Immobilien : Die Lust am Prunk

Opulente Ornamente zieren nicht nur Tapeten und Dekostoffe, sondern auch Gebrauchsgegenstände

Insa Lüdtke

Das Gebot im Design – „Less is more“ – gilt scheinbar nur noch begrenzt. Denn die Lust an plastischen und gedruckten Ornamenten wie einst im Barock ist zurückgekehrt. Die Mailänder Möbelmesse im letzten Jahr war ein Beweis dafür. Sie zeigte geradezu eine Inflation floraler Motive. Verziert wurden Polstermöbel, Kissen, Stühle, Tische, Möbeloberflächen, Teppiche, Wände mit klassischen Lilien und Akanthusblättern, Rosenblüten und feinen japanisch anmutenden Zweigen und Verästelungen. Selbst ein ausgestelltes Auto wurde mit einem Blütenmosaik dekoriert.

Es scheint, als ob in schwierigen Zeiten das Verlangen wächst – unabhängig vom Portemonnaie – sich mit Glanz zu umgeben. Vielleicht spielen viele Designer deshalb bei ihren Entwürfen häufig auch mit der Scheinwelt des Glamours und versuchen ihn durch ungewöhnliche Materialkombinationen zu brechen.

So kann beispielsweise „Garland“, eine 160 Zentimeter lange Metallgirlande aus floralen Motiven, entworfen vom holländischen Designer Tord Boontje, als Lampenschirmersatz um eine schmucklose Glühbirne gewickelt werden. (www.abovohome.com). Ähnlich puristisch wirkt die Produktneuheit aus dem Hause Normann Copenhagen. Der Leuchten-Installationssatz „Norm 06“, entworfen von Simon Karkov, kann leicht und ohne Hilfsmittel zusammengesetzt werden. Beim Entwurf der skulpturalen Leuchte ließ sich Karkov von Lilien und Seerosen inspirieren (www.connox.de). Auch die Serie „Rich and poor“ der polnischen Designer Anna Wojczynska und Wojciech Wachowski von „Vis à Vis“ zeichnet sich durch Kontraste aus. Erst durch den Einsatz von goldener Farbe wird der Lampenschirm „Tyvek“ aus Papier zu einer edlen Raumskulptur.

Die Designerin Terri Pecora griff den Trend zu barockem Glanz sogar für das Badezimmer auf. Für den italienischen Sanitärprodukte-Hersteller Simas entwarf sie mit „Renaissance Platinum and Gold“ für die Serie „Flow“ mit Ornamenten verzierte Duschtassen und Badewannen (www.simas.it). Auch Gebrauchsgegenstände werden zu Designobjekten. So wurden beispielsweise die 1939 vom Dänen Holger Nielsen entworfenen „Vipp-Mülleimer“ kürzlich von Mauricio Clavero mit Swarovski-Steinen und Mosaiken zu wahren Schmuckstücken aufgepeppt (www.vipp.dk).

Die neue Lust am Dekor sieht Petra Lamers-Schütze, Chefredakteurin des Taschen-Verlags und Initiatorin des Ornament-Lexikons, als Antwort auf den überspitzten Minimalismus der 1990er Jahre. Vor allem aber veränderten sich Lebensgewohnheiten: Einrichtungen von der Stange seien langweilig, der Wunsch nach individuellen Wohnwelten wachse, so die Design-Expertin.

Für Individualität und Abwechslung soll auch das Konzept des Niederländers Marcel Wanders sorgen. Der Designer entwarf für den italienischen Möbelhersteller Moooi ein Sofa, für das 14 unterschiedliche Bezüge mit diversen großformatigen ornamentalen Mustern zur Auswahl stehen. Der Idee einer Ankleidepuppe nachempfunden, kann der Benutzer sie je nach Saison, Anlass und Stimmung wechseln (www.moooi.it, www.marcelwanders.com).

Auch für die Wand heißt es, Abwechslung ist Trumpf. Es muss aber nicht die Ornament-Tapete sein. Neuerdings reichen auch bunte aufklebbare „Wandsticker“ wie etwa „Jungle“ oder „Hybrid“ aus dem Londoner Designshop Mar Mar Co. Neben der dekorativen Wirkung eignet sich für noch wachsende Kinder als Messlatte die quietschgrüne „Measuring Plant“ (www.marmaco.com). Der Vinyl-Aufkleber kann nach Belieben – etwa bei einem Umzug – jederzeit und ohne Rückstände problemlos abgezogen werden.

Wer sich für eine klassisch geklebte Tapete entscheidet, kann zwischen handbedruckten japanisch inspirierten Metallic-Tapeten, Vintage-Styles, FlowerPower-Dekors oder auch Retro-Tapeten wähle.

Interior-Designer Peter Buchberger rät jedoch gerade bei Blumenmustern oder grellen Metallic-Tapeten in Gold- und Silberoptik zur Vorsicht. „Man sollte nur eine Zimmerwand mit gemusterten Tapeten verzieren, sonst erschlägt es einen“, warnt Buchberger. Am besten eigneten sich die Wände hinter einem großen Möbelstück wie dem Sofa oder Bett. Zur klassischen Tapete mit „Paisley-Muster“ passten, seiner Ansicht nach, eher moderne Möbel, zu grafischen Mustern dagegen üppige Antiquitäten.

Trotz Lust an der Opulenz will niemand zurück zum Ambiente mit Blümchentapete und Spitzendeckchen, weiß auch Peter Joehnk. Er stattet weltweit große Hotelketten aus und beobachtet auch hier einen Trend zum Ornament besonders auf Teppichen, Wänden und Leuchtern für den Lobby- und Barbereich sowie im Hotelzimmer. Er empfiehlt jedoch, in einem Raum immer nur ein Muster zu betonen und warnt vor wilden Mischungen: less ist eben more.

Arabeske: Ornament aus der islamischen Kunst, stark stilisierte, ineinander verschlungene Pflanzenranken.

Chinoiserie: Westliche Adaption von traditionellen chinesischen Mustern. Hauptmotive Gärten und Pagoden.

Mäander: Streng lineares, rechtwinkliges Ornament mit Ursprung in der Antike, wird als Bordüre verwendet.

Mille Fleurs: Muster, das sich aus vielen Blumen zusammensetzt.

Paisley: verschnörkeltes orientalisches Muster, das auf einem spitz zulaufenden, gebogenen Blatt basiert.

Rocaille: muschelförmige, asymmetrische Ornamente. Toile-de-Jouy: feingliedriges Muster. Liebliche Landschaftsszenarien und Figuren, populär im Frankreich des 18. Jahrhunderts. il

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