Immobilien : Die Suche nach dem wunden Punkt

Der Einsturz des World Trade Centers nach dem Terrorangriff wirft die Frage nach der Sicherheit von Turmbauten auf - auch am Alexanderplatz

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Von Matthias B. Krause

Chicago hat sie, New York sowieso. Singapur hat sie auch und Frankfurt am Main kann mit dem höchsten Wolkenkratzer Europas werben. Berlin dagegen hat bislang wenig vorzuweisen im globalen Wettbewerb um das höchste, eleganteste, eindrucksvollste in den Himmel strebende Gebäude. Pläne gibt es aber genug.

Schon 1921 entwarf Mies van der Rohe für den Bahnhof Friedrichstraße einen langen, schlanken Büro-Obelisken. Schlechter Baugrund und Geldmangel verhinderten die Umsetzung des kühnen Projekts. Bis heute ist die Sehnsucht nach einer markanten Skyline unerfüllt. Das soll sich ändern, Ende April kauften mehrere Investoren Parzellen rund um den Alexanderplatz, auf denen bis 2013 zehn Türme den Sternen entgegenstreben. Wenn alles gut geht. Doch neben den üblichen ökonomischen und bautechnischen Unwägbarkeiten müssen sich die Hochhaus-Planer seit den Anschlägen auf das World Trade Center mit einem weiteren Problem befassen: dem Sicherheitsrisiko.

Sogar Fachleute waren fassungslos, als am 11. September 2001 die beiden 400 Meter hohen Wolkenkratzer in Manhattan in sich zusammenfielen und 2829 Menschen in den Tod rissen. 53 Minuten hielt der Südturm der Feuersbrunst stand, die nach dem Einschlag der von Terroristen gesteuerten Boeing 767 wütete, 103 Minuten der Nordturm, etwas weiter oben vom ersten Jumbojet getroffen. Dabei war es keineswegs so, dass die Konstrukteure des 110 Stockwerke hohen World Trade Centers bei ihren Berechnungen die Gefahr einer Flugzeugkollision vergessen hätten. Ein B-25 Bomber, der 1945 bei dichtem Nebel in das Empire State Building geflogen war, diente den Bauingenieuren schon damals als warnendes Beispiel.

So berechneten sie für die Türme minutiös die in diesen Höhen mächtigen Windkräfte. Und auch die Folgen eines Unglücks mit einer Boeing 707. Das war zum Zeitpunkt der Planung, Anfang der 70er Jahre, die größte Passagiermaschine. Die beiden Düsenjets, die die Terroristen mehr als 30 Jahre später mit Geschwindigkeiten zwischen fast 800 und über 900 Stundenkilometer in die Gebäude steuerten, waren rund 20 Prozent schwerer. Die Maschinen allein hätten kaum den Fall der Tower bewirkt. Vielmehr war es die von rund 3800 Litern Kerosin ausgelöste Explosion und die anschließende Feuersbrunst, die die Träger weich werden ließen. Bei 500 Grad verliert Stahl bereits die Hälfte seiner Festigkeit, nach den Einschlägen haben laut Schätzungen von Experten in den betroffenen Etagen Temperaturen zwischen 1000 und 2000 Grad geherrscht.

Dahinschmelzende Stahlträger

25 Brandschutzexperten und Ingenieure rekonstruierten das, was anschließend geschah. Sie kamen zu diesem Ergebnis: Die Stahlträger, die die Aluminiumaußenhaut und die Hauptlast der Gebäudekonstruktion hielten, verloren ihre Tragfestigkeit und bogen sich unter dem Gewicht der auf ihnen lastenden Stockwerke nach außen. Die nun ihrer Verankerung beraubten Deckenkonstruktion gab der Schwerkraft nach, rauschte nach unten und riss ein um das andere Stockwerk mit sich, bis das ganze Gebäude zu Stahl und Staub zerfallen war.

Die Fachleute der American Society of Civil Engineers und der Federal Emergency Management Agency (FEMA) kommen in einem im Mai vorgelegten Untersuchungsbericht zu der Erkenntnis, dass die Hochhauskonstruktion erstaunlich lange den immensen Kräften standgehalten habe. Es gebe keine Anzeichen dafür, dass statische oder konstruktive Mängel vorgelegen hätten, heißt es in dem 296-Seiten-Papier. Im Gegenteil, vielfach seien die gesetzlichen Vorschriften für Statik und Brandschutz, die allerdings teilweise noch aus den 20er Jahren stammen, übertroffen worden. Wenn aber ein verheerender Kollaps bautechnisch kaum oder nur unter großem finanziellen Aufwand zu verhindern ist, sind Wolkenkratzer ab einer bestimmten Höhe, ob nun in Manhattan oder am Alexander Platz in Berlin, unweigerlich auch eine Art Einladung für Terroristen zu spektakulären Anschlägen.

Die Kosten der Sicherheit

Was es am Ende kosten könnte, Hochhäuser sicherer zu machen, lässt sich derzeit noch nicht sagen. Dazu sind die bisher vorliegenden Ergebnisse der World Trade Center Katastrophe zu vage. Gene Corley, der Leiter des FEMA-Untersuchungsteams, beklagte bei einer Anhörung vor dem US-amerikanischen Kongress Zeitmangel und zu wenig Kapazitäten. Viele Punkte seien offen geblieben. Weder die Ausbreitung der Feuer habe restlos geklärt werden können, noch habe die Zeit für eine Computersimulation gereicht. Wie viel Brandschutzschaum bei dem Einschlag der Flugzeuge von den Stahlträgern abgerissen wurde, ist bislang ebenso ungeklärt. Ein wichtiges Detail, denn jede Minute, die die Träger der Feuersbrunst länger widerstanden, rettet ungezählte Leben.

Insbesondere auf Druck der Angehörigen entschloss sich die US-Regierung im August, 16 Millionen Dollar für weitere Untersuchungen der Katastrophe zur Verfügung stellen. Innerhalb von zwei Jahren wollen nun die Wissenschaftler vom National Institute of Standards and Technology in Gaithersburg bei Washington D.C. Ergebnisse vorlegen. Mehr als 100 Stahlteile sind bislang auf den Campus der Universität abgeladen worden. „Unter den gegebenen Umständen haben wir einen ganz ordentlichen Durchschnitt“, sagt Forschungsleiter Shyam Sunder. Ein Teil des Stahls war allerdings noch während der Aufräumarbeiten am Ground Zero eingeschmolzen und recycelt worden. Weitere Träger landeten als Ausstellungsstücke in Museen. Das Ziel seiner Mission fasst Sunder so zusammen: „Wir hoffen, Möglichkeiten zu finden, die uns helfen werden, in der Zukunft die Anfälligkeit der Konstruktionen für chemische und biologische Gefahren zu verringern.“ Dazu werden die Wissenschaftler nicht nur die Überreste der Zwillingstürme untersuchen, sondern auch eine ganze Reihe von Zeugen befragen.

Es gibt noch eine weitere Informationsquelle, die bislang jedoch eher spärliche Daten liefert: Die Versicherungsgesellschaften haben auf eigene Faust ein Expertenteam eingesetzt, das den Fall der Tower analysiert. Nach Informationen der „New York Times“ umfasst deren Untersuchung mehr als 1700 Seiten sowie Tausende von Diagrammen und Fotos. Auch eine detaillierte Computersimulation der Geschehnisse in den Türmen des World Trade Centers am 11. September soll existieren. Allerdings von der Gegenseite, dem Pächter Larry A. Silverstein. Der liefert sich mit den Versicherungen einen erbitterten Kampf um die Entschädigungssumme. Viele Millionen gaben beide Seiten bereits für ihre Recherchen aus - die Ergebnisse sind jedoch zumindest bis Prozessbeginn streng geheim. Die Port Authority, Besitzer der Grundstücks, auf dem die Türme standen, mag derzeit selbst die original Baupläne nicht herausrücken.

Bei dem Streit vor dem Bundesgericht in Lower Manhattan geht es um Milliarden. Die Versicherungen wollen für 3,5 Milliarden Dollar gerade stehen. Silverstein beansprucht die doppelte Summe. Er beharrt darauf, dass es sich um zwei separate Versicherungsfälle handelt. Schließlich habe es zwei Flugzeuge gegeben, die in die Gebäude eingeschlagen seien. Der heikle Prozess kann sich über Jahre hinziehen. Auf Druck der Öffentlichkeit hat Silverstein jetzt zumindest ein erstes Paket nach Gaithersburg geschickt. Die Computersimulation, die als dreidimensionale Animation das gesamte Ereignis vom Einschlag der Maschinen bis zum Kollaps der Tower rekonstruiert, fehlt allerdings.

Einige Hochhausbesitzer mögen nicht warten, bis die Forscher vom Washingtoner Institut Ergebnisse vorlegen. Schließlich wiederholt die US-amerikanische Bundespolizei FBI immer noch regelmäßig ihre Warnung, exponierte Bauwerke in New York könnten das nächste Ziel von Terroranschlägen sein. Offensichtlich unter dem Eindruck dieser diffusen Bedrohung entschloss sich etwa Boston Properties, Besitzer des Citigroup Centers in Midtown Manhattan, die Konstruktion ihres fragilen 49-stöckigen Hochhauses mit Millionenaufwand zu verstärken. Zwei Monate lang ergänzten Arbeiter die vier stelzenartigen, neun Stockwerke hohen Pfeiler, auf denen das Gebäude ruht. Stahl und Blei sollen sie gegen Bombenanschläge sichern.

Schweigen und Handeln

Offiziell bestätigen mochte das Unternehmen das nicht. „Derzeit läuft ein Programm, das die Sicherheit aller unserer Gebäude garantieren wird“, sagt der New Yorker Bürochef von Boston Properties, Robert Selsam - und sträubt sich, ins Detail zu gehen. Das sei weder im Interesse des Unternehmens, noch der Mieter oder der Stadt.

Zumindest diese Sorgen hat in Berlin derzeit niemand. Baubeginn für die bis zu 150 Meter hohen Türme ist 2006, avisierter Fertigstellungstermin 2013. Skeptiker unken jedoch bereits, dass die Hochhäuser wegen mangelnder Nachfrage nach Gewerbeflächen nie über massive Sockelbauten hinauswachsen werden. Der Minderwertigkeitskomplex gegenüber Chicago, New York, Singapur und Frankfurt bliebe so zwar erhalten, dafür müsste sich niemand über die Sicherheit in Klein Manhattan am Alexander Platz Sorgen machen.

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