Immobilien : Ferienressort für Freizeitkapitäne

Ein Architekt will in Rheinsberg einen künstlichen Hafen samt Dorf bauen. Betreiber gibt es schon, nur das Geld fehlt

Jörn Pestlin

Wenn Herbert Harm auf das „Hafendorf Rheinsberg“ zu sprechen kommt, ist er um Superlative nicht verlegen. Auf einem gut 13 Hektar großen Areal am Ostufer des Rheinsberger Sees will der Architekt und Projektentwickler aus dem mecklenburgischen Waren den größten künstlichen Hafen Deutschlands bauen. Wenn nicht sogar Europas. Dazu noch ein Ferienressort mit 700 Hotelbetten der Vier-Sterne-Kategorie, 146 Ferienhäuser für Eigennutzer mit Bootsliegeplatz und die „Arena Rheinsberg“: Brandenburgs größte Multifunktionshalle für Kultur-, Sport- und Freizeitnutzung. Im Sommer 2005 soll das alles stehen. Dann will die Projektgesellschaft Hafendorf Rheinsberg GmbH 75 Millionen Euro verbaut haben. „Das Hafendorf“, sagt Harms, „wird Rheinsberg verändern“.

Diese Aussichten – und 2000 Liter Freibier lockten vor wenigen Wochen bereits 2500 Schaulustige auf das Gelände des künftigen Hafendorfes. Auf dem Plan stand die Sprengung eines elfgeschossigen Plattenbau-Hotels aus DDR-Zeiten. Dieser Plattenbau am Seeufer war der Mittelpunkt eines Ferienkomplexes. Das hatte die DDR-Einheitsgewerkschaft Freier Deutscher Gewerkschaftsbund (FDGB) errichtet.

Das 1984 eröffnete „Ernst Thälmann“-Hotel stand nicht nur der Aussicht vom Rheinsberger Schlosspark am gegenüberliegenden Ufer, sondern auch jeglicher touristischer Nutzung des Areals im Wege. Deshalb rückte ein Sprengmeister aus Magdeburg dem Klotz mit 150 Kilogramm Plastiksprengstoff zu Leibe. „Das Erdgeschoss“, schwärmt Harms, „wurde regelrecht pulverisiert.“

400000 Euro für ein Abrisshaus

Um den Elfgeschosser zu schleifen, musste die Hafendorf-Gesellschaft ihn aber erst einmal von der Bundesanstalt für vereinigungsbedingte Sonderaufgaben (BvS) abkaufen. Die BvS verwaltet und vermarktet das Vermögen der ehemaligen Parteien und Massenorganisationen der DDR. „Die Verhandlungen waren nicht einfach“, sagt Harms. Die Bundesanstalt wollte im Sinne ihres Auftrages möglichst viel Geld für die FDGB-Platte, die Hafendorf-Gesellschaft am liebsten gar nichts zahlen. Man einigte sich auf einen Kaufpreis von 400000 Euro. Noch einmal 1,5 Millionen Euro waren für das Grundstück fällig. Dieses Geld ging an eine Erbengemeinschaft, die Nachfahren des Berliner Kaufmanns Hoffmann. Ihm gehörte in der Hohenzollern-Residenz nicht nur eine Villa, direkt am Rheinsberger See, mit dem klangvollen Namen „Miralonda“, sondern auch das später vom FDGB in Beschlag genommene Wassergrundstück.

Aber längst nicht alle Probleme, die dem Abriss des alten Hotels im Wege standen, ließen sich durch Verhandlungen lösen. In einigen Fällen half nur eins: Warten. Ein ums andere Mal verzögerte tierischer Besuch die bereits für Ende 2001 geplante Sprengung des Hochhauses. Erst Fledermäuse und dann Mauersegler hatten das verwaiste Hotel zwischenzeitlich zum Schlafen und Brüten in Beschlag genommen. Im November 2001 – kurz vor dem ersten Sprengtermin – gab ein Zoologe von der Naturschutzstation Zippelsförde Fledermausalarm. Er hatte in dem Plattenbau Spuren dieser Tiere entdeckt. Schon der Verdacht auf die streng geschützten Säuger reichte, um die Abrisspläne zu stoppen. Erst als alle Tiere die Herberge wieder freiwillig geräumt hatten, gab es grünes Licht für die Sprengung.

Aber nicht nur die nachtaktiven Fledermäuse, sondern auch deren Quartiere stehen unter Schutz – selbst wenn die Tiere im Augenblick ausgeflogen sind. Für die Sprengung des FDGB-Kolosses brauchte Harm deshalb eine Sondergenehmigung vom Landesumweltamt. Um die zu bekommen, muss die Hafendorf-Gesellschaft für ein Ersatzquartier sorgen. Dem neuen Domizil der Fledermäuse fehlt zwar der Seeblick und mit 100 Quadratmetern ist es auch nicht so geräumig wie das Hotel, dafür ist es aber ein fledermausgerechter Neubau mit rauen Wänden, Nischen und Mauerritzen. Anfang 2003 sollen die Arbeiten beginnen. „Die Baugenehmigung haben wir schon“, sagt Harm. „Und da steht Fledermaushotel drauf.“

Trotz der zusätzlichen Baukosten von rund 10000 Euro ist Harm mit dieser Lösung zufrieden, lassen sich so doch zwei Probleme aus der Welt schaffen: Seine Gesellschaft darf das FDGB-Hotel sprengen und wird den Boden los, der beim Ausbaggern des 50000 Quadratmeter großen Hafenbeckens anfällt. „Die 150000 Kubikmeter Aushub“, so Harm, „schütten wir rund um das Fledermaushotel zu einem Wall auf – als Frostschutz.“

Investoren kommen und gehen

Ein gespanntes Verhältnis zum Naturschutz habe er trotz der Verzögerungen und zusätzlichen Kosten nicht, versichert Harm. „Das ist nun mal Gesetz“. Zehn andere Projekte dieser Art seien jedoch an den Einsprüchen der Naturschutzbehörden gescheitert. Das Problem sei aber nicht das ,Nein‘, so der Planer, sondern, dass es in der Regel sehr lange bis zum Ablehnungsbescheid dauere. „Da werden immer neue Gutachten eingeholt und letztlich stirbt so ein Bauvorhaben einen langsamen Tod“, sagt Harm, bis dahin sei aber schon viel Geld investiert.

Die Baugenehmigung ist aber nur eine Seite der Medaille, die Finanzierung eine andere. Das weiß Harm aus eigener, zum Teil leidvoller Erfahrung. Bevor er das Hafendorf als Projektentwickler 2001 in eigener Regie übernahm, hatte sein Warener Büro im Auftrag von Investoren Pläne für die Nutzung des Areals erarbeitet. Seit 1990 hat er eine Handvoll Investoren kommen und gehen sehen – ohne dass sie gebaut und ein Teil seiner Honorarrechnungen bezahlt hätten.

Wie schon bei ihren Vorgängern verwandelten sich auch die ersten Pläne der Hafendorf-Gesellschaft mehr oder weniger in Makulatur. Bis auf ein einsames, im Sommer 2001 eröffnetes Musterhaus am Ufer des Rheinsberger Sees, existiert das Hafendorf bislang nur auf dem Papier. Der ursprünglich für den Sommer 2003 avisierte Fertigstellungstermin ist um zwei Jahre verschoben worden. Schuld daran sind nicht nur die Fledermäuse. Das Projekt überzeugte weder Banken noch Hotelbetreiber. Touristisch bietet der Standort im Naturschutzgebiet zwar viel. Doch die fünf Monate Wassersportsaison von Mai bis September reichen nicht aus, um eine 700-Betten-Hotelanlage rentabel zu betreiben.

Ein Beleg dafür findet sich gleich um die Ecke, in Kleinzerlang. Die dort vor drei Jahren eröffnete „Marina Wolfsbruch“ – eine ähnlich konzipierte Hafen- und Ferienanlage mit 750 Hotel- und Ferienhaus-Betten – kommt lediglich auf eine Auslastungsquote von 60 Prozent. Die Folge: Im letzten Winter öffnete das Hotel am Hüttenkanal mangels Nachfrage nur noch an Wochenenden oder für Tagungen.

Das Lösungswort heißt saisonverlängernde Maßnahmen: Harm entwickelte das Konzept „Arena Rheinsberg“. Die Mehrzweckhalle für Kultur und Sport soll für eine kontinuierliche Belegung der Hotelbetten sorgen. „Wir bauen hier die größte Halle in Brandenburg“, sagt Harm. 30 Millionen Euro hat er dafür veranschlagt. Herzstück der Arena ist ein Saal mit bis zu 1000 Zuschauerplätzen. Bei schlechtem Wetter und im Winter soll er der Kammeroper Rheinsberg als Spielstätte dienen. Auch für Kongresse oder Bälle ist der Saal geeignet. „Die Omas aus Castrop-Rauxel wurden per Bus zu ,Cats‘ nach Hamburg gekarrt“, sagt der Planer. Warum soll dieser „Kulturbus-Tourismus“ nicht auch in Rheinsberg funktionieren?

Die Idee mit der Arena begeisterte nicht nur den künstlerischen Leiter der Kammeroper, sondern überzeugte auch die IFA Hotel & Touristik AG aus Duisburg. Die Beteiligungsgesellschaft des zweitgrößten europäischen Touristikunternehmens „Thomas Cook“ werde Hotelkomplex und Arena vermarkten und betreiben, erklärt Harm.

„So sieht es jedenfalls aus“, bestätigt Eberhard Graupner, der Generalbevollmächtigte der IFA. Für Anfang 2003 seien noch letzte Gespräche mit der Projektgesellschaft terminiert. In dieser Runde gehe es nicht nur um die Frage, ob und in welchem Umfang die IFA als Investor in das Projekt mit einsteigen wird, sondern auch um die Konkretisierung des nach Graupners Meinung überaus ambitionierten Zeitplanes. „Wir werden nichts betreiben“, erklärt Graupner, „wo noch anderthalb Jahre eine Baustelle rundherum ist.“

Fördermittel sind ungewiss

Die Finanzierung der Arena ist mit dem Betreiber IFA aber noch nicht gesichert. Ohne Geld aus der Landeskasse, daraus macht Harm keinen Hehl, ist die Mehrzweckhalle nicht zu realisieren. Dass aber auch der neue Brandenburger Finanzminister eigentlich keine Fördermittel mehr zu verteilen hat, weiß Harm sehr gut. Trotzdem ist er optimistisch, dass das Land seine Unterstützung nicht versagen wird.

Im Brandenburger Wirtschaftsministerium möchte man sich zu den Förderaussichten noch nicht festlegen. „Der Minister ist erst seit wenigen Wochen im Amt“, sagt der Pressesprecher, „wie es mit der Tourismusförderung weitergeht, lässt sich heute noch nicht sagen.“

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