Fassadenschäden : Sehr schlecht, Herr Specht!

Auch im Berliner Stadtgebiet hacken Vögel an den Fassaden. Besonders beliebt: Wärmedämmung. Vorsorge hilft Schäden vermeiden

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Den Begriff „Fassadenbrüter“ kennen die ornithologischen Handbücher so nicht – aber betroffene Hausbesitzer wissen sofort, um was es geht: um die ungebetenen Untermieter, die sich Bruthöhlen in die Hausfassade hacken. Und zwar vorzugsweise dort, wo Hausherren zum Schutz der Umwelt all ihren Pflichten zur Wärmedämmung nachgekommen sind und ihr Gebäude mit handelsüblichen Dämmschichten eingepackt haben. Auch das ist klar – es wird teuer, die Bauschäden zu beseitigen.

In Rage bringt Hausbesitzer in erster Linie der Buntspecht, der gerade in dieser Jahreszeit die Wohnsiedlungen heimsucht. Denn Buntspechte halten sich nicht mehr an die Rolle, die ihnen Ornithologen zuschreiben. Demnach wären sie von Natur aus Bewohner von Mischwäldern oder naturnahen Parkanlagen mit reichlich Totholz, um dort ihr Lebenswerk als Insektenbändiger eifrig und erfolgreich zu leisten.

Von wegen. Spechte werden regelmäßig unterschätzt – die klugen wie lernfähigen Vögel siedeln mehr und mehr in die begrünten Stadtviertel um, weil dort die Lebenschancen einfach besser sind. Und seit es in großer Zahl wärmegedämmte Hausfassaden gibt, ist auch die „leidige Wohnungsfrage“ aus Sicht der Buntspechte gelöst. Und da Berlin eine Stadt mit erfreulich vielen Grünzonen ist, bekommt Katrin Koch, die Expertin des Berliner Naturschutzbundes (Nabu), Anrufe aus allen Bezirken. „Sogar aus Mitte melden sich Betroffene“, berichtet sie.

Angriffsziel der Buntspechte sind Fassaden, die mit den heute bevorzugten WDS-Platten gedämmt worden sind. Dabei spielt es nach den Beobachtungen der Vogelkenner keine Rolle, ob der Bauherr anorganische Materialien wie Mineralwolle oder Mineralschaum gewählt hat oder Hartschäume aus Polystyrol oder Polyurethanen. Oder sogar einen der natürlichen Dämmbaustoffe: Holzfasern, Kork, Hanf oder Perlite. Alle Verbundplatten werden mit der zu dämmenden Hauswand verklebt und mit speziellen Teller- dübeln gesichert.

Zum Schluss wird üblicherweise ein dünner mineralischer Putz als Wetterschicht aufgetragen – hier beginnt aber das Problem. Schon von einer Korngröße im Putz von zwei Millimetern an findet der Buntspecht genug Halt an der Fassade. Der Rest ist reine Spechtsache. Der Buntspecht hat eine Vorliebe für die (Dämm-)Platte.

Wie nun die bunten Vögel darauf gekommen sind, ausgerechnet Hausfassaden zu traktieren, ist nicht ganz geklärt. Die gängige Erklärung sagt, dass Buntspechte auf der Jagd nach Insekten die gedämmten Hauswände „abgeklopft“ haben müssen – und das Resonanzgeräusch der Dämmschichten dürfte die Tiere an Totholz erinnert haben, in das Spechte ihre Brut- und Schlafhöhlen schlagen.

Jedenfalls bohren Buntspechte die Fassaden vorzugsweise an Hausecken, an stark besonnten Flächen, neben Fallrohren oder in direkter Nachbarschaft zu Bäumen an – dort, wo auch Insekten vornehmlich zu finden sind.

Hausbesitzer sollten bereits handeln, wenn sie den markanten Trommelwirbel des Buntspechts zum ersten Mal hören – denn die Spechte legen deutlich mehr Höhlen an als sie zur Brut tatsächlich brauchen – ein gewisses Imponiergehabe der männliche Buntspechte bei der Brautschau soll der Grund dafür sein. Sie betreiben damit aber ungewollt einen regelrechten Siedlungsbau für Nachrücker wie Meisen, Kleiber, aber auch Nagetiere, darunter oft der Siebenschläfer. Die Fassade eines „Spechthauses“ wird zum pickeligen Biotop.

Weil sich die Buntspechte auf ihren zahlreichen Baustellen verzetteln, bleibt aufmerksamen Hausherren noch genug Zeit zur Gegenwehr – zwei bis drei Wochen werkeln die Vögel an den einzelnen Nisthöhlen. Katrin Koch vom Nabu hat volles Verständnis dafür, den Spechten die Rote Karte zu zeigen. Offene Stellen in der Wärmedämmung können sich zu großen Kältebrücken ausweiten, sind der Witterung ausgesetzt und werden schon nach kurzer Zeit von Milben und größeren Insekten befallen – was wiederum andere Tiere anzieht.

Buntspechte lassen sich vertreiben oder vergrämen – durch laute Geräusche wie Klatschen oder Pfeifen. Empfohlen werden auch Flatterbänder, die man aus den rot-weißen Sperrbändern für Baustellen fertigen kann. Veteranen im Spechtduell raten auch zu Spiegelfolien und Leinen voller bunter Wimpel.

Hausbesitzer sind gut beraten, mit einem Fernglas die Fassaden nach angepickten Stellen absuchen. Vorsorglich sollten die Vergrämungsmittel an allen Hausecken und auf der Sonnenseite angebracht werden. Aber: Wie gesagt, Buntspechte lernen schnell und können schon bald zwischen echten Gefahren und Feindesattrappen unterscheiden – die Hausbesitzer sollten ihre Vogelscheuchen häufig wechseln. „Eine Garantie gibt es nicht“, warnt Spechtkennerin Koch. Auch die beliebten Rabenattrappen verlieren schon nach kurzer Zeit ihre abschreckende Wirkung.

Wer als Hausbesitzer nun das Pech hat, Frühjahr um Frühjahr von Buntspechten heimgesucht zu werden, der muss nachhaltig handeln – und vor allem die Eckkanten seines Gebäudes schützen. Spechte orientieren sich nun einmal an einer Senkrechten, von Natur aus: „Ob Hausecke oder Baumstamm, der Buntspecht klettert immer auf und ab“, weiß Katrin Koch.

Gerade hier kann man mit einer gezielten Hausbegrünung die Häuserecken schützen. Fachleute raten zu Rankgittern aus Holz oder Edelstahl. Oder zu Drahtseilsystemen, die vor die Hauswand gespannt werden und immer mehr in Mode kommen. Auf keinen Fall sollten Immobilienbesitzer Selbstkletterer wie Efeu oder Wilden Wein anpflanzen, weil diese mit ihren Haftwurzeln den Putz beschädigen können. Gartenfachleute können geeignete Pflanzenarten empfehlen.

Und der Effekt: Buntspechte halten sich im Gegensatz zu vielen Kleinvögeln nicht gern im dichten Grün auf, erst recht nicht in den Rankpflanzen – findet er keine freie Kante, dann zieht der Buntspecht eben weiter.

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