Immobilien : Ein neues Leben am Werk

CHRISTOF HARDEBUSCH

Emma Leopold schaufelt immer noch. Nicht mehr Braunkohlebrocken wie früher, dafür Gartenerde. Immerhin ist sie schon 83 Jahre alt. 50 Jahre Arbeit im Chemiewerk Schwarzheide in der Niederlausitz, 60 Jahre Wohnen im werkseigenen Reihenhäuschen mit Garten: Emma Leopold hat Industriegeschichte erlebt. Genau wie ihre Heimatstadt. Schwarzheide ist nun dabei, ein neues Stück Industriegeschichte zu schreiben. Werk, Stadt und Land bauen gemeinsam die marode Bausubstanz des Städtchens wieder auf. Die Art und Weise, wie in Schwarzheide öffentliche und private Hand kooperieren, macht mittlerweile auch im Westen Deutschlands Schule.

Dabei sah es nach der Wende gar nicht gut aus für den Industriestandort Schwarzheide. Das Chemiewerk produzierte mit veralteten Anlagen Dinge, die in Osteuropa keiner bezahlen und im Westen keiner kaufen wollte. Mit dem Werk aber steht und fällt Schwarzheide. Die Stadt hatte Glück: Der Chemiekonzern BASF aus Ludwigshafen kaufte das Werk. Deshalb gibt es in Schwarzheide etwas, was sonst in der Lausitz knapp geworden ist: echte Arbeitsplätze. Die BASF hat über 2200 der ursprünglich 4800 Chemiewerker gehalten. Ein Drittel davon kommt aus Schwarzheide. Weitere 700 Beschäftigte kamen in ausgegliederten Werksbetrieben unter. "Die Ausgründungen von damals leben fast alle noch", sagt Bürgermeister Bernd Hübner. Auf die Wirtschaftskraft seines Ortes ist er sichtlich stolz. Sein derzeit größter Stolz liegt direkt vor dem Fenster seiner Amtsstube: ein rechteckiger Platz mit schmucken Häusern und einem alten Wasserturm in der Mitte. Dahinter stehen mit neuen Dächern und frischen Farben rund 170 Reihenhäuschen: die "Wasserturmsiedlung". Das Werk gibt dem Ort Arbeit. Die Wasserturmsiedlung verschafft ihm die Rolle der Modellstadt. Gern erzählt Hübner über den Besuch seines Amtskollegen Wolfgang Schulte aus Ludwigshafen, der in die Lausitz kam, um von Schwarzheide die Errettung alter Arbeiterquartiere zu erlernen.

Zu lernen gibt es in Schwarzheide vor allem ein Wort: Partnerschaft. Es fällt immer, wenn die Leute von BASF oder die vom Brandenburgischen Bauministerium oder der Bürgermeister von der Wasserturmsiedlung sprechen. Und alle erzählen dasselbe: Gemeinsam hätten sie Bauarbeiten, Straßen und Grünflächen geplant. Gemeinsam hätten sie in Arbeitsgruppen alle Ämter und Behörden unter einen Hut gebracht. Gemeinsam hätten sie Strom- und Gasversorger und Telekom überredet, ihre Leitungen und Rohre in einen Graben zu verlegen.

"Das gemeinsame Vorgehen hat uns viel Geld und Zeit gespart", sagt Wolfgang Schubert. Er ist Geschäftsführer der BASF-Wohnungsunternehmen in Schwarzheide und Ludwigshafen. Die Erfahrungen, die er in der Lausitz sammelt, nimmt er mit an den Rhein, um dort ein in die Jahre gekommenes Arbeiterviertel zu sanieren. Nicht mitnehmen kann er dabei Peter Busch. Dabei könnte er ihn am Rhein gut gebrauchen: Der Leiter der Brandenburgischen Wohnungsbauförderung im Altbau ist der eigentliche Vater der Partnerschaft zwischen öffentlicher Hand und Unternehmen. Ursprünglich hatte die BASF den Werkwohnungsbestand ohne besondere Absicht erworben und wollte diese Immobilien so schnell wie möglich loswerden. In den Nachbarstraßen der Wasserturmsiedlung begannen sie mit der Einzelprivatisierung. Ein Häuschen, unsaniert, kostete 50 000 DM, Garten inklusive.

Diese Straßen sehen seither aus wie ein Kessel Buntes. Ein Haus ist weiß gestrichen, das nächste gelb, das dritte gar nicht. Solche Siedlungsbilder gefallen Busch nicht. "Brandenburg hat rund 150 Werkssiedlungen. Manche entstanden vor der Jahrhundertwende, andere in den 20er und 30er Jahren. Das ist für unser Land ein bedeutsames industriell-kulturelles Erbe", sagt er.

Davon konnte er auch die BASF überzeugen. Das Werk verkaufte die Häuser nicht, sondern sanierte und modernisierte die Siedlung selbst, um sie anschließend an die Mieter zurückzugeben. Die Monatsmiete für ein Haus mit Garten und Garage beträgt jetzt 700 bis 750 DM warm. Vorher waren es rund 200 DM. Trotzdem kehrten fast alle zurück. Im Nachhinein ist Schubert froh, daß er sich zu diesem Vorgehen überreden ließ. Auch wenn sich die Investition erst in frühestens 20 Jahren rechne. Nicht in Zahlen ausdrücken könne man nämlich die "weichen Standortfaktoren": "Zufriedene Mitarbeiter und ein funktionierendes Umfeld."

Achtzig Prozent der Menschen am Wasserturm arbeiten für die BASF oder sind Werkspensionäre. So wie Emma Leopold. Sie zog mit ihrem Mann irgendwann in den 30er Jahren in das Haus. "Für siebzehn Mark Miete", erinnert sie sich. Die Häuser hatte das von den Nazis gegründete Synthesewerk Schwarzheide für seine Arbeiter hochgezogen. Das Unternehmen verwandelte Braunkohle zu Benzin, für den geplanten Krieg. Das Synthesewerk lockte 10 000 Menschen in die Region. Emma Leopold arbeitete im Kraftwerk der Fabrik. Aus "ihrem" Haus mußte sie nur zweimal ausziehen. Das erste Mal 1945, als die Rote Armee die Familie Leopold dort aus- und dafür Militärpferde einquartierte, das zweite Mal zur Sanierung 1998. Das Haus hat jetzt ein Bad, neue Fenster im alten Stil und eine Wärmeschutzfassade. Emma Leopold ist zufrieden. "Ich muß jetzt nicht mehr im Keller baden." Für sie ist die Industriegeschichte offenbar gut gelaufen.

Projektdaten Wasserturmsiedlung: 1936 begann die Braunkohle-Benzin AG mit der Errichtung von Wohnungen für die Arbeiterfamilien ihres neuen Synthesewerks Schwarzheide. Sechzig Jahre später nahm die BASF-Tochter GEWOGE die Arbeiten zur Sanierung und Modernisierung von 163 Reihenhäusern und zwölf Mietwohnungen der nach ihrem Wahrzeichen benannten Wasserturmsiedlung auf. Vergangene Woche wurde das Quartier offiziell von Ministerpräsident Manfred Stolpe übergeben. Die Gesamtkosten des Projekts betrugen inklusive Garagen und Nebengebäude 34 Mill. DM. Zur Finanzierung dieser Summe vergaben das Land Brandenburg und die Kreditanstalt für Wiederaufbau zinsgünstige Förderdarlehen über 16,8 Mill. DM. Brandenburg gewährte einen Zuschuß von 6,6 Mill. DM zur Gestaltung des Wohnumfeldes.

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