Immobilien : Frankfurt hat hochfliegende Pläne

FRANK PETER JÄGER

Wer in diesen Tagen eine der Baustellen in der Mainmetropole Frankfurt besichtigt, wird den zum Schutz aufgesetzten Helm nicht lange auf dem Kopf behalten.Denn will man das halbfertige Bauwerk in seiner Gänze betrachten, muß man den Kopf weit in den Nacken legen.So etwa beim 199 Meter und damit rund 60 Stockwerke hohen "Main-Tower", in den im kommenden Jahr unter anderem die Landesbank Hessen-Thüringen einziehen soll.

Der Main-Tower ist eines in einer Reihe neuer, spektakulärer Bauprojekte in Frankfurt, die zur Jahrtausendwende fertiggestellt werden sollen.Sie markieren aus Frankfurter Sicht einen neue Dimension der eigenen Stadtentwicklungsgeschichte."Maßstabssprung - Die Zukunft von Frankfurt am Main" lautet deshalb der Titel einer Ausstellung, die bis zum 28.Februar im Deutschen Architekturmuseum all das zeigt, was bis zum Jahre 2010 für die hessische Finanzmetropole geplant ist.

Frankfurt sieht einem Baufieber entgegen, das dem in Berlin kaum nachsteht: Der Flughafen soll erweitert werden, der Hauptbahnhof vom Kopf- zum Durchgangsbahnhof umgebaut werden.Über seinem Gleisvorfeld sollen Parks, exklusive Wohnviertel und Bürotürme entstehen.Und natürlich neue Wolkenkratzer für Mainhattan: Ein von der Stadt in Auftrag gegebenes Gutachten entwickelte ein ausgeklügeltes Anordnungsmuster für die Hochhäuser, das ihre "Verschattungswirkung" möglichst gering halten soll.Die Vision der städtischen Planer ist eine ambitionierte Skyline, die sich zur dreiseitig aufstrebenden Stadtkrone formt.Im Modell der Ausstellung ist dieser Anblick schon jetzt zu bestaunen - über Main und Römerberg ragt ein Hochhauswald empor.Auf dem Gelände des ehemaligen zentralen Güterbahnhofs sind neue Bauten für die Frankfurter Messe und ein "Urban Entertainment Center" mit Kinos und Musical-Theater geplant.

Den Stadtplanern ist offenbar nicht bange, daß es künftig auch genügend Nutzer für die vielen Neubauten geben wird.Vor allem von der Europäischen Zentralbank (EZB) erhoffen sich die Stadt und die am Main engagierten Immobilienunternehmen einen kräftigen Entwicklungsschub für den Finanzplatz Frankfurt und seinen Büroflächenmarkt.Martin Drummer, Vize-Chef der Immobilienberatungsfirma Jones-Lang-Wootton: "Wir registrieren eine rege Nachfrage vor allem in- und ausländischer Finanzdienstleister an unseren Frankfurter Objekten.Die Unternehmen wollen ins Zentrum der Stadt.Sie suchen das städtische Ambiente und sind dafür auch bereit, höhere Mieten zu zahlen."

Auch bei der Architektur wird nicht gespart.Architekten und Bauherren scheint mehr als früher an der Qualität ihrer Häuser gelegen zu sein.Der "intelligente Wolkenkratzer" ist angesagt.Wie der "Main Tower" zum Beispiel.Herzstück des Gebäudes ist ein computergestütztes Steuerungssystem, das den gesamten Betrieb des Hauses - von den Aufzügen über die Kühlung bis zur Fensteröffnung - zentral regelt.Wegen der enormen Abwärme, die die elektrischen Anlagen der High-Tech-Branche in jedem Büro und jedem Kabelschacht ausstrahlen, kommen die neuen Hochhäuser fast ohne Heizung aus.Stattdessen muß gekühlt werden: Durch einen Teil der 400 anderthalb Meter starken Pfähle, auf die der Turm gegründet ist, wird im Winter Kälte vom Dach in die Tiefe geleitet und dort in sogenannten "Erd-Pendel-Speichern" gesammelt.In der warmen Jahreszeit kann sie dem Gebäude zur Kühlung wieder zugeführt werden.Dadurch kann viel Energie eingespart werden.Dieser Effekt entspricht aber nicht alleine ökologischen Ambitionen der Bauherren, sondern wirtschaftlicher Notwendigkeit.Niedrige Betriebskosten sind die Voraussetzung für gute Vermietungsaussichten.

Augenfällige Gemeinsamkeit der neuen Frankfurter Bauten ist die ausgiebige Verwendung von Glas: Außer zur Verkleidung der Fassaden dient es immer häufiger dazu, die eigentlichen Gebäude mit ihren Büroetagen durch riesige gläserne Passagen und Wandelhallen zu ergänzen.Glas wird dabei zum eigenständigen Mittel architektonischer Formensprache.Die zentrale Erschließung des sich zum Mainufer hin öffnenden Allianz-Gebäudes etwa erfolgt durch eine rundum verglaste, fünf Stockwerke hohe Galerie, die einen ungehinderten Rundblick auf Fluß und Stadt ermöglicht.Dem Zauber des durchsichtigen Baustoffes erliegen nicht alle.So erinnert das "Hochhaus am Deutschherrenufer" des Berliners Hans Kollhoff mit seiner steinernen, durch Vor- und Rücksprünge reich gegliederten Fassade an die Art-Deco-Pracht der frühen Hochhäuser in Chicago und New York.

Der Anspruch einer durchdachten, ortsbezogenen Architektur eint fast alle Entwürfe.Die Wolkenkratzer und Business-Paläste sollen nicht vom Stadtleben abgeschirmte Zitadellen der Wirtschaftmacht sein, sondern ihre Umgebung bereichern - so zumindest der Wunsch der Architekten.Mit Passagen wollen sie die Sockel der Hochhaustürme zu Zentren urbanen Lebens machen.Bei früheren Frankfurter Hochhausprojekten gingen solche Konzepte nicht immer auf.

Wenig begeistert von den großen Plänen der Stadt zeigt sich Timo Da Via, Politologe an der Universität Frankfurt.Die weitere Verdichtung der Innenstadt und die dadurch um sich greifenden Miet- und Bodenpreissteigerungen würden weite Teile der Bevölkerung ins Umland verdrängen.Da Via sieht in Frankfurt erste Anzeichen einer Entwicklung wie in amerikanischen Großstädten: Die Polarisierung der Stadt in ein prosperierendes Geschäftsviertel und in niedergehende Viertel, in denen die "A-Bevölkerung" wohnt - Arme, Alte, Arbeitslose, Auszubildende und Ausländer.Da Via kritisiert: "Eine Stadtentwicklungspolik, die sich einseitig auf die Förderung des Finanzplatzes konzentriert, vernachlässigt die Belange der übrigen Stadt und ihrer Bewohner."

Frankfurts Baudezernent Martin Wentz wehrt sich heftig gegen diese Kritik, die er schlicht für "Blödsinn" hält.Der Bauboom im Zentrum der Stadt nutze den angrenzenden Wohnvierteln mehr, als daß er schade."Durch das Flächenangebot in den neuen Hochhäusern weicht der Nutzungsdruck aus den Wohnquartieren.Zur Zeit können wir etwa 500 Wohnungen pro Jahr für Wohnzwecke zurückgewinnen, die bislang zu Büroflächen umfunktioniert waren." Um Investoren an den Main zu locken, sagt Wentz, müsse man auch attraktive Möglichkeiten für Wohnen und Arbeiten innerhalb der Stadt bieten."Gelingt uns das nicht, ist Frankfurt in 20 Jahren die Bronx der Rhein-Main-Region."

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