Gebäudesanierung : Das klimaneutrale Haus steht bis 2050 – aber nicht überall

Am Dienstag soll im Bundeskabinett das Konzept zur Gebäudesanierung verabschiedet werden. Neu im Entwurf ist ein Anreiz für Neubauten.

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Der ursprünglich – durch Steuernachteile geplante – Zwang zur energetischen Sanierung von Gebäuden ist zwar angeblich gefallen. Doch im Kern bleibt es dabei: Bundesregierung und Koalitionsfraktionen einigten sich in der Diskussion über die klimafreundliche Gebäudesanierung am Donnerstagabend darauf, dass der Einsatz von Primärenergie wie Gas oder Öl in Gebäuden bis 2050 um 80 Prozent reduziert werden soll. Bisher sollte sich die Reduktion direkt auf das Treibhausgas CO2 beziehen. Das Konzept soll am kommenden Dienstag vom Kabinett gebilligt werden. Als Motivation zum Dämmen und Fensteraustauschen soll das Gebäudesanierungsprogramm aufgestockt worden, aus dem Bauministerium kamen Forderungen von drei Milliarden Euro pro Jahr.

Im Ursprungskonzept hieß es noch, dass sämtliche Gebäude in Deutschland bis 2050 klimaneutral sein müssten, also bei der Heizung kein CO2 mehr produzieren dürfe. Wer auf dem Weg dorthin bei der Sanierung nicht vorankomme, sollte zusätzlich steuerlich belastet werden. Dies war von den Fraktionen bereits aus dem Konzept gestrichen worden. Die Idee zum Sanierungszwang war im Bauministerium und vor allem bei der FDP-Fraktion auf Widerstand gestoßen.

Neu im Entwurf ist ein Anreiz für Neubauten, wenn Häuser nicht mehr den neuesten Energiestandards entsprechend gedämmt werden können. „Ersatz-Neubau soll im Gebäudesanierungsprogramm förderungsfähig werden“, heißt es. Der FDP-Bauexperte Körber sprach sich dafür aus, das Programm zum energetischen Sanieren mit einem Programm für altersgerechte Sanierungsarbeiten zu kombinieren. „Wir müssen beim Sanieren viel stärker als bisher auch den demografischen Wandel bedenken und mehr Gebäude so umbauen, dass sie barrierefrei sind.“ Was bedeuten die Pläne für Berlin, die Mieter- und Altbaustadt Deutschlands schlechthin?

„In Berlin geht es sicher nicht vorrangig um das Thema Abriss“, erklärt auf Nachfrage dieser Zeitung Manuela Damianakis, Sprecherin der Deutsche Wohnen AG. Auch gehe es nicht vorrangig um das Thema Barrierefreiheit. Der demografische Wandel sei in einer anderen Hinsicht wichtig. „Wir haben in Berlin viele Singlehaushalte und bekommen immer mehr. Da brauchen wir Investitionsanreize, um den Bestand in den boomenden Regionen in Deutschland zu halten – in Großstädten wie Hamburg, Berlin und München.“

Lohnt es sich überhaupt zu sanieren? Es gibt Schätzungen von Eigentümerverbänden, die die Kosten der energetischen Sanierung aller Gebäude in Deutschland bis 2050 auf bis zu 2,6 Billionen Euro beziffern. Die Deutsche Energieagentur (dena) hält das für „Quatsch“. Hier würden auch normale Sanierungsarbeiten einfach mit eingerechnet. Zudem ließen sich mit einer massiven Sanierung nach neuesten Energieeinspar-Standards bis zu 4 Billionen Euro an Energiekosten in den nächsten 40 Jahren einsparen. „Die derzeitige Panikmache, dass sich etwa Mieten verdreifachen würden, ist nicht akzeptabel“, sagt dena-Geschäftsführer Stephan Kohler. Bis zu einer Energieeinsparung um 70 Prozent lasse sich eine Sanierung ohne Mietsteigerungen realisieren, da in einem solchen Fall zwar die Kaltmiete deutlich steigt, die Heizkosten aber massiv zurückgehen. „Und es gibt für Hausbesitzer einen viel, viel höheren Verkaufserlös, wenn das Gebäude energetisch saniert ist“, sagt Kohler.

Mieter sollten sich vor diesem Hintergrund dennoch nicht allzu viele Sorgen machen, sagt auch Manuela Damianakis: „Die Mieterschutzregeln sind ausreichend und ausgefeilt, es gibt einen gesetzlichen Schutz vor Luxusmodernisierung.“ Aus Sicht der Deutsche Wohnen AG gehe es um zinsgünstige Darlehen der KfW. „Die Darlehen müssten Eigenkapital ersetzen“, so die Sprecherin der zweitgrößten börsennotierten Wohnungsgesellschaft Deutschlands. „Wir brauchen nachrangige Darlehen – Zuschüsse sind kein Allheilmittel.“

Dauert es nicht Jahrzehnte, bis sich eine Sanierung rechnet? Ja, das kann sein. Aber die Energiekosten steigen und steigen, so dass es sich je nach Investitionskosten auch in wenigen Jahren rechnen kann. Die dena verweist darauf, dass seit 1995 die Kaltmieten um 22 Prozent gestiegen seien, die Energiekosten um 120 Prozent. Auch kursierende Zahlen von 1000 Euro Sanierungskosten pro Quadratmeter verweist Kohler ins Reich der Fantasie. Für eine Energieeinsparung von 80 Prozent würden nach dena-Berechnungen 420 Euro pro Quadratmeter anfallen. Zum Vergleich: Bei einem unsanierten Haus aus den 70er Jahren würden binnen 20 Jahren Heizkosten von 107 000 Euro anfallen, bei einem sanierten Haus aber nur 21 000 Euro.

Die dena schlägt ein Fördervolumen von 5 Milliarden Euro pro Jahr vor. „Diese Förderung löst das Sechsfache an Investitionen aus“, betont die Energieagentur. Nur so könne die Sanierungsrate von derzeit ein Prozent auf zwei Prozent pro Jahr verdoppelt werden. Jährlich müssten zur Erreichung der Ziele mindestens 360 000 Gebäude (68 Millionen Quadratmeter Wohnfläche) saniert werden. Als erstes müssen die vor 1978 gebauten Gebäude saniert werden. Da nach Schätzungen etwa die Hälfte aller Gebäude in den nächsten 20 Jahren ohnehin saniert werden müssten, soll dabei gleich die energetische Sanierung mitgemacht werden. (mit dpa und Reuters)

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