Immobilien : Duftendes Kernobst

Quittenbäume bieten im Frühjahr leuchtende Blüten und im Herbst aromatische Früchte

Gert D. Wolff

Die früher so überaus beliebten Quittenbäume sind in unseren Gärten selten geworden. Bis gegen Ende des 19. Jahrhunderts waren sie in Mitteleuropa weit verbreitet, ihre aromatischen Früchte ein vielseitig verwendetes und hoch geschätztes Obst. Obwohl recht anspruchslos und resistent gegenüber vielen Schädlingen und Krankheiten, kam der Quittenbaum aus der Mode und wird bei uns heute immer seltener kultiviert.

Eine Ursache dafür ist möglicherweise seine Frostempfindlichkeit, die höher ist als bei seinen Verwandten, dem Apfel oder der Birne. Auch seine Anfälligkeit für Feuerbrand könnte dazu beigetragen haben, dass die Quitte in Ziergärten selten zu finden ist. Quittenfreunde, die es auch heute noch gibt, halten das dekorative Gehölz freilich immer noch für die Krönung des Obstgartens. Rosarot oder weiß leuchten die Blüten von Mai bis Juni an dem bis zu sechs Meter hohen Quittenbaum.

Im Spätherbst verströmen die reifen, goldgelben Früchte der Quitte einen angenehmen Duft, der an Rosen und Zitronen erinnert. Geerntet werden die je nach Sorte apfel- oder birnenförmigen Früchte im Oktober und November – möglichst nicht vor den ersten Nachtfrösten. Allerdings kann man die so verführerisch duftenden Quitten nicht roh essen, denn ihr stark säuerlich-herbes Fruchtfleisch, das sich unter der pelzigen Schale verbirgt, bleibt zunächst hart und holzig. Erst gekocht und gesüßt zeigt es seine wahren Qualitäten und entfaltet sein ganzes Aroma. Aus Quitten lassen sich feine, fruchtige Gelees und Marmeladen, Kompott, aromatische Liköre und Schnäpse herstellen. Nicht zu vergessen das noch heute beliebte Quittenbrot, was allerdings eine süße vorweihnachtliche Nascherei ist. Bei kühler Lagerung zwischen zwei bis sieben Grad lassen sich die reifen Früchte je nach Sorte bis zu einem Monat aufbewahren.

Auf dem Speisezettel des Menschen steht die Quitte seit über 4000 Jahren. Sie dürfte damit zu den ältesten Früchten überhaupt gehören. Ihren botanischen Namen cydonia oblonga verdankt sie der antiken Stadt Kydonia auf Kreta. Dort soll nach der griechischen Sage zum ersten Mal ein Quittenbaum gepflanzt worden sein. Als Ursprungsländer gelten aus heutiger Sicht jedoch vor allem Zentral- und Südwestasien, Transkaukasien und Nordpersien, wo der Baum noch wild vorkommt. Im antiken Griechenland war die Quitte die heilige Frucht der Aphrodite und Symbol für Glück, Liebe, Fruchtbarkeit und ein langes Leben. Zu Zeiten des Athener Gesetzgebers Solon (circa 640 - 561 v. Chr.) mussten Brautleute vor der Hochzeitsnacht gemeinsam eine Quitte verzehren – nach der Deutung Plutarchs ein lieblicher und zugleich bitterer Vorgeschmack auf die Freuden und Leiden der Ehe. Allerdings dürften die „Kydonischen Äpfel“, wie sie damals hießen, auf Grund des günstigeren Klimas im Mittelmeerraum insgesamt süßer und meist auch in rohem Zustand genießbar gewesen sein. Den Göttern jedenfalls sollen keine Früchte als Opfergaben so angenehm gewesen sein wie die Quitten.

Kein Wunder, dass auch die Römer an dem duftenden Kernobst aus der Familie der Rosengewächse Gefallen fanden und es im ganzen Reich verbreiteten. Und in der Landgüterverordnung Karls des Großen wird der Anbau der Quitte ebenfalls empfohlen. Im Mittelalter war die Frucht weit verbreitet. In Frankreich wurde sie so hoch geschätzt, dass man die „nützlichste aller Früchte“ in Form von Quittenpaste sogar königlichen Hoheiten als Geschenk darbrachte. Vor allem die begehrten Birnenquitten aus Portugal – dort marmelo genannt – galten damals als die edelsten. Unser heutiges Wort Marmelade leitet sich davon ab.

Abgesehen von ihrem köstlichen Geschmack ist die Quitte aber auch sehr gesund und schon seit dem Altertum eine geschätzte Heilpflanze. Im 4. Jahrhundert vor Christus lobte Hippokrates sie als die für medizinische Zwecke nützlichste Frucht. Ihre Inhaltsstoffe wirken entzündungshemmend, zusammenziehend, kühlend und reizmildernd, vor allem wegen ihres hohen Pektin- und Schleimstoffgehaltes. Die heilige Hildegard von Bingen empfahl bereits vor rund 900 Jahren Quittenmedizin unter anderem gegen Hautausschläge, Geschwüre und bei Arteriosklerose.

Die Anwendungsgebiete waren so vielseitig, dass der mittelalterliche Gelehrte Hieronymus Bock die Frucht in seinem 1539 erschienenen Kräuterbuch als wahre Apotheke pries: „Niemand besitzt, wie ich meine, genug Gewandtheit im Reden, dass er die guten Kräfte der Quitte erklären kann, wie sie es verdienen“. Vor allem der aus den Kernen zubereitete Quittenschleim leistete Jahrhunderte lang wertvolle Dienste bei Verbrennungen, Wundbehandlung, Halsentzündung, Magen- und Darmbeschwerden, Bronchitis und Husten. Dieser Schleim war unter dem Namen Mucilago Cydoniae lange Zeit in den Apotheken erhältlich. Der Saft der Quitten und das getrocknete Fruchtfleisch dienten ebenfalls als Heilmittel.

Nicht nur die moderne Medizin und Pharmazie machten sich die heilenden Eigenschaften vor allem der Samenhülle der Quitte zu Nutze. Auch in der Pflanzenkosmetik findet die pektin- und schleimstoffreiche Frucht bei der Herstellung hautglättender Schönheitscremes zunehmend Verwendung.

Ob auch der mittelalterliche Glaube an eine weitere besondere Eigenschaft der Quitte seine Berechtigung hatte, ist bislang allerdings nicht bewiesen: Damals galt der Genuss von Quitten während der Schwangerschaft als Garantie für kluge und schöne Kinder.

0 Kommentare

Neuester Kommentar