Immobilien : Eine ganz besondere Pflanze aus dem Botanischen Garten

Das Kleine Immergrün

Brigitte Zimmer

Wieso wurde ausgerechnet das Kleine Immergrün (Vinca minor), dieser gut bekannte Bodendecker, der an zahlreichen Standorten im Freiland des Dahlemer Gartens steht, als besondere Pflanze ausgewählt? Als einziger mitteleuropäischer Vertreter der überwiegend tropisch verbreiteten Hundsgiftgewächse ist es ein Paradebeispiel dafür, dass auch im Wohlbekannten kaum Bekanntes stecken kann.

Von März bis Juli kann man die leuchtend hellblauen bis violetten Blüten nicht übersehen. Sie sitzen einzeln an langen Stielen in den Achseln der Laubblätter. Die fünf Kronblattzipfel sind propellerartig ausgebreitet. Nicht jeder kennt jedoch den raffinierten Bau der Fortpflanzungsorgane im Blüteninneren. Die Staubfäden sind S-förmig gekrümmt, die fünf oberseits behaarten, spülbürstenähnlichen Staubbeutel bilden am Eingang der Kronröhre eine Art Kuppel mit fünf radiär angeordneten Spalten. Besonders extravagant gestaltet ist die Spitze des langen, schlanken Griffels, die sich mühlsteinartig erweitert und in einem Fortsatz mit Haarschopf endet.

Wenn der Pollen reif ist, fällt er aus den Staubbeuteln heraus und bleibt auf dem Plateau des Griffelkopfes liegen. Dennoch findet vorerst keine Befruchtung statt. Die eigentliche, empfängnisfähige Narbe liegt nicht auf der oberen Fläche, sondern zieht sich als schleimiges Band rund um den Mühlstein. Wenn Schmetterlinge oder andere Insekten mit ihrem langen Rüssel in die Blüte eindringen, um an den Nektar am Grunde der Kronröhre zu gelangen, bleibt der pulverige Pollen zunächst nicht haften. Erst unterhalb des Plateaus wird der Rüssel mit klebrigem Narbenschleim eingeschmiert und beim Zurückziehen bleibt der Pollen kleben. Er wird beim Besuch der nächsten Blüte am scharfen unteren Rand der Narbe abgeschabt. So wird wirkungsvoll, wenn auch etwas kompliziert, die Selbstbestäubung verhindert und die Fremdbestäubung gefördert.

Vinca minor verbreitet sich allerdings vorwiegend nicht durch Samen, sondern vielmehr durch Ausläufer, die pro Jahr bis zu zwei Meter lang werden können. Die nieder liegenden, nicht blühenden Triebe und die aufgerichteten Blütenstängel sind am Grunde verholzt und bilden zuweilen an den Knoten Wurzeln aus. Die dunkelgrünen und glänzenden Blätter sind gegenständig, ledrig und kurz gestielt. Weil sie im Winter nicht welken, erhielt der Halbstrauch den Namen Immergrün.

Obschon ursprünglich in Südeuropa beheimatet, hat sich das Kleine Immergrün auch bei uns stellenweise fest eingebürgert. Es kommt in Laubmischwäldern und Gebüschen, meist in der Nähe von aufgelassenen Siedlungen, Burgruinen und Friedhöfen vor. Die Pflanze enthält giftige Indol-Alkaloide, zum Beispiel Vincamin, das blutdrucksenkende Wirkung hat und in der Medizin auch zur Anregung der Durchblutung des Gehirns eingesetzt wird.

Weiteres im Internet:

www.botanischer-garten-berlin.de

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