Ebay-Dorf : Große Vision, kein Geld

Für ein sächsisches Mini-Dorf Liebon wurde lange ein neuer Eigentümer gesucht wurde. Einer fand sich schließlich - und der hat ehrgeizige Pläne.

Anett Böttger
Andreas Reitmann möchte im sächsischen Liebon einen energie-autarken Mehrgenerationenhof errichten.
Andreas Reitmann möchte im sächsischen Liebon einen energie-autarken Mehrgenerationenhof errichten.Foto: Arno Burgi/dpa

Ein Wohnhaus, drei Stall- und Lagergebäude, knapp 1,5 Hektar Land und ein Teich: Andreas Reitmann gehört ein eher unscheinbarer Hof im Osten Sachsens. Doch Liebon, wie der Mini-Ort abseits der Straße zwischen Bautzen und Kamenz heißt, hat 2009 bundesweit Schlagzeilen gemacht. Als ganzes Dorf boten ihn seine damaligen Besitzer auf der Auktionsplattform Ebay an. Die Versteigerung erreichte nicht direkt einen Käufer. Reitmann erwarb das Anwesen erst später – um dort seine Idee von einem energie-autarken Mehrgenerationenhof zu verwirklichen.

Die Vision des gelernten Kaufmanns ist es, auf fossile Brennstoffe völlig zu verzichten. „Es gibt keine Alternative zu regenerativen Energien“, sagt der Mann, der im Jahr 2000 in München in seine erste private Photovoltaikanlage investierte. Er arbeitet für eine Schweizer Firma, die Wind- und Solaranlagen baut. Neben Sonnenenergie will er auf dem Hof Erdwärme, Brunnen- und Quellwasser nutzen. „Das, was ich machen will, ist durchkalkuliert.“ Derzeit wohnt der Vater von drei Kindern in Dresden zur Miete. Ende 2014 wollte er eigentlich nach Liebon ziehen, doch bekam bisher keinen Kredit. „Die Banken machen mir das Leben schwer“, klagt der 48-Jährige. 800 000 Euro bräuchte er, um im ersten Schritt das Wohnhaus auszubauen.

Die betroffene Bank will sich zum konkreten Antrag nicht äußern. Generell gelte, dass persönliche Kreditwürdigkeit, vorhandene Sicherheiten sowie mögliche Risiken einer Investition beurteilt würden, teilt sie mit. „Wir hoffen, dass Herrn Reitmanns Konzept die Banken überzeugt“, sagt der Landrat des Landkreises Bautzen, Michael Harig (CDU). Die historische Bausubstanz in Liebon vor dem Verfall zu retten, noch dazu mit der Idee eines autarken Dorflebens, komme den Zielen des Landkreises entgegen.

Bei Ebay stand Liebon für 300 000 Euro zum Verkauf

Das 1332 erstmals erwähnte Dorf liegt im Siedlungsgebiet der katholischen Sorben, einer slawischen Minderheit. Ein Kruzifix gleich hinter dem Ortsschild weist darauf hin, dass es ein geweihter Ort ist. „Sogar einen eigenen Pfarrer hatte die Gemeinde“, berichtet Reitmann. Nur noch zugewachsene Ruinen stehen von einem zweiten Gehöft. Es sei in den 1960er Jahren abgebrannt.

Bei Ebay stand Liebon für 300 000 Euro zum Verkauf. Als Interessent hatte sich zwischenzeitlich ein kirchlicher Orden ins Gespräch gebracht, doch ihm fehlte das Geld. Für 62 000 Euro erhielt Reitmann 2012 den Zuschlag. „Damals war das Dorf mit acht Leuten noch bewohnt“, erinnert er sich. Der riesige Hof könnte Platz für deutlich mehr Menschen bieten. Der neue Eigentümer plante ein Modelldorf zum nachhaltigen Leben mit Wohnungen in allen Gebäuden. Das allerdings erlaubte die Gemeinde Göda nicht, zu der Liebon gehört. Nur ein Haus darf er zum ständigen Wohnen sanieren. In Ställen, Scheunen und Lagern könnten Herberge, Hofladen, Büros und Schankwirtschaft entstehen.

Ähnliches Konzept, andere Region: Cordula und Veit Hofrichter besitzen ebenfalls ein ganzes Dorf, Burghardsmühle in Neuler (Baden Württemberg). Den Hof, zu dem zwei Häuser, Ställe, fünf Hektar Land und ein eigenes Ortseingangsschild gehören, kauften die beiden Landwirte 2008. „Seither sind wir im ewigen Aufbau“, räumt Cordula Hofrichter ein. Mit den beiden Söhnen wohnt das Paar im früheren Mühlengebäude. Sie handeln mit Bio-Lebensmitteln, halten eine Kuhherde und wollen ihr Land komplett ökologisch bewirtschaften. Die Familie nutzt eine eigene Trinkquelle, Holz zum Heizen und Solarenergie zum Erwärmen von Wasser.

Auch Andreas Reitmann gibt nicht auf. Er prüft finanzielle Alternativen für sein Mini-Dorf. „Die Zeit läuft. Ich sehe, wie es verfällt“, sorgt er sich. Freunde, Bekannte und Verwandte hätten sich für die Idee begeistern lassen, auf dem geplanten Energiehof zu leben. „Wenn Interessenten abspringen, habe ich keine Bange, neue zu finden.“

(dpa)

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