Expo Real : Gemischte Gefühle bei den Vermarktern

Die Finanzkrise drückt auf die Stimmung bei Deutschlands größter Immobilienmesse

Christian Hunziker

Auf den ersten Blick war alles wie immer. Auf dem Gemeinschaftsstand, mit dem sich das Land Berlin, das Land Brandenburg und über 40 weitere Institutionen und Unternehmen Anfang dieser Woche auf der Expo Real in München präsentierten, diskutierten Bezirkspolitiker und Immobilienfachleute auf dem Podium über die Perspektiven für die City-West, den Wiederaufbau der Schinkelschen Bauakademie und die Bedeutung der kreativen Klasse für Berlin. An den Stehtischen drängte sich derweil Immobilienprominenz von Liegenschaftsfonds-Chef Holger Lippmann über Bauträger Klaus Groth bis zu Architekt Eike Becker.

Die Expo Real in München ist nach der Mipim in Cannes die wichtigste europäische Immobilienmesse. Zu den gut 1800 Ausstellern aus 45 Ländern zählten neben vielen großen Immobilienunternehmen auch Metropolen wie Moskau, St. Petersburg, Prag, Hamburg und Berlin. Zu besprechen hatten die Branchenvertreter am Berliner Stand in diesem Jahr allerdings zahlreiche Themen, die in keinem gedruckten Programm auftauchten. Warum hat Orco Germany, mit dem Leipziger Platz und dem Haus Cumberland einer der wichtigsten Immobilieninvestoren in Berlin, seinen eigenen Stand abgesagt? Welche Bank gerät als nächste in Schieflage? Und wie wirkt sich die weltweite Finanzkrise auf den hauptstädtischen Immobilienmarkt aus?

Komplizierte Zeiten: Während an den Börsen die Aktienkurse in den Keller stürzten, bemühte sich die Branchenwelt – übrigens nicht nur am Berlin-Stand – tapfer, gegen das Gespenst der Krise anzureden. „Nie war das Interesse größer an Berlin als heute“, so zum Beispiel René Gurka, Geschäftsführer der Marketingorganisation Berlin Partner. „Und wir hoffen, dass es so weiter gehen wird.“ Auch Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer, die zusammen mit Senatsbaudirektorin Regula Lüscher den Senat vertrat, zeigte sich optimistisch. „Wir haben keine Immobilienkrise in Berlin“, sagte sie am Rande der Messe. Denn im Gegensatz zu anderen Millionenstädten habe es in der deutschen Hauptstadt keine Blase gegeben, die jetzt geplatzt wäre. Allerdings, räumte die Senatorin ein, werde es aufgrund der Umbrüche im Finanzsystem zu „einer gewissen Marktbereinigung“ kommen.

Insgesamt bevölkerten 42 000 Fachbesucher und Ausstellervertreter an den drei Messetagen die 74 000 Quadratmeter große Ausstellungsfläche. Allerdings suchten nach einer ersten Einschätzung von Irina Dähne, der Pressesprecherin des Liegenschaftsfonds, weniger Ausländer als im vergangenen Jahr das Gespräch mit den Vermarktern des Berliner landeseigenen Grunds und Bodens. Dagegen sei das Interesse von deutschen Investoren an Objekten wie zum Beispiel den Markthallen in Kreuzberg und Moabit groß, für die der Liegenschaftsfonds Käufer sucht. Und obwohl „eine gewisse Zurückhaltung“ zu spüren sei, setzten sich Investoren doch ernsthaft mit der Bauakademie und dem zweiten Bauabschnitt am Humboldthafen auseinander – den beiden größten Ausschreibungsobjekten des Liegenschaftsfonds.

Laut Ingeborg Junge-Reyer sind nach wie vor Investoren unterwegs, die mit einem Eigenkapitalanteil von dreißig Prozent – das gilt als solider Wert – arbeiten und nach eigenen Angaben keine Probleme mit der Finanzierung haben. Bestätigt fühlen kann sich die Senatorin durch eine im Auftrag von Hochtief Projektentwicklung und TLG Immobilien verfasste Studie des Forschungsinstituts Bulwien Gesa. Demnach werden in der Region Berlin/Potsdam bis zum Jahr 2012 Neubauten mit einer Geschossfläche von nicht weniger als fünf Millionen Quadratmeter fertig gestellt werden. „Der Berliner Immobilienmarkt“, sagt Carsten Sellschopf, Niederlassungsleiter von Hochtief Projektentwicklung, „erlebt trotz Herbstzeitstimmung auf den internationalen Kreditmärkten einen Frühling.“

Diese Einschätzung verblüfft denn doch. Denn wie auf der Expo Real an allen Ecken und Enden zu hören war, vergeben momentan zahlreiche Banken noch nicht einmal mehr an ihre langjährigen Kunden Kredite. „Wir warten ab“ und „Die Banken finanzieren nichts“ seien die Aussagen der Stunde, berichtete ein Insider auf der Messe.

Aber: Genau deswegen sei es wichtig, dass auch die Architekten auf der Expo Real präsent seien, so Oliver Kühn vom Berliner Büro GKK Architekten, das sich als eines von ganz wenigen Architekturbüros einen eigenen Stand auf der Expo Real leistete. Kühns Argumentation: Die Immobiliengeschäfte vergingen, die Architektur aber bleibe. Seinen Stand hatte GKK übrigens nicht in der Nähe der Berliner Ausstellungsfläche – sondern im Umfeld des Münchner Standes.

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