Immobilien : Ein lebenswürdiges Zuhause auch noch im hohen Alter

KIRSTEN NIEMANN

Der Arbeitskreis Berliner Senioren diskutierte die "Wohnformen im Alter" verschiedener Länder / Vorbildlich: SchwedenVON KIRSTEN NIEMANNZugige Behausungen jenseits der dritten Etage, ohne Fahrstuhl; Wohnungen, die so klein sind, daß man sie nur betreten kann, wenn alle Türen im Flur geschlossen sind; Balkone, die nicht einmal den Austritt zulassen, wenn der Bewohner Schuhgröße 40 trägt: Über die Wohnsituation von älteren Menschen in Polen kann Aleksandra Plaêkowska nur wenig Erfreuliches berichten.Die Posener Dozentin hat die Wohnsituation der polnischen Rentner untersucht und weiß: Er wohnt zumeist bis ins hohe Alter in einer Wohnung, die er 30 Jahre zuvor von der einst sozialistischen Regierung zugeteilt bekam.Schlimmer ist allein der Umzug ins staatliche Altenheim, sie glichen Armenhäusern, dennoch warteten Senioren zwischen sechs und acht Monaten auf einen Platz.Aber "da will der Pole nicht hin", so Aleksandra Plackowska zum Thema "Menschenwürdiges Wohnen im Alter", veranstaltet vom Arbeitskreis Berliner Senioren (ABS). Hierzulande beschäftigt nicht nur Senioren das Thema, das angesichts der steigenden Lebenserwartungen dauerhaft von Interesse ist.Im Vergleich mit seinen polnischen Nachbarn hat es der deutsche Pensionär besser.Aber auch hier hatte zunächst das Bauen familiengerechter Wohnungen oberste Priorität und erst seit den 80er Jahren ging die Entwicklung im Wohnungsbau zu deutlich kleineren und seniorengerechten Haushalten. Heute sind rund 474 000 Menschen - rund 14 Prozent des Landes Berlin - älter als 65 Jahre.Eine Zahl, die in Zukunft drastisch steigen wird: so wird man im Jahr 2010 bereits knapp 600 000 Rentner zählen.Zudem sind heute 33 000 Pensionäre aufgrund ihres sehr hohen Alters oder ihrer Pflegebedürftigkeit auf eine Seniorenwohnung mit einer altersgerechten Einrichtung angewiesen - vorhaben sind aber nur 28 000 solcher Wohnungen.Die größten Defizite bestehen immer noch im Ostteil der Stadt.Hier stehen lediglich 5000 altersgerechte Wohnplätze zur Verfügung. Wie aber wollen alte Menschen überhaupt wohnen? Welche Bedürfnisse haben sie, und inwieweit werden ihnen neue Baumaßnahmen gerecht? Sabine Strömer, Architektin und Mitarbeiterin des Senats für Gesundheit und Soziales, kennt den Idealfall: Allgemeine Barrierefreiheit mit ebenerdig installierten Duschen; keine Türschwellen, dafür aber Haltegriffe an den Stellen, an denen ein alter Mensch sie braucht.Ebenso erwünscht: Elektroherd statt Gasherd, überschaubare Flure und eine abwechslungsreiche Gestaltung der Wohnanlage, die die Orientierung erleichtert und gleichzeitig die Identifikation mit dem Gebäude begünstigt.Eine gute Infrastruktur mit Geschäften, Post, Bank und Grünanlagen gehört außerdem ebenso dazu, wie ein freiwilliger Grund- und Pflegeservice, der sich je nach Bedürftigkeit staffeln läßt.Das aber ist "eine Utopie, die nur bei einem sehr kleinen Teil der Seniorenwohnungen realisiert wird", muß Strömer einräumen. Die wenigsten alten Menschen wollen ausschließlich unter Ihresgleichen leben.Im Trend sind deshalb sogenannte "Mehrgenerationenhäuser", die auf Nachbarschaftshilfen zwischen jung und alt setzen."Doch der Erfolg dieser Wohnform," so Strömer, "hängt vom Engagement der Bewohner ab.Bauen kann man so etwas nicht!" Richtungsweisendes war von Schwedischen Beispielen zu vernehmen, wo sich altersgerechtes Wohnen nicht hinter den Mauern von Altenheimen abspielen.Um so lange wie möglich Alte und Behindertein in ihrer eigenen Wohnung zu lassen, ist dort die Umsetzung altersgerechten Bauens seit den 60er Jahren Teil der Wohnungspolitik.Das heißt: grundsätzliche Barrierefreiheit in den Wohnungen; alle Wohneinheiten verfügen über geräumige Badezimmer, die Türen haben mit rollstuhltauglicher Breite von mindestens 90 Zentimetern.Ohne Aufzug wird ein vierstöckiges Haus von Behörden nicht mehr zugelassen.Für Leute, die sich nicht mehr selbst verpflegen können, werden soziale Dienste angeboten: Essen auf Rädern, sowie ein Altenpflegepersonal, das einkauft, putzt oder einfach nur auf eine Tasse Tee vorbeischaut.Das Konzept hat Erfolg: Wohnheime mit Rundum-Betreuung gibt es zwar auch, genutzt werden sie aber von nur 20 Prozent der über 80-Jährigen. Gute Beispiele gibt es auch in Berlin: die Lange-Schucke Senioren-Stiftung im Wedding.Die Wohnungen in dem Haus an der Reinickendorfer Straße aus den 50er Jahre wurde im Zuge der ohnedies fällig Sanierungen altersgerecht ausgebaut."Wer körperlich noch gut beeinander ist, der lebt hier, wie in einer ganz normalen Mietwohnung" so die leitende Altenpflegerin des Hauses, Silvana Radicione.Für die anderen ist ein breitgefächertes Hilfsprogramm vorgehalten, das von Alten- und Krankenpflege, bis zum wöchentlichen Gedächtnistraining und dem nächtlichen Notdienst reicht.Auch die Infrastruktur - ein Krankenhaus und ein Gerontologie-Zentrum - befinden sich in unmittelbarer Nachbarschaft.Und das alles bleibt erschwinglich: 12,50 DM Warm pro Quadratmeter; allerdings sollten die Neuzugänge nach Möglichkeit ihre "60 Lenze" überschritten haben, und klare Einkommensgrenzen sind jedem Bewerber gesetzt: aufgenommen wird nur, wer weniger als 2500 DM Rente bezieht. Anschriften der vom ABS vorgestellten Wohnformen: Lange-Schucke Stiftung; Reinickendorfer Straße 59, Wedding, Telefon: 499 788 12.Birkenhof Spandau, Spandauer Damm 21-25, Telefon: 366 10 14.

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