Immobilien : Gemeinschaft von Individualisten

In städtebaulichen Entwicklungsgebieten gehen private Bauherren neuerdings in Gruppen an den Hausbau. Das spart Geld – und kostet Zeit

Bernd Hettlage

Olaf Kreisel wollte nie in einem Reihenhaus wohnen. Viel zu eng hocke man da mit den Nachbarn aufeinander, fand er. Deshalb hatte Kreisel seine Eigenheimwünsche immer wieder verschoben – bis nach der Geburt des ersten Kindes dem selbstständigen Kaufmann und seiner Frau die Mietwohnung in Berlin-Friedrichshain zu klein wurde. Immer größer wurde dagegen der Wunsch nach dem eigenen Haus. Seit Mai wohnt die Kleinfamilie nun doch im Reihenhaus – in einer Reihe von sechs schmalen Häusern mit schmalen Grundstücken, mitten in Lichtenberg – und Kreisel ist begeistert.

So begeistert, dass er sein persönliches Bauherrenmodell nun zu seinem Beruf gemacht hat. Auf Honorarbasis arbeitet er für die Architekten seiner Siedlung. Seine Aufgabe: Er erklärt anderen Bauwilligen, was eine Baugemeinschaft ist Und wie sie sich von einem Bau nur auf eigene Rechnung unterscheidet.

Baugemeinschaften sind Gruppen bauwilliger Privatleute, die gemeinsam ein größeres Grundstück erwerben und darauf gemeinsam planen und bauen. Am Ende hat dann jeder ein eigenes Haus mit abgetrenntem Grundstück. In der Regel kommen die Bauherren mit diesem Modell preisgünstiger weg, als wenn sie ganz allein bauen – oder ein Haus von einem Bauträger kaufen. Denn die Rabatte auf den Großeinkauf von Baustoffen und Bauleistungen können die Eigentümer selbst einstreichen. Weitere Vorteile: Die künftigen Nachbarn hat man sich selbst ausgesucht, und bei den Hausentwürfen haben Mitglieder von Baugruppen volles Mitspracherecht.

In Deutschland wurde dieses Modell vor allem in Baden-Württemberg erfolgreich erprobt: In Tübingen und Freiburg entstanden so ganze Wohnviertel. In Berlin wurde das Modell in den 1980er Jahren populär, als die Firma Statthaus zwei Bauherrengemeinschaften in Spandau zu preiswerten Häusern verhalf. Weitere Projekte folgten (siehe Kasten).

Nun schwappt die zweite Baugruppen-Welle über die Stadt. Kreisel und „Die Rummelsburg“ haben zwölf Reihenhäuser nach diesem Modell errichtet. Zwei weitere Gruppen mit je zehn Häuser sind auf den Weg gebracht. Eine baut bereits, für die andere wirbt Kreisel nun nach Kräften neue Mitglieder. Eine weitere Initiative entstand im städtebaulichen Entwicklungsgebiet Wasserstadt: die Gemeinschaft „Am Parkring“. Und im Entwicklungsgebiet Adlershof bilden sich sogar fünf Gruppen. Die erste Gemeinschaft, „Lebens(t)raum“, ist am weitesten gediehen.

Chance für Entwicklungsgebiete

Dass sich Baugruppen in den städtischen Entwicklungsgebieten gebildet haben, ist kein Zufall. Deren Träger müssen sich angesichts der Immobilienkrise und der hohen Verluste, die diese Gebiete dem Senat bereits eingetragen haben, nach neuen Verkaufsstrategien umsehen. Die Wasserstadt entwickelte deshalb die „Berlin Terrace“-Reihenhäuser. Nach angelsächsischem Vorbild, so die Koordinatorin für Projektentwicklung Heike Brandhorst, stünden sie für ein stark verdichtetes, urbanes Wohnen mit Arbeitsmöglichkeiten im Souterrain oder einer Garage im Haus. „Wohnen und Arbeiten unter einem Dach“ lautet das Motto.

„Diese Häuser haben wir nicht nur Bauträgern angeboten, sondern auch privaten Bauherren,“ sagt Brandhorst. Dabei schlugen sie diesen auch gleich das Baugruppen-Modell vor. Interessiert waren Matthias Beyer und Katrin Schubert. Das Architektenpaar wohnte bereits in der Rummelsburger Bucht zur Miete. „Sie sprangen auf die Baugruppen-Idee an, legten jedoch einen eigenen Entwurf vor", sagt Brandhorst. Die Pläne überzeugten auch die Wasserstadt-Mitarbeiter.

Die ersten Mitglieder ihrer Baugruppe fand das Architektenpaar im Freundes- und Bekanntenkreis. Olaf Kreisel gehörte dazu. „Ich war von Anfang an dabei und konnte mir deshalb mein Grundstück selbst aussuchen", sagt er. Im Freundeskreis waren jedoch nicht genügend Mitglieder zu finden. Die Gruppe warb mit Anzeigen im Internet; auch der Entwicklungsträger inserierte. Außerdem veranstalteten die Architekten jede Woche ein Treffen mit Interessenten in ihrem Atelier. Im Herbst 2001 war die Gruppe dann vollständig, nach nur sechs Monaten. Die Wasserstadt GmbH übernahm die Koordination und beriet die Mitglieder unter anderem auch bei der Wahl der Rechtsform. Die GBR „Die Rummelsburg“ wählte dann Kreisl zu einem ihrer drei Geschäftsführer.

Für eine funktionierende Baugruppe brauche man vor allem „zwei oder drei Leute, die es vorantreiben“, sagt Kreisel. Doch auch dann klappt nicht immer alles nach Plan. „Einige Interessenten sind inzwischen wieder abgesprungen“, sagt er. Eine Baugemeinschaft entwickle eben eine eigene Dynamik. Auch während der Bauzeit, berichtet er, habe es öfter mal Spannungen gegeben: „Meistens ging es ums Geld.“ So hätte die Gemeinschaft Sonderpreise für Fliesenarbeiten bekommen können, wenn man diese für alle zwölf Häuser eingekauft hätte. Doch einigen seien auch die rabattierten Preise noch zu hoch gewesen. Sie hätten lieber selbst fliesen wollen. Zum Schaden der anderen Mitglieder der Gemeinschaft, weil sie deshalb den hohen Rabatt nicht bekamen.

Doch seitdem die Häuser stehen, habe sich der Staub wieder gelegt. „Die Rummelsburg“ diene jetzt als Vorbild für die zweite Baugruppe nebenan. Auch diese Häuser haben die beiden Architekten Beyer und Schubert entworfen. Die dann noch folgende dritte Gruppe wird sogar größer als geplant.

„Lebens(t)raum“ Eigenheim

Einige Kilometer weiter östlich vom Zentrum entfernt, will eine weitere Baugruppe ihren „Lebens(t)raum“ verwirklichen. Das Grundstück liegt am Landschaftspark Johannisthal, im Entwicklungsgebiet Adlershof. Ein ganzes Dorf soll hier entstehen mit Reihenhäusern, Geschosswohnungen, Wohngruppen für alte Menschen, einem Gemeinschaftshaus und einem zentralen Platz mit Teich – 30 Gebäude sollen es am Ende sein.

Auch hier ging die Initiative zu den Baugruppen vom Entwicklungsträger aus, der Berlin Adlershof Aufbaugesellschaft mbH (BAAG). Ulf Maaßen, bei der BAAG zuständig für die Grundstücksverkäufe, hat im Herbst 2002 „das Projekt Baugruppen mit Vorträgen initiiert“. Unter den Zuhörern war auch Architekt Harald Zenke. Er ist verheiratet und hat zwei Söhne im Alter von sieben und neun Jahren. „Wir haben schon lange ein Haus gesucht, aber nichts gefunden“, sagt Zenke. Und weil die Kinder auf der Waldorfschule gehen, „leben wir schon heute sozusagen in Ökostrukturen", sagt er. Da habe die generationenübergreifende und ökologisch orientierte Baugruppeninitiative in Adlershof gut zur Familie gepasst. Auch Familie Zenke fand die ersten Mitstreiter im Freundeskreis. Weitere Bauherren meldeten sich aufgrund der Aushänge in Bioläden und Waldorfschulen sowie aufgrund von Annoncen. Eine „Kerngruppe“ mit zehn Leuten steht. Am Ende müssen 14 Mitglieder verbindlich zusagen.

Jetzt, stöhnt Zenke, stehe die Gemeinschaft vor dem Schlussspurt. Die Bauherren wollen die Eigenheimzulage kassieren, die 2004 gestrichen werden soll und müssen vor Jahresende den Bauantrag einreichen. Zuvor heißt es: die Rechtsform wählen, Architektenentwürfe machen, die Finanzierung auf die Beine stellen und manches mehr.

Auch in der Rummelsburger Bucht laufen die Planungen auf Hochtouren. Die zweite Baugruppe steht bei Kreisel regelmäßig vor der Haustür, um sich beim Innenausbau beraten zu lassen. Für die dritte Baugruppe werben der Kaufmann und die beiden Architekten noch Mitglieder.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben