Immobilien : Eine Kapriole der Natur

Am Rand des Odenwaldes steht seit Jahrhunderten die „Mutter aller Pyramideneichen“

Gert D. Wolff

Sie gilt als „Mutter“ aller Pyramideneichen in Europa – die „Schöne Eiche“ im südhessischen Harreshausen am nördlichen Rand des Odenwaldes. Über Jahrhunderte hinweg wurde der Baum bewundert und verehrt. Und noch heute trägt er den Namen „Schöne Eiche“, obwohl er längst nicht mehr das stattliche Aussehen von einst aufweisen kann, das die Einzigartigkeit ausmachte – die typische Pyramidenform. Seit die Eiche, durch Blitzeinschlag im Sommer 1928 die Krone einbüßte, kann man die charakteristische Silhouette nur noch erahnen.

Unzählige Sagen und Anekdoten ranken sich um den „Wunderbaum“, wie man die heute auf ein Alter von über 550 Jahren geschätzte und noch etwa 20 Meter hohe Eiche im Volksmund auch nannte. Durch Genmutation, also eine Veränderung im Erbgut, hat der zu den Stieleichen gehörende Baum die säulenförmige Krone angenommen.

Doch die faszinierende Wachstumsform gab immer wieder Anlass zu allen möglichen volkstümlichen Deutungsversuchen. Eine der Legenden nach soll der Bischof von Mainz einst in dieser Gegend gejagt und dabei die Monstranz verloren haben. Diese sei auf eine noch junge Eiche gefallen und in deren Stamm nach und nach eingewachsen sein, so dass allmählich die außergewöhnliche Krone entstand. Vielleicht führte eine solche Erzählung auch dazu, dass der „Wunderbaum“ als heilig verehrt wurde. So dachten beispielsweise Wallfahrer, die sich auf dem Weg nach Walldürn befanden, dass Stücke der Baumrinde sie von Krankheiten heilen könnten. In einer anderen Sage heißt es, dass der Baum auf einem zugeworfenen ausgemauerten Brunnen stehen würde. Durch die beengten Verhältnisse im Wurzelbereich sei es dann zu dem schlanken, pyramidenförmigen Wuchs gekommen.

Auch Botaniker und andere Naturwissenschaftler rätselten schon früh über die Ursachen für dieses Phänomen und das Alter des ungewöhnlichen Baumes. Die älteste Beschreibung der Eiche findet sich im „Hanauischen Magazin“ von 1781. Doch erst in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts gelang es Richard Immel vom örtlichen Forstamt Babenhausen durch Entnahme von Bohrspänen und mit Hilfe von Spezialgeräten eine Altersbestimmung des knorrigen Riesen vorzunehmen.

Lange Zeit ging man davon aus, dass es sich nur um eine Pflanze unbekannter ausländischer Herkunft handeln könne. Schriftsteller und Maler waren von der „Schönen Eiche“ ebenso fasziniert wie Botaniker und Forstleute, die versuchten, Abkömmlinge des „Wunderbaums“ zu ziehen. Erstmals gelang dies durch Pfropfungen 1795. Dank dieser Form der Vermehrung mit Hilfe abgeschnittener Äste und später auch durch Sämlinge verbreiteten sich die Ableger der Eiche von Harreshausen bald über den gesamten europäischen Kontinent.

Als im Jahr 1978 Baumchirurgen im Auftrag der Stadt die altersschwache Eiche „verarzteten“, rankten sich sofort neue Legenden um den Baum. So wollte beispielsweise ein Rutengänger herausgefunden haben, dass der Veteran auf zwei Wasseradern steht. Bei einer „mentalen“ Begehung war er zu der Erkenntnis gelangt, dass unter der Grasnarbe ein Brunnen existiere, der vor 640 Jahren von Soldaten erbaut worden sei. Beweise dafür gibt es allerdings bislang nicht.

Dass die „Schöne Eiche“ die Jahrhunderte überlebte, ist vermutlich darauf zurückzuführen, dass sie aufgrund ihres Erscheinungsbildes eine besondere Stellung einnahm. So hat den Chroniken nach ein naturverbundener französischen General, der um 1760 mit seinen Soldaten durch Hessen zog, den Baum bewachen lassen, um ihn vor Schaden zu bewahren.

Hinzu kommt, dass in früheren Jahrhunderten der Wert eines Baumes weniger im Holz als in seinen Früchten lag. „Auf den Eichen wachsen die besten Schinken“ war ein gebräuchlicher Spruch im Mittelalter. Denn mit den Eicheln wurden Schweine gemästet. Deren Fleisch war besonders kernig und der Speck schön fest. Doch bevor die Menschen die Eicheln vor die Säue warfen, ernährten sie sich selbst von den Früchten. Sie werden bei der Stieleiche – daher der Name – von einem besonders langen Stiel getragen.

Eichen werden im Durchschnitt 800 Jahre alt, und damit älter als die meisten Bäume. Im deutschsprachigen Raum gibt es sogar über 1000 Jahre alte Exemplare. Und so ist die zuständige Naturschutzbehörde und die Stadt Babenhausen bemüht, die „Mutter aller Pyramideneichen“, trotz der nicht mehr übersehbaren Verfallserscheinungen, als Naturdenkmal für die Nachwelt zu erhalten. Denn Pyramideneichen (Quercus robur Fastigiata), als Spielart der Stieleiche, kommen in der Natur nur noch selten vor. Sie sind heute dekorative Elemente für Parks oder Alleen.

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