Finanzkrise : Geschieden – doch in der Krise notgedrungen vereint

Um ihre Häuser zu retten, bilden immer mehr Amerikaner unfreiwillige Wohngemeinschaften.

Silke Bigalke
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Das Ende. Für viele Eigenheimbesitzer in den USA ist der Traum ausgeträumt. Foto: dpa

Die Angst vor einem Fremden in ihrem Haus hat Laura Rogers lange gequält. Doch schlimmer war die Sorge, ihr kleines Reihenhaus in Baltimore ganz zu verlieren. Die Wirtschaftskrise drohte diesen Alptraum wahr zu machen, als Rogers nicht genug Arbeit fand und die Raten ihrer Hypothek nicht mehr zahlen konnte. Im Dezember nahm die 45-Jährige notgedrungen einen Untermieter auf. „Ich wollte doch nicht obdachlos werden.“ Dabei hat sie es noch gut getroffen. Andere Hausbesitzer zwingt die Krise sogar dazu, nach der Trennung mit ihrem Ex-Partner zusammen zu wohnen. „Leben mit dem Feind“, nennen Psychologendas.

Die Zahl der unfreiwilligen Wohngemeinschaften mit Fremden, Feinden oder der Verwandtschaft steigt in den USA. Viele Amerikaner versuchen damit, ihr Haus vor der Zwangsversteigerung zu retten. Sie wollen dem Schicksal entgehen, das bereits über drei Millionen Amerikaner im Jahr 2008 erlitten haben. Ihr Dilemma ist groß: Sie können ihre Rechnungen nicht mehr zahlen, weil sie ihren Job verloren haben, ihr Einkommen schrumpft oder die Nebenkosten gestiegen sind. Gleichzeitig sind die Hauspreise dramatisch eingebrochen. Es ist unmöglich, ein großes, teures Haus ohne Verlust zu verkaufen, um in ein kleineres Haus zu ziehen. In dieser Not werden Hauseigentümer zu Mitbewohnern. Die Suche nach Untermietern im Internet boomt. Die „Craigslist“ ist Amerikas meistgenutzte Internetseite, auf der Privatleute online Kleinanzeigen schalten können. Hier sind die Suchanfragen für Mitbewohner in den vergangenen zwölf Monaten um 65 Prozent gestiegen, sagt „Craigslist“- Sprecherin Susan MacTavish. Landesweit werden auch die Wartelisten bei Servicestellen länger, die Mitbewohner an Hausbesitzer vermitteln. Der Ansturm habe im August 2008 begonnen, berichtet die Vize-Präsidentin des „National Shared Housing Ressource Centers“, Jacqueline Grossmann, die für 300 Vermittlungsstellen spricht.

Grossmann selbst bearbeitet Anfragen aus dem Raum Chicago. 25 Hausbesitzer stehen im Schnitt auf ihrer Warteliste für Mitbewohner, fünfmal so viele wie vor der Krise. „Menschen, die mich zuvor niemals angerufen hätten, rufen jetzt an“, sagt Grossmann. „Amerikaner haben große Angst vor Fremden, noch mehr seit dem 11. September. Jetzt stehen sie unter dem großen Druck ihre Angst zu überwinden.“ Sie war es gewohnt, vor allem älteren, alleinstehenden Hausbesitzern zu helfen, die keine Wahl hatten, als sich Hilfe ins Haus zu holen. Nun treibt die wirtschaftliche Not viele jüngere Eigentümer in ihr Büro.

Sorgen mit dem Haus zwingen viele sogar dazu, mit ihrem Ex-Partner zusammen zuleben. Immer mehr Paare stellen nach der Trennung fest, dass ihr Heim sie aneinanderbindet. „Die meisten Häuser sind weniger wert als ihre Hypothek. Man kann nicht einfach ein großes Haus zu zwei kleinen Häusern machen“, sagt der New Yorker Scheidungsanwalt Raoul Felder. Er rät seinen Klienten, solange wie möglich zusammen zu bleiben und vergleicht Scheidungen mit Wetten auf die Börse. Die Frage sei immer, wie die Wirtschaft in acht Monaten aussehe - so lange dauert eine Scheidung im Schnitt. „Ich denke, es wird definitiv schlimmer“, sagt Felder. Tatsächlich sei die Scheidungsrate in der Krise um die Hälfte gesunken, sagt der Anwalt. Zwar ist die entsprechende Statistik noch nicht veröffentlicht, doch zahlreiche Kollegen stimmen ihm zu. Eine Umfrage unter 1600 Eheanwälten der „American Academy of Matrimonial Lawyers“ hat ergeben, dass rund 40 Prozent der Befragten weniger Scheidungsfälle haben.

Das heißt nicht, dass sich weniger Paare trennen. Im Gegenteil. Wenn das Geld knapp wird, nehmen Konflikte und Trennungen zu, sagt Eheberaterin und Buchautorin Bonnie Weil. Sie kennt viele getrennte Paare, die ihr Haus in Zonen aufgeteilt haben. „Sie behandeln einander wie Fremde im eigenen Heim. Stiller Hass. Manche Menschen werden körperlich krank davon.“ Weil rät in solchen Fällen zur Eheberatung. Doch auch dazu fehlt oft das Geld, kosten 45 Minuten bei ihr doch 250 Dollar (188 Euro). dpa

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