Immobilien : Ein Giftpflänzlein mit betörendem Duft

Maiglöckchen inspirierten Maler und Dichter, dienten als Schönheitsmittel und als Basis für Heilmittel

Gert D. Wolff

Der betörende Duft des Maiglöckchens hat Dichter, Maler und Musiker inspiriert. Und als Frühlingssymbol ist die kleine Blume heute so beliebt wie eh und je. In Frankreich beispielsweise schenkt man sich am 1. Mai, der dort als „Tag des Maiglöckchens“ gilt, gegenseitig kleine Sträußchen davon als Liebes- und Glückssymbol. Viele Männer tragen sie an diesem Tag meist im Knopfloch.

Bei aller Lieblichkeit ist das Pflänzchen mit dem botanischen Namen Convallaria majalis aus der Gattung der Liliengewächse zugleich ausgesprochen giftig. Für die Heilkundigen des 16. und 17. Jahrhunderts war die kleine Giftpflanze Lieferant eines der wichtigsten Mittel zur Herzstärkung und zur Behandlung zahlreicher anderer Leiden. Sie hieß deshalb auch salus mundi – Heil der Welt und wurde sogar zu einem Symbol des ärztlichen Berufsstandes. So ließen sich unter anderem Nikolaus Kopernikus, der nicht nur Astronom, sondern auch Arzt war, und der italienische Mediziner Ulisse Aldorandi (1522 -1605) mit einem Maiglöckchen abbilden. In seinem 1531 erschienenen Kräuterbuch schreibt der Humanist und Botaniker Otto Brunfels:

„Meyenblümleinwasser… stercket das hyrn / die synne / und das hertz… vertreibt das zytteren / die händ und arme damit gerieben.“

Auch Leberleiden, Augenkrankheiten und Schlagfluss kamen als Anwendungsgebiete vor. Die beiden Letzten – nach Ansicht von Volkskundlern – vielleicht wegen der tränen- oder tropfenähnlichen Blütenform. Auch heute noch wird aus Maiglöckchenkraut und vor allem aus den von Juli an reifenden, sehr giftigen roten Beeren ein dem Digitalis ähnlicher Stoff als Extrakt zur Behandlung von Herzkrankheiten gewonnen. Die medizinische Wirkung ist den in der Pflanze enthaltenen Glykosiden Convallatoxin und Convallamarin zu verdanken.

Die lieblich duftende Blume hielt man im Mittelalter irrtümlich für die im Hohenlied (2,1) im Alten Testament erwähnte „Lilie der Täler“. Einige Kräuterbücher des 16. Jahrhunderts bezeichnen das Maiglöckchen deshalb als lilium convallium – Tal-Lilie. Dieser Name hat sich noch lange in den Apotheken gehalten, und auch der heutige botanische Name und die englische Bezeichnung – lily of the valley – haben dieselbe Bedeutung.

In der christlichen Kunst des Mittelalters war das Maiglöckchen eine beliebte Paradies- und Marienblume. In Verbindung mit Maria sind die stark duftenden weißen Blüten als Sinnbild der Süße und Milde und der jungfräulichen Reinheit der Madonna zu verstehen. Am Genter Altar der Brüder van Eyck aus dem Jahre 1432 beispielsweise trägt Maria eine mit Maiglöckchen und anderen Symbolblumen geschmückte Krone. Und die Haupttafel des Altars zeigt eine Paradieswiese, auf der Maiglöckchen wachsen. Auch auf Dürers „Maria mit dem Zeisig“ und dem Frankfurter „Paradiesgärtlein“ kommt die Blume vor. Wurde sie in Verbindung mit dem Gottessohn dargestellt, kennzeichnete das Maiglöckchen ihn als das „Heil der Welt“.

In früheren Jahrhunderten waren Maiglöckchen auch Bestandteil eines beliebten Schönheitsmittels, das man aus dem Extrakt von duftenden Blumen herstellte. Eine noch einfachere Methode empfahl der alte Volksglaube: Demnach sollten junge Mädchen sich mit Maiglöckchen das Gesicht einreiben, damit sie keine Sommersprossen bekamen. Im Schwäbischen heißen Sommersprossen deshalb auch „Maienblümlein“. Als Schönheitsmittel erwähnt Ludwig Uhland die Waldblume in folgenden Gedichtzeilen:

„Mit dem Tau der Maienglocken / Wäscht die Jungfrau ihr Gesicht, / Badet sie die goldnen Locken“.

Die wohl riechende Frühlingsblume legte man sich früher auch gerne als Parfüm-Ersatz in den Wäscheschrank. Heute steht das wild wachsende Maiglöckchen, das in lichten Gehölzen, Wäldern oder Flusstälern dank seiner weit verzweigten Wurzelstöcke meist regelrechte Teppiche bildet, unter Naturschutz. Für den Garten, bietet der Handel jedoch besonders großblütige und sogar rosafarbene und gefüllte Kultursorten.

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