Ex US-Botschafter John Kornblum im Interview : Das Herz Europas

Ex-Botschafter John Kornblum im Gespräch über das Potenzial des Berliner Immobilienmarkts.

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"Viele amerikanische Baby-Boomer, die jetzt ins Rentenalter kommen und etwas Geld auf der hohen Kante haben, kommen nach Berlin", sagt John Kornblum.
"Viele amerikanische Baby-Boomer, die jetzt ins Rentenalter kommen und etwas Geld auf der hohen Kante haben, kommen nach Berlin",...Foto: Marc Gruninger

Berlin ist als Immobilienstandort sehr gefragt. Nicht nur bei einheimischen Investoren, sondern zunehmend auch bei internationalen Kunden aus dem USA und Asien. Was suchen diese Käufer?

Im Gegensatz zu London, wo zunehmend Immobilien nur noch im absoluten Highend-Bereich von ausländischen Investoren – vor allem aus dem Nahen Osten – erworben werden, gibt es in Berlin einen interessanten Mix. Hier bekommt man für sein Geld noch wirklich viel, etwas Ansprechendes, das gut und wertbeständig ist. Zwar gibt es auch hier die großen Luxuswohnungen für drei bis vier Millionen Euro, aber es es fínden sich auch andere Projekte in der Stadt, wo die größte Wohnung nur 90 Quadratmeter misst und wunderbar als Pied-à-terre funktioniert.

Gerade viele amerikanische Baby-Boomer, die jetzt ins Rentenalter kommen und etwas Geld auf der hohen Kante haben, kommen nach Berlin. Sie sind etwas abenteuerlustiger als vorherige Generationen und suchen etwas Interessantes. Viele haben zum Beispiel ein Haus in der Toskana. In Berlin haben sie das Gefühl, Teil einer größeren Welt zu sein. Die Stadt ist einfach ein interessanter Ort, ein historischer Ort, wo Geschichte auch weiterhin entsteht. Hier leben so viele verschiedene Menschen aus aller Welt und aus allen sozialen Schichten.

Die Stadt ist sehr offen, hat gute Attraktionen, gewachsene, stabile Kieze und man kommt mit Englisch sehr gut durch. Das zieht auch chinesische Investoren oder Käufer an, die etwas wohlhabender sind als der Durchschnitt in ihrer Gesellschaft. Auch sie suchen das Interessante und wollen wissen, wie es ist, in Europa zu leben. In London etwas zu finden, ist schwierig. Aber in Berlin ist das anders.

Ist Berlin also ein guter Ort, um seinen Ruhestand zu genießen?

Ja. Ich denke schon, dass sich Berlin dafür sehr gut eignet. Es gibt in dieser Stadt so viel Offenheit, Abwechselung, Vielfalt und Kultur. Vor allem gibt es hier ein unglauchlich gutes Nahverkehrsnetz.

Berlin ist also für viele ausländische Investoren ein bezahlbarer und interessanter kultureller Anziehungspunkt. Was tragen diese ausländische Investoren aber zur Stadt bei?

Nun, zum einen helfen sie, Neubauten zu finanzieren, was für die Stadtentwicklung gut ist. Zum anderen tragen sie zur internationalen Gesellschaft der Stadt bei. Ich glaube, dass Berlin der künftige Schmelztiegel Zentraleuropas ist. Die Stadt hat eine Tradition der Offenheit. Sie war schon immer ein Anziehungspunkt für Immigranten, vor allem aus Osteuropa, was Berlin einen östlichen Touch gibt. Ich denke, mit den neuen Investoren kommt eine noch größere Mischung in die Stadt. Hier entsteht eine Art europäisches Herz.

Der Senat fördert mit seiner derzeitigen Wohnungsmarktpolitik ja eher Mietwohnungsbau als Eigentumswohnungen. Welche Optionen haben Kaufinteressierte also?

Die Politik des Senats ist ja eine Anti-Gentrifizierungspolitik. Auch wenn sie umstritten ist, macht es für mich Sinn, wenn Menschen ihren Kiez, ihre Wohnung nicht verlassen müssen, weil sie von einer Miet- in eine Eigentumswohnung umgewandelt werden soll. Für den Neubau gilt diese Einschränkung nicht. Der echte Markt für Eigentum liegt also im Neubau. Das ist sehr attraktiv, aber auch eine Frage der Qualität.

US-Botschafter a. D. John C. Kornblum verstärkt seit März das Team der Berliner Wohnbau Consult GmbH (Bewocon).
US-Botschafter a. D. John C. Kornblum verstärkt seit März das Team der Berliner Wohnbau Consult GmbH (Bewocon).Foto: AACmedia GmbH/BEWOCON

Berlin hat noch viele Flächen, die entwickelt werden können, und Flächen oder Immobilien, die revitalisiert werden können. Im Grunde stimuliert die derzeitige Politik den Neubau. Das ist gut für die Stadt. Allerdings würde ich mich nicht an der ehemaligen Abhörstation am Teufelsberg versuchen. Ich kenne allein drei Projekte, die sich daran die Zähne ausgebissen haben. Zum Glück gibt genügend andere Orte in Berlin, die interessant für Investoren und Projektentwickler sind.

Was empfehlen Sie ausländischen Investoren auf der Suche nach einem Zweitwohnsitz oder einem Immobilieninvestment?

Im Moment helfe ich amerikanischen Investoren nach Berlin zu kommen. Es gibt zwar schon welche, die hier aktiv sind, aber viele haben die Stadt nicht auf dem Schirm. Sie würden von alleine nicht auf den Gedanken kommen, dass es Sinn ergibt hier zu investieren. Berlin ist eben kein Ziel für große institutionelle Investoren, sondern eher für kleinere oder für Privatpersonen. Das macht den Markt sehr interessant.

Und es gibt für jeden etwas. Die Stadt lebt von ihren Kiezen. Man mag den einen Kiez, den anderen nicht. Hier kann man sich eine Wohnung leisten, dort nicht. Es gibt so viele Möglichkeiten. Und am Ende kauft man nicht einfach eine Wohnung, sondern kauft sich in ein kulturelles Milieu ein. Man kann sich aussuchen, von welcher Welt man ein Teil sein möchte. Es kommt ganz darauf an, wer man ist und wo man leben möchte.

Wo sind Sie am liebsten?
Ich habe an so vielen verschiedenen Orten in der Stadt gelebt. Momentan haben wir eine Wohnung in Wilmersdorf und fühlen uns dort sehr wohl. Aber es gibt so viele Ort, die repräsentativ sind für Berlin. Schöneberg ist gerade sehr beliebt. Aber ich mag auch Neukölln. Das ist eine so andere Welt. Im Augenblick gibt es eine Renaissance des Westens. Aber nach der Wende gab es eine natürliche Bewegung vom Westen in den Osten. Das hat in einigen Kiezen zu tollen Entwicklungen geführt. Auch wenn der eine oder andere jetzt beklagt, dass es beispielsweise im Prenzlauer Berg keine echten Berliner mehr gibt.

Aber wenn man in andere Bezirke geht, etwa nach Reinickendorf oder Köpenick, sieht die Welt ganz anders aus. Das macht eben auch den Charme dieser Stadt aus, dass es einen Teil der Bevölkerung gibt, die gar nicht weiß, dass ihre Stadt cool ist. Das ist wunderbar authentisch.

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