Ebay : Ein Dorf für 300.000 Euro

Eine etwas übertriebene Artikelbeschreibung bei Ebay hat eine Familie zu Medienstars gemacht.

Henry Berndt

Familie Schmidt ist gestresst. Täglich melden sich Medienvertreter. Und alle wollen eines wissen: „Wie bitte kommt man dazu, ein ganzes Dorf zu besitzen?“ „Indem man es kauft“, würde Alexandra Schmidt dann am liebsten antworten. Nie hätte sie gedacht, dass ihr idyllischer Vierseitenhof im sächsischen Liebon, in dem sie seit 1998 mit ihrem Mann wohnt, Schlagzeilen machen würde.

Angefangen hat der Rummel vor vier Wochen, als die Schmidts ihren Besitz bei der Auktionsplattform Ebay für 300 000 Euro erstmals zum Kauf anboten. „Die Idee war, uns ein bisschen von den anderen Inseraten abzuheben“, sagt Schmidt, die mit ihrer Familie in Richtung Dresden ziehen will. Statt „Hof zu verkaufen“ überschrieben sie ihre Anzeige deshalb mit „Dorf zu verkaufen“. Im Anzeigentext formulierten sie in riesigen bunten Lettern: „Einmalig!!! Kaufen Sie sich Ihr eigenes Dorf!“ Tatsächlich hat Liebon mit seinen acht Einwohnern eigene gelbe Ortsschilder, es gehört allerdings zur Gemeinde Göda. Streng genommen steht auch nicht ganz Liebon zum Verkauf. Eine Enklave eines anderen Privateigentümers inklusive Ruine aus den 60er Jahren liegt mitten im Ort.

Dennoch: Das Interesse an dem ungewöhnlichen Angebot zeigte sich schon nach kurzer Zeit am Besucherzähler der Verkaufsseite. Rund 25 000 Klicks kamen in den ersten drei Wochen zusammen, dann jedoch sperrte Ebay die Auktion. Die Schmidts hatten ein inzwischen gelöschtes Video über ihr Dorf bei Youtube eingestellt und es bei Ebay verbotenerweise verlinkt.

Doch der PR-Gag war damit nicht gescheitert. Nachdem die Auktion erneut lief, ging der Trubel erst richtig los. Die ersten Zeitungen meldeten sich, genauso wie erste Interessenten. Nun ging alles ganz schnell – ein bisschen zu schnell für Alexandra Schmidt. „Am Mittwochabend wäre ich fast zusammengebrochen“, sagt sie. „Ich wollte die ganze Sache am liebsten abbrechen.“ Nach fünf Liveinterviews im Radio konnte sie kaum noch sprechen. Die öffentliche Aufmerksamkeit erschreckte sie nun eher. Nichts sei ihr wichtiger, als das normale Familienleben zu behalten, betont Schmidt.

Die Zahl der Medienanfragen übersteigt die der ernsthaften Interessenten längst um ein Vielfaches. „Etwa 20 konkrete Kaufanfragen haben wir bis jetzt bekommen, allerdings noch kein offensives Angebot“, sagt Schmidt. In die Offensive gehen dagegen die Journalisten. Jede Menge Kaffee schenkten die Hausherren bereits an Reporter aus. Stefan Raab hat die Dorf-Verkäufer durch den Kakao gezogen. Und in Internetforen finden sich Einträge wie „Was ist mit den acht Fuzzis, die da wohnen, kauft man die mit und kann sie als Hofstaat halten?“

Langsam nimmt die Sache überhand. Deshalb hat sich die Familie schon mit einer Produktionsfirma getroffen, die Bilder aus Liebon künftig zentral für alle Sender anbieten soll. Bis zu den Sommerferien, hofft die Familie, soll alles vorbei sein. Der Besucherzähler bei Ebay steht inzwischen schon bei 35 000. Wie lange die Anzeige im Netz bleibt, ist ungewiss. „Wir wollen den Preis nicht unnötig hochtreiben“, sagen die Schmidts. Wenn jemand die 300 000 Euro biete, dann bekomme er auch den Zuschlag. ddp

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