Immobilien : Die Spannung im Bogen halten

RALF SCHÖNBALL

Wie ein großes, zur Hälfte ins Erdreich versunkenes Rad steht das Gebäude mitten in der Hamburger Innenstadt.Ganz transparent ist die Fassade, so will es das Architekturbüro BRT.Mehr Glas haben nicht einmal Treibhäuser.Doch anders als Besitzer von Gewächshäusern dürften die Entwickler der SF-Bau wenig Interesse an tropischen Temperaturen im Inneren ihres Gebäudes haben - schließlich sollen hier einmal - sobald der Plan Wirklichkeit ist - Angestellte kühlen Kopf bei ihrer Schreibtischarbeit bewahren.Eine ausgeklügelte Haustechnik soll das Unmögliche möglich machen: Erträgliche Temperaturen sicherstellen, ohne die Nebenkosten in die Höhe zu treiben - kein einfaches Vorhaben.

"Durch den Bogen in der Konstruktion ist das Grundstück optimal ausgenutzt", sagt Rüdiger Ulrich.Er ist Projektleiter des "ABC-Bogen", wie die SF-Bau ihr Hamburger Vorhaben taufte: nach dem Namen der Straße, in dem das Glashaus entsteht.Keinen Hehl macht Ulrich aber aus den Nachteilen der transparenten Konstruktion: Die Sonne heizt sie auf, und der Schmutz ist schnell sichtbar.Schlagen sich solche "pragmatischen" Belange selten auf die Reißbretter der Baukünstlern nieder, für Eigentümer und Mieter von Bürohäusern sind sie von großer Bedeutung.Denn wenn die Reinigung eines Hauses teuer ist, dann steigen die Nebenkosten, und hohe Energierechnungen für die Kühlung der Räume sind ebenfalls preistreibend.

So sind Nebenkosten längst ein Dorn im Auge von Mietern und Eigentümern: Sie gelten als sprichwörtliche "zweite Miete", und wenn sie zu hoch ist, findet sich auch für große Architektur selten ein Nutzer."Wir rechnen mit Nebenkosten von etwa 5 DM pro Quadratmeter", sagt Rüdiger Ulrich.Ein ehrgeiziges Vorhaben, verlangen doch Vermieter für Neubauten in der Friedrichstraße bis zu 9 DM Nebenkosten und bei Altbauten aus den sechziger Jahren - wie das Europa-Center am Breitscheidplatz - sind Maklern zufolge sogar 10 DM zu berappen.

Daß nur die Hälfte dieser Summe beim Hamburger Neubau dereinst fällig werden, das erklärt der Projektleiter mit der eingesetzten Haustechnik: Keine Klimaanlage, sondern einfache Kühlschläuche durchlaufen das Gebäude.Durch die Schläuche fließt Wasser mit einer Temperatur von 19 Grad.Die Flüssigkeit nimmt die Wärme der Räume auf und fließt dann weiter.Das stellt angenehme Temperaturen in den Büroräumen sicher."Das Prinzip ist dasselbe wie bei einer Fußbodenheizung", sagt Ulrich.Diese Technik ist landläufig bekannt und bewährt, obwohl sie meistens nur in Einfamilienhäusern für wohlige Wärme sorgt.

An Wärme mangelt es in Bürohäusern aber nicht, im Gegenteil: Mensch und Maschine geben soviel Strahlung ab, daß die Heizung überhaupt nur bei klirrender winterlicher Kälte hochgefahren werden muß.Dagegen ist die Kühlung umso wichtiger und kann sogar zum Problem werden, wenn nicht nur Computer, Drucker und der übrige Technikpark auf Hochtouren läuft, sondern auch noch die Sommersonne brennt.Ihre Strahlen sollen aber erst gar nicht in den ABC-Bogen eindringen.Deshalb fährt eine Jalousie aus Aluminiumlamellen über die ganze, gläserne Gebäudehülle.Dieser Sonnenschutz erfolgt automatisch, bereits in den frühen Tagesstunden, damit sich das Gebäude gar nicht erst aufheizt.Ergänzend dazu und zwar bereits in den Nachtstunden, fließt das Wasser durch die Schläuche und kühlt die Betondecken zwischen den Stockwerken.Dadurch soll nur in Besprechungsräumen und Computerzentralen eine zusätzliche Klimatechnik erforderlich sein.

Bis dato ist das indes nur blanke Theorie - noch steht das Gebäude nicht.Dem Zufall wollen die Entwickler aber möglichst wenig überlassen: "Wir erproben derzeit im Labor die Technik für einen Büroraum im Maßstab eins-zu-eins", sagt Ulrich.Zuvor hatten die Planer bereits in Computersimulationen das Büroklima "nachgestellt".Der Grund: Hierzulande sei diese Kühltechnik seltener im Einsatz als beispielsweise in der Schweiz.Allerdings sind in neuen Berliner Bürobauten, etwa in der SPD-Zentrale, Kühldecken keine Seltenheit.Sie funktionieren nach einem ähnlichen Prinzip, nur daß das Wasser seine Kälte an Bleche abgibt.Das perforierte Metall hängt unter den Decken und gibt die gewünschte Temperatur an die Raumluft ab.Doch die Kühlung mit Hilfe von Wasserschläuchen ist billiger in Herstellung und Einbau.

Trotz der großen Flächen setzten die Planer in Hamburg konventionelles Glas ein."Hätte es eine Beschichtung als Sonnenschutz, die Nutzer hätten immer das Gefühl, daß es draußen regnet", sagt Ulrich.Das eingesetze, "konventionelle" Glas verfüge über einen K-Wert von 1,0, zusammen mit den Aluminiumprofilen, in die das Glas mit Hilfe von Dichtungen und Klemmen eingefaßt ist, komme das Gebäude auf einen K-Wert von 1,4.Stahlbetonbauten schnitten zwar "einen Tick besser" ab, da aber Bürohäuser ohnedies nur ein Minimum an Heizung benötigten, falle die Differenz kaum ins Gewicht.

Problematischer war es, eine Lösung für die Reinigung der Fassade zu finden: Eine Glasfassade bietet keinen großen Halt.Nun sollen kleine Gondeln über die Stahlbögen fahren, besetzt mit Reinigungskräften, die sich von dort auch an den Fassaden des elfgeschossigen Baus herablassen können.Kapriolen müssen sie also nicht schlagen, um die Spannung - die Transparenz - im ABC-Bogen zu halten.

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