Immobilien : Die Quadratur des Kreises

GERHARD WISTUBA

Unübersehbar sind sie, obwohl sie am Rande der Stadt stehen - vier voluminöse Zylinder aus rotem Backstein: die Gasometer im Wiener Gemeindebezirk Simmering.Jahrzehntelang standen sie leer, verwaiste Zeugen der Gründerzeit im vergangenen Jahrhundert.Nun aber sollen die Gasbehälter eine Metamorphose vollziehen, vom Baudenkmal ohne Nutzen, zum Domizil für Wiener Haushalte.Das äußere Erscheinungsbild wird sich dabei nicht verändern, denn die backsteinroten Gemäuer stehen unter Denkmalsschutz.So soll sich diese Verwandlung unscheinbar im "Bauch" der schweren Baukörper vollziehen.Das aber lassen sich die Entwickler 150 Mill.DM bis 2001 kosten.

Wer ins Innere der Giganten abtaucht, braucht viel Phantasie, um sich vorzustellen, daß die einstige Lagerstätte für giftiges Gas bald Menschen ein Heim bieten soll.Zwar beträgt der Durchmesser 64 Meter, aber unter der Dachkuppel ist es düster.Die Fenster zeichnen Muster auf den Betonboden.Nur hin und wieder ist der Flügelschlag von Tauben zu hören.Es riecht muffig.Jahrzehntelang stand hier Wasser gut fünf Meter hoch.Darüber lagerte das Gas unter einer eisernen Glocke.An den Wänden sind immer noch Wasserflecken zu sehen.

Schon 1991 veräußerte die Stadt Wien die Gemäuer und ein 52 000 Quadratmeter großes Areal an den Wiener Wirtschaftsförderungsfonds.Die Verantwortlichen des Fonds gaben die Hoffnung auf eine sinnvolle Umnutzung bald auf.Erste Planungen für ein Hotel oder ein Modecenter scheiterten.Das Gelände wechselte abermals seinen Besitzer.Der neue Käufer, ein Bauträger, hatte mehr Glück.Denn zu dieser Zeit beschlossen Stadtverwaltung und Wiener Verkehrsbetriebe die U-Bahnlinie 3 zu verlängern: Sie hält nun unmittelbar vor dem Gasometer.

Die gute Verkehrsanbindung brachte neuen Schwung in die Planungen.Sie sehen nun etwa 700 Wohnungen vor, Eigentum und Mieteinheiten, sowie ein Studentenheim.Die Kaltmieten sollen umgerechnet 11,50 DM nicht überschreiten und sind somit für breite Schichten erschwinglich - derart günstige Mieten sind in Wien nicht die Regel.

Mehr Miete dürften die Läden für den täglichen Bedarf einbringen.Sie sollen in die unteren Etagen einziehen, wo auch eine Veranstaltungshalle entstehen soll.Büros sehen die Pläne auch vor.Wieviele ist unklar, darüber diskutieren die Entwickler noch, denn der Wiener Markt für Büroimmobilien ist nicht im Lot.Zwar gehen Gewerbeflächen in modernen Neubauten weg wie die sprichwörtlichen warmen Semmeln, sagen Mitarbeiter von Jones Lang Wootton.Die Makler räumen den Gasometern aber auf dem Büromarkt keine großen Chancen ein, weil die Bauten zu weit am Stadtrand liegen."Büronutzer, hauptsächlich Dienstleister, siedeln sich entweder in der Innenstadt an oder im nächsten Umfeld des Flughafens Schwechat", sagt Martin Weinwurm.

Am Umbau der Gasometer versuchen sich fünf namhafte Architekturbüros: Jean Nouvel, Coop Himmelb(l)au (Helmut Swiczinsky und Wolf D.Prix), Manfred Wehdorn und Wilhelm Holzbauer.Ihre größte Herausforderung ist es, Licht ins Innere des Baudenkmals zu leiten.Sichtschlitze neben die vorhandenen Fenster in die Gemäuer wollten die Baumeister schlagen, doch das versagten ihnen die Denkmalschützer.Nichts hatten die Behörden aber gegen einen Austausch der Holzdächer gegen Glaskuppeln mit moderner Spiegeltechnik.Das ist die einzige Möglichkeit, ohne künstliche Beleuchtung und ohne die Mauern zu verändern die Zylinder aufzuhellen.

Im Inneren der Gasometer passen drei Architektenteams die Gestaltung der Form des Zylinders an: Dadurch entstehen Wohntürme mit runden Innenhöfen.Einen ganz eigenen Weg geht dagegen Wilhelm Holzbauer: Er errichtet mitten im Gasometer ein modernes Wohnhaus.Das Gebäude besteht aus drei Wohnblöcken, von einem zentralen Treppenturm erschlossen.Aus der Vogelperspektive sieht der Grundriß aus wie ein Propeller.Zwischen Neubau und Gasometerwänden bleibt eine "Abstandsfläche" von rund drei Metern, genug Platz für einen begrünten Hof.Hier wachsen dereinst sogar Bäume.Wurzeln schlagen sie in Erdkoffern, die unter den Böden der Höfe eingelassen werden.

Obwohl Journalisten, Architekturstudenten und Bauträger aus aller Welt reges Interesse an den Gasometern bekunden, ist noch kein Raum vermietet.Das hat seine Gründe.Noch steckt das beachtenswerte Projekt in den Kinderschuhen, außerdem liegt es mitten in einem Industriegebiet.Hier poltern schwere LKWs über die Straßen."Es wird schwierig, die Leute hier heraus zu locken", sagt Christoph Kecht vom Bauträger Gesiba, "doch wir arbeiten daran, die Infrastruktur zu verbessern." Die Entwickler wollen die Gewerbebetriebe aus dem direkten Umfeld an neue Standorte umsiedeln.

Erfolgreich waren sie bereits bei einer Fettfabrik.Bei der Herstellung des Schmierstoffes entstanden penetrante Gerüche und verbreiteten sich über das Gebiet.Eine "Versetzung" der Gasbetriebe Wiens, die von einem benachbarten Grundstück den Energieträger verteilen, dürfte nicht so einfach sein."Statt dieser unschönen Industriebauten, hätten wir lieber einen Park hier", sagt Entwickler Kecht.

Bis das alte Industriegebiet in Simmering zu einer begehrten Wohnlage wird, dürfte also noch einige Zeit vergehen, Jahre mindestens - vielleicht aber auch Jahrzehnte.

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