Ehemaliges "Seebad der 20.000" : Volle Breitseite für Prora

Bauboom im "Kraft durch Freude"-Koloss: Die NS-Hinterlassenschaft beherbergt mehr und mehr Feriendomizile. Unsicher sind nur die Pläne für einen über 100 Meter hohen Wohnturm.

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Verfall und Tristesse war gestern. Mit dem neuen Jahr können sich Touristen jetzt über Internetplattformen in Ferienhauswohnungen in Block II einbuchen. Ob der in dieser Fotomontage angenommene Wohnturm hinten Realität wird, steht aber noch in den Sternen.
Verfall und Tristesse war gestern. Mit dem neuen Jahr können sich Touristen jetzt über Internetplattformen in Ferienhauswohnungen...Foto: Drebing Ehmke Architekten/dpa

Tristesse in Betongrau, zerschlagene Fensterscheiben und Graffiti an den Wänden: Wenn Ulrich Busch heute „sein Projekt” Prora auf der Insel Rügen besucht, ist von dieser noch vor zehn Jahren sichtbaren Morbidität nur wenig übrig. Auf einer Länge von einem Kilometer drehten sich im vergangenen Sommer an der von den Nationalsozialisten als „Seebad der 20.000” geplanten Anlage der Organisation „Kraft durch Freude” (KdF) die Baukräne. Betonfräsen dröhnten, Abrissbagger arbeiteten sich durch Mauerwerk.

Urlauber warteten vor Verkaufsbüros auf Beratungstermine, die mit Möglichkeiten zur Abschreibung für denkmalgeschützte Gebäude (AfA) und Finanzierungs- und Vermietungsmodellen zum Kauf einer Ferien- oder Eigentumswohnung locken: Goldgräberstimmung am Ostseestrand.

Prora: Vom KdF-Seebad zur Jugendherberge
1937 wurde das Modell des KdF-Seebades Prora der Öffentlichkeit vorgestellt, die Anlage des Architekten Clemens Klotz gilt als eines der ersten Beispiele von geplantem Massentourismus.Alle Bilder anzeigen
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04.07.2011 13:091937 wurde das Modell des KdF-Seebades Prora der Öffentlichkeit vorgestellt, die Anlage des Architekten Clemens Klotz gilt als...

Busch war der erste Eigentümer, der 2006 vom Bund zwei der fünf halbwegs intakten Blöcke des Monumental-Kolosses erworben hatte: 36 Hektar beste Strandlage für 455 000 Euro. Skeptiker schalten ihn, den Sohn des bekannten Arbeiterlied-Barden Ernst Busch (1900–1980), damals als Träumer mit dem Hang zu Selbstüberschätzung. Doch Busch gelang, was vorher keiner schaffte. Der heute 50-Jährige konnte bei der Gemeinde Baurecht für beide Blöcke mit Ferien- und Eigentumswohnungen sowie Hotelappartements erwirken. Insgesamt könnten bis zu 3000 Betten in der Nazi-Hinterlassenschaft Prora entstehen – so sehen es die Planungen vor.

Systemtreu dank "Kraft durch Freude"

Im nahen Ostseebad Binz ist dies wegen der zusätzlichen Konkurrenz zu Hotels und Pensionen heftig umstritten. Am 2. Mai 1936 ließ der Führer der Deutschen Arbeitsfront, Robert Ley, auf Geheiß Hitlers in der Prorer Wiek zwischen Binz und Sassnitz den Grundstein für das Mega-Feriendomizil legen. Die auf 4,5 Kilometer Länge konzipierte Anlage sollte die Deutschen neben anderen KdF-Projekten wie dem Urlaubsschiff „Wilhelm Gustloff” im gemeinsamen Erleben der nationalsozialistischen „Volksgemeinschaft” auf Systemtreue trimmen. Zur Inbetriebnahme als Massenferienobjekt kam es allerdings nie.

Der Nazi-Gebäudekomplex Prora auf Rügen
Der Nazi-Gebäudekomplex Prora auf Rügen hat einen neuen Besitzer. Ein Berliner Investor hat das zweitgrößte noch erhaltene Nazi-Bauwerk für 2,75 Millionen Euro ersteigert.Alle Bilder anzeigen
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31.03.2012 20:07Der Nazi-Gebäudekomplex Prora auf Rügen hat einen neuen Besitzer. Ein Berliner Investor hat das zweitgrößte noch erhaltene...

Mit Kriegsbeginn wurden die Arbeiten in Prora eingestellt. Nach Kriegsende nutzte die Nationale Volksarmee das Gebäude, bis 1996 die Bundeswehr. Noch heute ist die Anlage weitgehend erhalten. Eine Studie (S.T.E.R.N-Studie) im Auftrag des Bundes, dem damaligen Eigentümer, gab 1997 die weitere Entwicklung vor. Die Gesamtanlage wurde unter Denkmalschutz gestellt, vier Blöcke verkaufte der Bund an Privatinvestoren. Ein Block ging an den Landkreis, dort betreibt das Deutsche Jugendherbergswerk seit 2011 eine Unterkunft mit 400 Betten.

Die ersten Besitzer bezogen bereits 2014 ihre Wohnungen. Busch, der inzwischen in den Niederlanden lebt, hat heute eigenem Bekunden nach kein Eigentum mehr in Prora. Er sei heute als „freier Projektentwickler” für die Prora Solitaire GmbH tätig, der sechs von zehn Aufgängen im 450 Meter langen Block II gehören. „Ausreichend Arbeit für mindestens zwei weitere Jahre”, sagt Busch. Nachdem 2010 der Weg für den Umbau frei war, trennte er sich scheibchenweise von seinen zwei Blöcken, in denen jeweils ein Hotel mit je 300 Betten sowie 200 Eigentums-und Ferienwohnungen entstehen durften.

Heute kostet eine Wohnung so viel wie damals zwei Blöcke

Mit jedem Weiterverkauf in den vergangenen Jahren stieg der Wert der Immobilie. Wohnungsinteressenten zahlen heute zwischen 3000 bis 6600 Euro pro Quadratmeter. Eine größere und luxuriös ausgestattete Wohnung kostet inzwischen so viel, wie Busch 2006 an den Bund für zwei Blöcke zahlte – rund 450.000 Euro. Es entstehen hier Ferienwohnungen, die einem professionellen Hotelbetrieb im Bereich 4-Sterne plus sehr nahekommen, lässt Busch erklären. Gäste können sich über eine Lobby einchecken.

Um Reinigung und Betten sowie weitere Serviceleistungen kümmert sich ein Betreiber vor Ort. Dieser übernimmt auch das Management des in den Komplex integrierten SPA-Bereichs – Schwimmbad, Sauna sowie Außenpool inklusive. Letzterer soll ab Mitte 2016 zur Verfügung stehen. Sowohl alle Urlauber als auch die Bewohner der Eigentumswohnungen im Komplex werden zu ihm Zugang erhalten.

In der Lobby entstehen eine Bar und ein Restaurant. Weitere Restaurants und Cafés sind im Block II schon vorhanden bzw. entstehen noch. Auch eine Apotheke, Ärzte und Einzelhändler für Waren des täglichen Bedarfs sollen hier in der kommenden Saison zu finden sein.

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