagen zu.

Seit 1981 weiß man, daß Legionellen in vielen Bereichen vorkommen.Die Erreger fand man zunächst in Klimaanlagen, später in Kühltürmen, Flüssen und Seen - mithin in jeder Art von Süßwasser.Sie lieben ganz besonders das warme Wasser.Bei Temperaturen von etwa 30 bis 50 Grad Celsius können sie sich rapide vermehren.

An einer Infektion durch Legionellen kann jeder erkranken, wenngleich das Risiko in der Bevölkerung unterschiedlich verteilt ist.Meist sind Personen besonders dann anfällig - unabhängig von Alter und Geschlecht - wenn sie gesundheitlich schon "angeschlagen" sind, zumal wenn ihr Immunsystem angegriffen ist.Auch Schädigungen des Atemsystems, zum Beispiel bei starken Rauchern, bedeuten ein erhöhtes Risiko.Eine Übertragung von Mensch zu Mensch konnte man bisher jedoch nicht feststellen - Experten gehen davon aus, daß die Legionärskrankheit im Unterschied beispielsweise zu Grippe nicht ansteckend ist.Legionellen werden durch feinste Sprühnebel, sogenannte Aerosole, über den Luftweg auf Menschen übertragen.So eingeatmet, können diese Mikroben eine grippeähnliche Erkrankung auslösen, aber auch eine schwere Lungenentzündung, die unbehandelt mit dem Tod enden kann.

Für den Patienten sei entscheidend, so Fachleute, daß der behandelnde Arzt eine Lungenentzündung diagnostiziere, denn die dafür empfohlenen Antibiotika seien in der Regel auch gegen Legionellen wirksam.Bei einer anderen Verlaufsform der Erkrankung, dem sogenannten "Pontiac Fieber", komme es zu grippeähnlichen Beschwerden, die innerhalb weniger Tage abklingen.

Nachgewiesen wurden die Keime in Luftbefeuchtern und Klimaanlagen, allerdings auch im Trinkwassernetz, von der Wasserleitung bis zum Brausekopf.Jedoch ist die Vermehrung von Legionellen im haushaltsüblich kalten Trinkwasser nicht zu befürchten.Eine Infektion durch das Trinken von legionellenhaltigem Wasser gilt als ausgeschlossen.Allerdings steht man vor allem bei der Versorgung mit erwärmtem Wasser vor einigen Problemen.Zentrale Warmwasserbereiter, wie zum Beispiel große Speicher, überschreiten in der Regel die Grenze von 60 Grad Celsius nicht.Diese Temperaturen liegen zwar um einiges über jenen, in denen die Bakterien sich am wohlsten fühlen.Untersuchungen wiesen aber auch in heißerem Wasser noch Legionellen nach, die sich dann jedoch kaum noch vermehren.Mit weiter steigenden Temperaturen komme es zum Absterben der Erreger, bei etwa 70 Grad und darüber stürben sie sogar innerhalb weniger Minuten.

Problematisch sind auch whirl pools, in denen der Körper von warmsprudelndem Wasser und Luft massiert wird, insbesondere dann, wenn die Aufbereitung des Wassers nicht richtig funktioniert.Doch dürften whirl pools nur in wenigen Privathaushalten vorhanden sein.Eine kritische Zapfstelle ist demgegenüber die Dusche.In der Duschkabine bilden sich jene Sprühnebel, die zu einer Infektion führen können.Notwendig ist daher eine saubere Gestaltung des Leitungsnetzes.Besonders die Betreiber von großen Wohnanlagen, beispielsweise Seniorenheimen, aber auch in Krankenhäusern und Hotels müssen dabei besonders sorgsam sein.

Stillgelegte Leitungen und tote Stränge sollten vom Versorgungsnetz getrennt, zentrale Trinkwasserspeicher regelmäßig gereinigt und die Wassertemperatur auf 60 Grad Celsius gehalten werden.Außerdem wird empfohlen, dezentrale Durchlauferhitzer ohne Speicher zu benutzen sowie selbsttätig sich leerende Duschschläuche und -köpfe.Nach Auskunft des Umweltbundesamtes habe man in Ein- und Zweifamilien-Häusern bislang keine Gefahr durch Legionellen nachweisen können.

Probleme könnten vor allem bei größeren Einrichtungen, beispielsweise in Plattenbauten auftreten, allerdings nur, "wenn sie zentral mit Wasser versorgt werden", so Irmgard Feuerpfeil von der UBA-Forschungsstelle Bad Elster.Ihre Empfehlung: "Die Wassertemperatur im Warmwasserverteilungssystem sollte man in regelmäßigen Abständen auf 60 Grad erhöhen." Chemische Desinfektion führe indes kaum zu Erfolgen bei der Bekämpfung von Legionellen, da sie an den Wandungen der Leitungssysteme durch Ablagerungen und Biofilme geschützt seien.

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