Immobilien : Ein Bietergefecht um die Rykestraße

Wenn Immobilien unter den Hammer kommen, ist das auch immer ein Kräftemessen. Da geht es um die Frage: Wer bietet mehr? Doch mancher, der für viel Geld eine Immobilie ersteigert, sieht nicht gerade wie ein Millionär aus. Zu Besuch bei einer Immobilien-Auktion

Bernd Hettlage

Bei einer Million Euro steigt der elegant gekleidete Mann mit dem violetten Schlips und dem dazu passenden Einstecktuch ein. Zum Bieten hebt er lässig mit der rechten Hand den zusammengerollten Auktionskatalog in die Höhe. Mit der gleichen Geste könnte er auch einen Kellner herbeiwinken: „Zahlen bitte!“ Doch hier geht es um den Kauf eines Wohnhauses in der Rykestraße in bester Lage in Prenzlauer Berg. Der Wasserturm ist in Sichtweite, der Kollwitzplatz um die Ecke. Und wir sind nicht in einer Kneipe, sondern im Schöneberger Rathaus, wo die Deutschen Grundstücksauktionen AG Immobilien versteigert.

Bei 735000 Euro ging es los. Bei 900000 waren noch drei Bieter im Rennen. Jetzt sind sie nur noch zu zweit: der Mann mit der lila Krawatte und ein anderer im schwarzen Anzug weiter hinten. In Minutenschnelle geht es in zehntausend Euro-Schritten bis auf 1,25 Millionen. Dann federt der Krawattenträger plötzlich von seinem Stuhl hoch, geht nach hinten und setzt sich zu seinem Kontrahenten. Der ganze Saal folgt ihm mit den Augen. Nach einem kurzen Zwiegespräch hört der andere Mann auf, weiter mitzubieten. Doch noch bevor Auktionator Hans Peter Plettner „Eine Million, zweihundertfünfzigtausend zum Dritten!“ rufen und seinen Hammer auf das Pult vor ihm schnellen lassen kann, hebt sich rechts am Rand des Saales eine andere Hand.

Wieder drehen sich ein paar hundert Köpfe in diese Richtung. Der neue Bieter sieht aus wie ein Handwerker: Schwarze Lederjacke, grauer Pullover. Beides ist alles andere als elegant. Sein Gesicht ist vom Wetter oder vom Leben gezeichnet. Um die vierzig Jahre wird er sein, wie der andere Bieter. Der Krawattenmann lacht auf und geht jetzt nach vorne zu dem neuen Bieter. Wieder ein kurzes Zwiegespräch. Der ganze Saal sieht zu.

Man kann sich denken, was da gesprochen wird. Lila Krawatte zu schwarzer Lederjacke: „Sie können bieten, was sie wollen, ich kauf’ es sowieso. Also lassen sie es uns jetzt schnell beenden.“ Der Mann in der Lederjacke macht ein gequältes Gesicht. Auch seine Hand bleibt jetzt unten. Dafür geht fast gleichzeitig auf der linken Seite eine neue Hand in die Höhe: Eine Million dreihunderttausend. Der Saal lacht. Nun blickt der Mann mit der Krawatte gequält.

Immobilien für 86 Millionen Euro

Um ein Schauspiel wie das Bietergefecht um die Rykestraße zu erleben, dürften die meisten Besucher an diesem Tag in den Willy Brandt-Saal des Schöneberger Rathauses gekommen sein. Vier große Versteigerungen führt die Grundstückauktionen AG im Jahr in Berlin durch. Laut Auktionator Hans Peter Plettner ist sein Haus das größte seiner Art in Deutschland. Mit ihren Tochtergesellschaften versteigerte das Unternehmen im Jahr 2001 insgesamt 2183 Immobilien im Gegenwert von rund 86 Millionen Euro. Der kostenlose Auktionskatalog gehe weltweit an 82000 Kunden. Plettner ist Vorstand der Aktiengesellschaft und seit 1985 öffentlich bestellter und vereidigter Grundstücksauktionator. Dazu qualifiziert ihn nicht nur seine Ausbildung als Immobilienkaufmann, sondern auch Talent zum Reden und zum öffentlichen Auftritt.

Der 63-Jährige steht hinter dem Podium, blickt streng, scherzt gleich darauf mit dem Publikum und geht mit eigenen Fehlern souverän um: „450000 Mark . . . äh, Euro. Na, das hängt wohl damit zusammen, dass ich noch an der alten Währung hänge.” Plettner parliert und lässt seinen Hammer sausen.

Auch Werbung in eigener Sache beherrscht Plettner: „Auf unseren Auktionen gehen regelmäßig 80 bis 85 Prozent der angebotenen Objekte weg.” Und das, obwohl sich der Immobilienmarkt in einer „scharfen Baisse” befinde. Doch sein Auktionshaus ermittle eben marktgerechte Preise. Deshalb seien seine Versteigerungen auch regelmäßiger Treffpunkt der gesamten Immobilienszene – nicht unbedingt zum Kaufen, aber „zum Gucken”.

Auch an diesem Abend bieten nur etwa 20 der rund 600 Anwesenden mit. Drei Viertel der Besucher sind Männer. Die Frauen sind meist in Begleitung da. Auf dem Podium sitzen gut zwei Dutzend Leute. Ein paar ältere, meist streng blickende Männer mit Anzug und Krawatte. Und auffallend viele junge, hübsche Frauen. Sie sind sorgfältig geschminkt und gekleidet: weiße Bluse, die zwei obersten Knöpfe offen, eine von ihnen muss beim Laufen ihre Hand auf den Brustansatz ihres tiefen Dekolletés legen.

Überhaupt laufen die Frauen und Männer auf dem Podium die ganze Zeit hin und her. Sie verlassen den Saal und kommen wieder zurück, auch während der Veranstaltung. Wer dort oben was macht, ist für den Zuschauer nicht ersichtlich. Plettner sagt aber, alle würden gebraucht und jeder habe seine spezielle Aufgabe: „Das greift ineinander wie ein Schweizer Uhrwerk.”

In der Friedrichstraße geht’s los

Zu diesem Uhrwerk gehört es, dass eine Mitarbeiterin von Plettner Zustand, Lage, städtebauliche Auflagen und Mieteinnahmen der jeweiligen Immobilie verliest. Weitere Informationen bieten die vor dem Saal ausliegenden Gutachten. „Wir prüfen jedes Gebäude auf eigene Kosten und mit eigenen Leuten”, sagt Plettner. „Die Braut wird bei uns nackt ausgezogen.“ Für ihre Arbeit erhält die AG vom Käufer Courtagen zwischen sechs und 15 Prozent des Kaufpreises. Je höher der Preis, desto geringer ist der prozentuale Anteil für das Auktionshaus.

Die zehn ersten „Bräute“ heute Abend dürften auch die spektakulärsten sein. Ihr Wert liegt im Millionen-Bereich. Der weitaus größere Teil des Auktions-Angebots bewegt sich auf einem anderen Niveau. Da geht es dann um Garagengrundstücke für ein paar Hundert Euro oder kleine Häuser, die durchaus schon für 20 000 oder 30 000 Euro zu haben sind.

Aber die erste Versteigerung ist ein Altbau in der Friedrichstraße in Mitte, ein Wohnhaus unweit des Oranienburger Tors. Es ist die Nummer zwei aus dem Katalog, wird aber auf Wunsch eines Kunden, so Plettner, vor der Nummer eins versteigert. Aufgerufen wird das Objekt mit 1,055 Millionen Euro. Ein Bietergefecht zwischen zwei Besuchern beginnt. Dann mischt sich eine Frau im Saal ein. Sie hält ein Handy ans Ohr, steigert offensichtlich im Auftrag des Anrufers mit. In 5000 Euro-Schritten geht es nach oben. 1,3 Millionen. Plettner redet schnell, in knappen Sätzen: „Heißt das, eine Million, zweihunderttausend – Danke.” Oder: „Eine Million, dreihundertzehntausend sind vom Herrn links in der Mitte geboten.”

Von dem Herrn links in der Mitte ist nur die Hand zu sehen. Und er steigt erst bei dieser Summe ein. Plettner zögert erst eine Weile und tastet mit seinem Blick noch einmal den ganzen Saal ab, bevor der Hammer „zum Dritten” fällt. Bei 1,36 Millionen Euro. „Herzlichen Glückwunsch“, sagt er zu dem Käufer.

Dann die Überraschung: Der Mann hat einen grauen Bart und trägt eine ärmellose Thermojacke. Er ist in Begleitung einer Frau mit einem ausgeleierten blauen Pullover. In dieser Aufmachung könnten sie ebenso gut vor einem Wohnwagen auf einem Campingplatz in Mecklenburg-Vorpommern sitzen. Zufrieden verlassen sie den Saal. Ob das die Kunden waren, auf deren Wunsch die Versteigerung des Hauses vorgezogen wurde? Wahrscheinlich. Aber was haben die jetzt noch vor? Was macht man wohl, nachdem man 1,3 Millionen Euro ausgegeben hat?

Später muss der Mann mit der violetten Krawatte ungleich härter um das Haus in der Rykestraße kämpfen. Nachdem er seine beiden Mitbieter zum Aufhören überredet hat, steigt ein weiterer Widersacher bei 1,3 Millionen ein. Zur Freude des Publikums. Der Mann in dem eleganten Anzug stutzt, dann lacht er. Dieses Mal sucht er nicht mehr das Gespräch mit dem neuen Bieter. Der sieht dennoch bald ein, dass er keine Chance hat – und steigt wieder aus. Psychologie eben. Bei 1,36 Millionen Euro fällt der Hammer. Das sind fast 80 Prozent mehr als das Mindestgebot – Rekord an diesem Abend.

Der Käufer der Rykestraße erledigt noch schnell die Formalitäten und verlässt dann rasch den Saal. Auktionator Plettner wird das erst nach anderthalb Stunden tun. Rund zehn Millionen Euro hat er in dieser kurzen Zeit umgesetzt und neun der zehn Objekte versteigert. „Unglaublich“ findet er dieses Ergebnis. Aber: „Wenn die Preise stimmen und die Lage gut ist,” sagt der Auktionator, „verkaufen sich Immobilien eben immer noch.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar