Immobilien : Eine Rübe, die es in sich hat

Rettich wird seit Jahrtausenden wegen seiner würzigen Schärfe geschätzt

Gert D. Wolff

Man muss nicht unbedingt ein Bayer sein, um die Vorzüge des Rettichs gebührend würdigen zu können. Zwar haben die weiß-blauen Radi-Fans aus der Zubereitung und dem Verzehr ihrer traditionellen „Brotzeitwurzel“ längst ein Ritual gemacht, doch ist die scharfe Rübe – kulturhistorisch gesehen – keineswegs auf ihrem Mist gewachsen. Nach der vermeintlich urbayerischen Erkenntnis, dass der Radi den Durst erst schön macht, haben Liebhaber des Gerstensaftes in ganz anderen Teilen der Welt schon vor Jahrtausenden ihren täglichen Bierkonsum mit Rettich verschönert. In einer Zeit also, als es noch gar keine Bajuwaren gab.

So zum Beispiel unter dem ägyptischen König Ramses: In der damaligen Bier-Hochburg Pelusium am Nil bekamen die Trinker als Appetitanreiz unter anderem gesalzene Rettiche serviert. Und schon beim Bau der großen Pyramiden vor rund 4500 Jahren sollen die unzähligen Arbeiter mit ordentlichen Tagesrationen an Rettichen, Zwiebeln und Knoblauch bei Laune und guter Gesundheit gehalten worden sein. Auch Griechen und Römer wussten die scharfe Wurzelrübe als Rohgemüse und Heilpflanze zu schätzen. Ihre Ärzte verordneten Rettichsaft unter anderem gegen Husten. Mit den Römern gelangte der Radi (von lateinisch radix = Wurzel) auch in unsere Breiten und so auch ins spätere Bayern. Dort werden heute noch – ebenso wie in Baden-Württemberg, der Pfalz und im Rheinland – Rettiche in verschiedenen Sorten und Formen angebaut und vom Mai bis November geerntet. Es gibt sie bei uns traditionell in Weiß, Rot und – als Winterrettich – mit schwarzer Außenhaut und weißem Fruchtfleisch. Auch rosa- und violettfarben ist das Wurzelgemüse zu haben. Die im Handel ebenfalls angebotenen großen japanischen und chinesischen Rettiche besitzen meist nicht die für die einheimischen Sorten charakteristische Schärfe.

Während die an Senfölen besonders reichen Winterrettiche für gewöhnlich gekocht verzehrt werden, lassen sich die früheren Sorten hervorragend zu Rohkostsalaten verarbeiten. Gemischt mit Gurken, Kräutern oder Quark und mit Dill und Petersilie ergänzt, ergeben sie eine äußerst gesunde Bereicherung des Speisezettels. Auch zum Einlegen als Gemüse eignen sie sich gut. Überhaupt sind Rettiche in der Küche vielseitig verwendbar.

Ob man allerdings wie in Bayern schon aus der Art des Schneidens der Brotzeitwurzel eine Glaubensfrage machen sollte, mag dahingestellt bleiben. Seit jeher prallen dort in den sommerlichen Biergärten die unterschiedlichen „Schulen“ des Radischneidens aufeinander: So schwören die einen darauf, dass die scharfe Rübe unbedingt der Länge nach in hauchdünne, exakt nebeneinander liegende Scheiben geschnitten werden muss – bis kurz vor der Spitze, die sie gerade noch zusammenhält. Dann wird das Ganze vorsichtig gesalzen und leicht zusammengedrückt, damit der Radi richtig „ausweinen“ kann. Andere lassen kompromisslos nur den „Ziehharmonika-Schnitt“ gelten: Von der einen Seite schräge Schnitte, von der anderen gerade, dann auseinander ziehen und salzen. Weniger puristisch eingestellte Genießer begnügen sich mit einer Radi-Spirale aus der Schneidemaschine. Sicher ist nur, dass gerade zu gut gemeintes Salzen die Zerstörung eines Großteils der wichtigen Senföle und ihrer gesundheitsfördernden Wirkung zur Folge hat.

Vermutlich stammt der Gartenrettich (Raphanus sativus), eine sehr alte Kulturpflanze, vom wilden Ackerrettich, dem Hederich, ab. Seine Heimat dürfte Kleinasien sein. Spätestens im 3. Jahrtausend vor Christus gelangte er nach Ägypten, wo er schon früh – auch zur Ölgewinnung – angebaut wurde. Aber auch in China sollen Rettiche bereits vor über 3000 Jahren als wichtige Nahrungs- und Nutzpflanzen kultiviert worden sein. Aus dem Ruß, der beim Verbrennen des Samenöls entsteht, hat man in China früher unter Zusatz von Gummi und anderen Substanzen auch Tusche hergestellt. In Asien haben Rettiche noch heute eine weitaus größere Bedeutung als bei uns und gelten als Grundnahrungsmittel. Mit einem Pro-Kopf-Verbrauch von rund 30 Kilogramm liegen Chinesen und Koreaner weit über dem deutschen Durchschnitt von etwa 200 Gramm.

Der würzig-scharfe Geruch und Geschmack der Rüben dieses Kreuzblütlers wird durch schwefelhaltige Senföle verursacht. Daneben enthalten die verdickten Wurzeln viel Kalium, B-Vitamine und Vitamin C. Auch ohne dieses moderne Wissen hat die Volksmedizin den Rettich zu Heilzwecken verwendet. Schon die Ärzte des Mittelalters verordneten ihn unter anderem gegen Gicht und Rheuma. In einem Kräuterbuch des 17. Jahrhunderts heißt es auch: „Sie sindt gesotten und gegessen gut wider den alten langwehrenden Husten/und dicken feuchten Schleim/so in der Brust wächst.“ Auch heute noch ist der gesundheitliche Wert des Rettichs unbestritten. Sein Saft wirkt appetitanregend und verhindert die Bildung von Gallen- und Nierensteinen. Außerdem hat er eine harntreibende und schleimlösende Wirkung. Zuviel des Guten kann beim Genuss der Gesundheitsrübe allerdings auch von Übel sein. Die scharfe Rübe ist schwer verdaulich und daher für Magenkranke nicht geeignet. Wie schon eine alte Volksweisheit sagt, ist Rettich „morgens Gold, mittags Silber und abends Blei.“

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