Immobilien : Eine Bleibe für das Humankapital

CHRISTOPH HARDEBUSCH

Entlang der Harriesstraße in Spandau stehen die Häuschen in Reih und Glied.Zu jedem Haus gehört ein Garten.Er liegt hinter dem Bau und grenzt sich von einem weiten Park durch einen Holzzaun ab.Dies ist keine Eigenheimsiedlung für gut Betuchte - die Harriesstraße erschließt eine Arbeitersiedlung und gehört zur "Siemensstadt".

Die "Siemensstadt" gibt es gleich dreimal: Als Ortsteil des Berliner Bezirks Spandau, als Stadtteil im Norden Charlottenburgs und eben jene Siedlung zwischen Rohrdamm und Riepelstraße.Letztere errichtete der Mischkonzern zwischen 1921 und 1930: 530 Wohnungen für seine Beschäftigten.Anders als die von Berliner Zeichner Zille gezeichneten Milieus in düsteren Hinterhöfen errichteten industrielle Patriarchen wie Werner von Siemens und die Söhne August Borsigs geradezu idyllische Siedlungen, um dort ihr "Humankapital" unterzubringen.Vor allem im Land Brandenburg entstanden solche Arbeitersiedlung, etwa am Rande des Lausitzer Braunkohlereviers.Die Qualität dieser Altbauten haben private Investoren, die Landesregierung und natürlich ihre Bewohner erkannt und entwickelten gemeinsam Sanierungskonzepte.

Arbeitersiedlungen wie die Siemensstadt folgen dem Vorbild englischer Gartenstädte.Ein wichtiger Bestandteil der Anlage von Architekt Hans Hertlein ist ein Park mit Plätzen und Skulpturen.Dreigeschossige Mehrfamilienhäuser schirmen dieses Grün zur Haupterschließungsstraße Rohrdamm hin ab.Am anderen Ende des Parks liegen die Gärten von Reihenhäusern.Insgesamt sind es 63 Bauten in mehreren Reihen, jeweils getrennt durch Erschließungsstraßen.Die Wege schlängeln sich um alte Bäume herum, weil Hertlein die bereits in den Zwanzigern stehenden Bäume so wenig wie möglich antastete.Auffällig ist, wie locker die Gesamtfläche bebaut ist.Damit verfolgten die Unternehmer handfeste wirtschaftliche Interessen: Sie benötigten Facharbeiter und qualifizierte Angestellte; die waren Mangelware und um ihnen einen Anreiz zu bieten, an den Rand der Stadt zu ziehen, mußten die Anlagen Komfort bieten.

Auch heute sehen Häuser und Grünanlagen noch aus wie neu: "Wir sanieren in enger Zusammenarbeit mit dem Denkmalschutz", sagt Renate Swinne.Sie ist Stand-ortleiterin der Siemens-Wohnungsgesellschaft.Der Konzern bietet die Liegenschaften weiterhin eigenen Mitarbeitern an.Kündigt ein Angestellter seinen Arbeitsplatz, dann kann Siemens Eigenbedarf auf dessen Wohnung anmelden.Von diesem Recht mache die AG keinen Gebrauch mehr, sagt Swinne.Ein anderes Szenario läßt sich für den Frühkapitalismus ausmalen, als öffentliche Meinung und Mieterschutz weniger Bedeutung hatten: Wer für mehr Rechte einstand, riskierte nicht nur seinen Arbeitsplatz, sondern auch seine Wohnung.

Sechzig Prozent aller Wohnungen in Siemensstadt haben drei bis fünf Zimmer.Das ist am Markt gefragt.Auch die Kaltmiete von rund zehn DM pro Quadratmeter in der Siemensstadt ist zeitgemäß."Die Miete ist in Ordnung.Aber die Nebenkosten sind mit fast sechs DM sehr hoch", sagt eine Mieterin.Hier schlägt das viele Grün in der Siedlung zu Buche, denn der Eigentümer legt die Kosten für dessen Pflege anteilig auf alle Mieter um.

Wie Siemens baute auch die Borsig AG in Heiligensee ihre "Borsigsiedlung".Sie zählt etwa 200 Doppelhäuser, errichtet in den späten 30er Jahren.Kleine Buden, große Gärten: Die Häuser sind 75 Quadratmeter klein, die Gärten bis zu 1000 Quadratmeter groß.Dieses heute seltsame Verhältnis hatte in den dreißiger Jahren gute Gründe.Lebensmittel waren knapp und teuer; Früchte, Gemüse und sogar Kleintiere aus dem eigenen Garten ergänzten den Speiseplan der Arbeiterfamilien.Schweine quieken in den Gärten am Thurbrucher Steig heute nicht mehr.Wo einst Kohl wuchs, sprießen Rosen und Dalien.Auch sonst hat sich einiges geändert.In der Werkssiedlung gibt es kein Werk mehr, die Borsig AG existiert nicht einmal mehr.Übrig blieben Hallen, sie werden als Einkaufszentrum genutzt - und Werksveteranen.Sie verteidigten "ihre" Siedlung einst zäh gegen Abrißpläne und kämpften sich vom Status der Mieter zu Eigentümern hoch.Das war 1977.Damals war eine Doppelhaushälfte durchaus erschwinglich: rund 30 000 DM.

Noch heute zehrt die Siedlergemeinschaft von den Erfolgen von einst, obwohl von 400 Mitgliedern nur 270 übrigblieben.Die Borsianer sterben aus.Auch die Liebe zur eierschalenfarbenen Fassade und zu den hölzernen "Stakentenzäunen" vor den Gärten, denn den Kampf um das historische Ortsbild hat die Siedlergemeinschaft zwar nicht verloren, das Blatt wendete sich schließlich aber gegen sie: Der Denkmalschutz ringt ihr eine originalgetreue Gestaltung ab, die sie nun teuer zu stehen kommt."Besorgen Sie doch mal eine Haustür, die so aussieht wie das Original von 1937", klagt Manfred Juhl, Vorsitzender der Siedlergemeinschaft.Das sei zwar möglich, aber sehr teuer.Die öffentliche Hand fordert, fördert aber nicht.

Anders in Brandenburg: Dort entstanden bis Ende der 50er Jahre 50 000 Werkswohnungen.Davon sind elf Prozent mit Geldern der Landesregierung saniert und modernisiert, Tendenz steigend.Die Kosten betragen 60 000 bis 100 000 DM pro Wohnung.Dieses Geld gibt die Brandenburgische Landesregierung: Die billigen Kredite sollen eine zügige Sanierung ermöglichen.Der Gedanke der Landesregierung: Wo die Häuser in neuem Glanz erstrahlen, ziehen die Menschen auch nicht weg.Unter der Landflucht hat das Flächenland arg zu leiden, 1955 wohnten auf einem Quadratkilometer 95 Menschen, heute sind es nur noch 87.Der Bundesdurchschnitt liegt mit 230 Einwohnern pro Quadratmeter fast drei Mal so hoch.Diese Zahlen nennt Peter Busch, Mitarbeiter des Potsdamer Bauministeriums.

Da es aber auch kaum jemanden an einem Ort ohne Arbeit hält, sucht Brandenburg Allianzen mit Wirtschaftsunternehmen.Dies gelang in der Lausitzer Stadt Schwarzheide.In der ärmsten Region Brandenburgs errichtet der Chemiekonzern BASF ein neues Werk.Das ersetzt ein Synthesewerk, das aus Braunkohle Benzin herstellte.Die Werkssiedlungen übernahm die Aktiengesellschaft ebenfalls.Zusammen mit dem Land machten sich die Partner an eine denkmalgerechte Modernisierung der "Wasserturmsiedlung" aus 163 Reihenhäusern und einem Mehrfamilienhaus.Das Land übernahm ein Drittel der anfallenden Kosten und ebnete die bürokratischen Wege.

Innerhalb eines Jahres waren alle Häuser saniert.Die BASF überzeugte das Modell derart, daß sie nach diesem Vorbild ihre Wohnungen am Firmensitz in Ludwigshafen modernisiert.



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