Immobilien : Eingepackt wie in altdeutsche Kaffeewärmer

HELGA BODENSTAB

Innovative Wohnhäuser in Britz und Potsdamkommen ohne Heizung aus/Serienfertigung soll Kosten senkenVON HELGA BODENSTAB Im Prinzip istalles ganz einfach: Der Wärmespeicher ist nichts als eine große Thermosflasche.Mit ihm kann die im Sommer gewonnene Sonnenenergie gespeichert werden, um so den Wärmebedarf im Winter zu decken.Der Einsatz dieser Technologie ist eine wichtige Voraussetzung, um auch in unseren Breiten weniger fossileEnergieträger zu verbrennen.Doch in der Vergangenheit hinkte die Praxisder Theorie oft hinterher - bis in jüngster Zeit einige bemerkenswerteLösungen auch in Berlin und Brandenburg Wirklichkeit wurden. "Eingepacktwie ein altdeutscher Kaffeewärmer", sagt Bauherr Uwe Sanders überdas Herzstück seines Solarhauses.Der Vergleich ist stimmig, von der Größeselbstredend abgesehen: Denn im Gegensatz zu gründerzeitlichen Porzellankannenfaßt der Stahltank knapp 50000 Liter und mißt zwölf Meter in der Längeund zweieinhalb Meter im Durchmesser.Nach außen hin ist er mit Dämmaterialisoliert und durch einen Betonmantel zum Wohnraum hin abgegrenzt.Damitdas Haus im Rosengrund 5 in Britz außerdem einen weiteren Wärmepufferbilden kann, wurde der Speicher im Zentrum des Gebäudes aufgestellt.Hierlagert die "Ernte" der 40 Quadratmeter großen Kollektorfläche.Sie ist auf dem Dach eines Hauses installiert, das somit seinem Namen alleEhre macht: "Solaranlage mit angeschlossenen Wohnräumen". Ander Entwicklung und Auslegung dieses "Schichtenspeichers", beidem das warme Wasser durch ein gelochtes Rohr verteilt wird, hat neben derBerliner Firma Pro Sun Technik auch Nikolai Khartschenko vom Institut fürEnergietechnik der Technischen Universität Berlin (TU) mitgearbeitet.Mitgutem Ergebnis: Nach zwei bis drei Sommermonaten sei der Tank "gefüllt";das Wasser im oberen Bereich des Speichers habe dann eine Temperatur von90 Grad Celsius, unten dagegen von "lediglich" 70 Grad.Doch nichtallein der Tank speichert die Wärme, sondern auch Mutter Natur: Der Speicherragt einige Meter ins Erdreich hinein; unter der Betonplatte sowie im Umkreisdes Hauses wurden 2,2 Kilometer lange Rohre verlegt - so dient sogar dasErdreich als saisonaler Energiespeicher. Verteilt wird die gespeicherteWärme im Gebäude über ein bei Fußbodenheizungen seit Jahrzehnten bewährtesLeitungsnetz, das aber nicht nur durch die Böden, sondern auch durch dieWände geführt wird.Transparente Wärmedämmung an der Südfassade, ergänztdurch Sonnenkollektoren - sie leiten im Winter Wärme über die Wand ab-, und eine mit 24 Zentimeter Schaumglas extrem aufwendige Isolierung sollenzusätzlich dafür sorgen, daß das Haus mit seinen insgesamt 300 QuadratmeternNutzfläche ganz ohne Zusatzheizung auskommt. Ob Helga und Uwe Sanders,Eigentümer des Einfamilienhauses, auch noch eine Photovoltaikanlage einbauenlassen, ist gegenwärtig noch offen - zumal die erhoffte Förderung ausdem Berliner Sondertopf für innovative Bauprojekte bislang wegen der Haushaltssperreausblieb.Doch schon so griffen die Sanders für ihr ökologisches Traumhaustief in die Tasche: Um ein Drittel billiger wäre das Haus ohne den Einbauder aufwendigen Solaranlage gewesen. Seine Bewährungsprobe hat das Hausin Britz, das erste dieser Art in Berlin, noch vor sich.Sein Konzept basiertauf der Idee des Schweizer Ingenieurs Josef Jenny, der kürzlich dafürmit dem Europäischen Solar-Preis ausgezeichnet wurde.Ein anderes Projektin der Stubenrauchstraße 4 in Potsdam-Babelsberg - es wurde von der CMESolartechniksysteme GmbH als "CO2-neutrales Sonnenhaus" realisiert- hat seinen ersten Winter schon erfolgreich überstanden.Die Sonne lieferte80 Prozent der Energie, die für Heizung und warmes Wasser des immerhin1000 Quadratmeter Nutzfläche großen Wohn- und Geschäftshauses erforderlichwar.Die geringe Restmenge deckte ein Rapsmotor.Er erzeugt in Kraft-Wärme-Kopplungden Strom für die Wärmepumpe, den sogenannten Sonnenverdichter, der dieWärme durch das Rohrsystem leitet; die Abwärme der "Stromproduktion"fließt in den Warmwasserkreislauf. "Wir haben keine Heizungsanlageaufgepfropft, sondern die Voraussetzungen zum Heizen in den Rohbau integriert",sagt Geschäftsführer Jürgen Vogel."Wir machen das Haus zur Thermosflasche",ergänzt Alois Schwarz, Erfinder des Systems.Die Sonnenenergie wird auf150 Quadratmetern von thermischen Niedertemperatur-Sonnenkollektoren aufdem Dach eingefangen.In Potsdam dient nicht reines Wasser als "Heizmedium",sondern ein Wasser-Glykol-Gemisch, das über Kunststoff- oder Kupferrohredurch Außen- und Innenwände, durch Fußböden, Treppen und Decken geleitetwird - kurz, der ganze Baukörper dient als thermischer Speicher.Auch hierwurden im Erdreich unter der Hausgrundfläche Rohre verlegt, um dort überschüssigeEnergie im Sommerhalbjahr zu speichern. Das hier verwirklichte Wandsystemist eine Entwicklung des Instituts für Bauplanung der TU.Fünf Zentimeterstarke, wärmedämmende Außenschichten aus Holz und Styropor umschließeneinen 16 Zentimeter starken Hohlraum.In diese sogenannten Sonnenbausteinewerden die Sanitär- und Elektroleitungen verlegt, bevor sie mit Beton ausgegossenwerden.Auf die Idee, diesen Hohlraum zusätzlich als Energiespeicher zunutzen, kam der österreichische Heizungs- und Sanitärtechniker Alois Schwarz.Der Beton dient als Speicher und wird von der im Rohrsystem durchgeleitetenFlüssigkeit aufgeheizt."An der TU hat man sich gegrämt", sagtVogel, "nicht selbst auf die Idee gekommen zu sein." Um eine bestmöglicheVerteilung der Wärmeenergie zu gewährleisten, ist ein "Sonnenverdichter"im Einsatz.Er verteilt die Energie auf zehn verschiedene "Temperaturebenen".Die Flüssigkeit, die durch Außen- und Innenwände geleitet wird, hat maximal25 Grad, in den Fußböden dagegen maximal 35 Grad.Die Wände dienen nurals Puffer, geheizt wird mit herkömmlichen Heizkörpern.Ein Computer steuertdie Temperatur in den einzelnen Räumen.Der Vorteil des Wasser-Glykol-Gemischesist es, daß es auch bei Minustemperaturen nicht gefriert.Außerdem wirddie Anlage im Sommer zur Kühlung von Räumen genutzt. Die Herzstücke desSystems wurden in Europa, den USA und Kanada zum Patent angemeldet.Undneben dem Referenzprojekt in Potsdam ist CME auch schon anderweitig tätig.Nach denselben "Ökoprinzipien" steht eine Schule im mecklenburg-vorpommerschenMalchow kurz vor der Fertigstellung.Zudem sind 96 Wohnungen in einem Quartierhinter dem Friedrichstadtpalast geplant; vor kurzem erfolgte außerdem imsaarländischen Merzig die Grundsteinlegung für ein Krankenhaus.SogarPlanungen für eine eigene Fertigung der "Sonnenbausteine" inBrandenburg gibt es; hier soll jedoch das umweltschädlichere Styropor durchnatürlichen Schilf abgelöst werden.Durch eine "Serienproduktion"könnten die Kosten gesenkt und ein breiter Einsatz der neuen Technologiemöglich werden - noch allerdings suchen die pfiffigen Potsdamer nach Geldgebern.

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