Immobilien : Eingepackt, aber gut gelüftet

Ein Passivhaus, das ganz ohne Heizung auskommt, ist in Kaulsdorf entstanden. Äußerlich unauffällig, zeichnen die inneren Werte das Eigenheim aus – ein Einblick

Gideon Heimann

Geradezu verschämt duckt sich das zweigeschossige Einfamilienhaus zwischen den imposanten Baumbestand – ein viereckiger Kasten mit 141 Quadratmetern Wohnfläche, oben drauf ein leicht schräg abfallendes Flachdach – „Pultdach“ sagt der Architekt dazu. Nichts deutet darauf hin, dass hier, mit dem Gebäude an der Kaulsdorfer Waldstraße 35, etwas noch nicht Alltägliches errichtet worden ist: ein „Passivhaus“.

Die Prinzipien des sorgsamen Umgangs mit Energie sind lange bekannt. Das beginnt mit der Ausrichtung des Hauses: Große Fenster sind nach Süden gewandt, damit sie möglichst viel Sonnenenergie ins Innere lassen. Die nach Westen und Osten sind kleiner, nach Norden hin sollten nur winzige Öffnungen der Fassadenhaut weisen. Diese muss gut gedämmt sein, hier sind es 20 Zentimeter dicke Polystyrolplatten. Alles wurde gleichmäßig gut eingepackt, um „Wärmebrücken“ zu vermeiden.

Dieselbe Sorgfalt gilt der Dämmung von Dach und Boden. Auf einen Keller wurde verzichtet. Der Gang in die Tiefe kostet proportional zum gewonnenen Raum mehr als eine entsprechend größere Wohnfläche im Obergeschoss. Der glatte und gleichmäßige Baukörper – also der Verzicht auf Gauben und Vorsprünge – minimiert die Oberfläche und gibt dem kühlenden Wind weniger Angriffsfläche.

Dann die Fenster: Gläser und Rahmen müssen auf diese Dämmung abgestimmt sein. Eine herkömmliche Isolierverglasung reicht da nicht mehr, sagt Architekt Christian Teege. Er holte sich Rat bei der Marienfelder Firma Hans Timm Fensterbau. Sie entwickelte schon vor Jahren ein System, das mit drei Scheiben ein Kastenfenster bildet. Ursprünglich war das für Modernisierungen von Häusern gedacht, die nahe an Lärmquellen wie Flughäfen oder Autobahnen stehen.

Aber über den Schallschutz hinaus lässt sich so – je nach Berechnung des Verbundsystems – auch ein hoher Wärmedämmwert erzielen. Der außen liegende Flügel hält das Isolierglas, dann folgt ein Zwischenraum mit Luftpolster – sowie Jalousien für die Abschattung im Sommer – und zum Wohnraum hin befindet sich das dritte Glas. Das System wurde vom Passivhaus-Institut geprüft und zertifiziert.

Mit diesem Wärmeschutz-Grundpaket wird der Energiebedarf des Passivhauses so stark gedrosselt, dass keine herkömmliche Heizungsanlage mehr notwendig ist. Nun geht es darum, die Feuchtigkeit loszuwerden, denn eine vierköpfige Familie gibt täglich 20 Liter Wasser als Dampf über den Atem sowie beim Kochen und Duschen an die Räume ab. Der muss raus, sonst entsteht Schimmel.

Folgerichtig steht in einem kleinen Nebenraum ein Metallschrank, der etwa die Größe einer ausgewachsenen Kühl-Gefrier-Kombination besitzt. In diesem Kompaktgerät befinden sich die Zentrale einer Be- und Entlüftungsanlage samt Wärmetauscher, eine Wärmepumpe sowie ein 200 Liter großer Warmwassertank. Elektronisch gesteuert, wird damit der Luftaustausch in den Räumen erzeugt – in mehreren Stufen auf die aktuellen Bedürfnisse der Bewohner angepasst. Das Gerät stellt außerdem das Warmwasser für Bad und Küche bereit, so Peter Külper, Vertriebsleiter der Herstellerfirma Tecalor, die eine Tochter des Heizgeräteproduzenten Stiebel-Eltron ist.

Eine etwa sechs Quadratmeter große Sonnenkollektoranlage auf dem Dach ist ebenfalls in diese Technik eingebunden. Gemeinsam mit der Wärmerückgewinnung aus der Abluft holt sie die Energie dort ab, wo es am günstigsten ist. Reicht das nicht, wird die Wärmepumpe eingesetzt, der Außenluft Energie zu entziehen. Erst wenn all das an den wenigen, sehr kalten Tagen im Jahr nicht genug bringt, schaltet sich ein elektrisches Heizelement im Wassertank hinzu.

Nun ist elektrischer Strom eine edle Energieform, ihn zum Heizen zu verwenden, ist eigentlich Verschwendung. Andererseits kann man das noch hinnehmen, wenn es wirklich sehr selten geschieht. So sieht das auch die Energieeinsparverordnung (EnEV) aus dem Jahr 2002. Sie betrachtet den jährlichen Primärenergiebedarf für Heizung und Warmwasser. Damit bezieht sie alle Umwandlungs- und Transportverluste des Energieträgers ein. Der Bauherr darf errichten, was er will, Hauptsache, er hält die Grenzwerte ein. Die Verordnung macht damit Neubauten, die zuvor als „Niedrigenergiehaus“ galten, zum Standard. Denn die Technik ist schon viel weiter. Ein Vergleich: Für dieses Gebäude wäre ein Primärenergiebedarf von 114 Kilowattstunden pro Quadratmeter Wohnfläche und Jahr noch zulässig, rechnet Architekt Teege vor. Der Wert hier liegt bei 27 kw/qm/a für Heizung und Warmwasser.

„Ja“, bestätigt er, „man hätte das Haus noch kräftiger dämmen können.“ Aber irgendwann ist ein Punkt erreicht, von dem an es sich nicht mehr lohnt, weder ökonomisch noch ökologisch. Schließlich unterschreitet das Haus selbst die schärfste Richtlinie der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) deutlich. Die KfW gewährt zinsgünstige Kredite dann, wenn das Objekt deutlich sparsamer ist als vom EnEV-Standard vorgeschrieben. Höhere Anforderungen gelten für das „Energiesparhaus 60“ (Primärenergiebedarf maximal 60 kWh/qm/a) und verschärfte für das „Energiesparhaus 40“ (Primärenergiebedarf maximal 40 kWh/qm/a). Und da das Kaulsdorfer Passivhaus diese Klasse mit 27 kWh/qm/a bestens erfüllt, gewährte die KfW einen Kredit von 50000 Euro zu einem verbilligten Zinssatz von 2,55 Prozent.

Womit endgültig das Thema Kosten erreicht wäre. Zieht man Beträge für Sonderwünsche ab, ist ein solches Passivhaus für knapp 160000 Euro zu erstellen, ohne Grundstück. Die Mehrkosten gegenüber einem Haus, das den EnEV-Standard erreicht, beziffert der Architekt mit fast 27000 Euro. Die monatliche Belastung aus Finanzierungs- und Betriebskosten ist jedoch mit 882 Euro in beiden Fällen nahezu gleich hoch. Denn dank der KfW-Hilfe ist der Kapitaldienst niedriger und der Aufwand für die Energieversorgung sinkt auf ein Fünftel.

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