Genossenschaften : In jeder Hinsicht gewachsen

Genossenschaften können modern sein – das zeigt der denkmalgeschützte Lindenhof in Schöneberg. In alte Dächer zieht neues Leben.

Kerstin Heidecke

„Tag, Frau Siebert.“ „Hallo, Herr Maier.“ Einmal die Suttnerstraße entlanglaufen, ohne jemanden zu grüßen oder ohne auf einen Plausch stehen zu bleiben, das scheint schwer möglich. Hier kennt man sich. Teils seit vier Generationen. Die Gartenstadt Lindenhof am Südrand von Schöneberg ist ein Dorf in der Stadt – inklusive jeder Menge Grün, hoher alter Bäume, Schule, Kindergarten und eines Weihers, über den eine Brücke führt. Sogar einen kleinen Badestrand gibt es. Aber wegen der Mummeln, einer üppig wachsenden Teichrose, wird er kaum genutzt.

Als Schönebergs Stadtbaurat Martin Wagner die Siedlung im Jahr 1918 entwarf, dachte er vor allem an günstigen Wohnraum für Arbeiter und kleine Handwerker, am besten mit einem Stück Garten für die Selbstversorgung. Am Eingang der Siedlung baute Bruno Taut ein Ledigenwohnheim, Leberecht Migge plante die Grünflächen. Dieses Konzept ging damals auf.

Inzwischen haben sich die Wünsche in Sachen Wohnen geändert. So wird der Lindenhof jetzt nicht nur saniert, sondern auch größer, sprich: höher – mit 21 neuen Dachgeschosswohnungen. Damit könnte das „Dorf“ seinen Geheimtipp-Status bald verlieren. Eben hat die gemeinnützige Wohnungsgenossenschaft Berlin-Süd (GewoSüd), zu der der Lindenhof gehört, bei einem Wettbewerb den ersten Platz belegt. Der Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen (BBU) verlieh ihn in der Kategorie „Wohnen als Produkt und seine Vermarktung“.

Gepunktet hat die GewoSüd nicht nur mit der denkmalgerechten Sanierung des Gebäudebestands und der Grünanlagen, sondern auch mit dem Konzept für die neuen Maisonette-Dachgeschosse. „Das war wirklich knifflig“, sagt Architekt Carlos Zwick. Er hat sich bereits mit fantasievollen Entwürfen für Dachgeschossaufbauten und Umnutzungen (Am Eichgarten, Schokofabrik, Pianofabrik) einen Namen gemacht. „Aber hier gab es große Skepsis bei der Denkmalbehörde, eine Martin-Wagner-Siedlung aufzustocken“, sagt Zwick. Dabei waren im 2. Weltkrieg fast 80 Prozent der Gartenstadt zerstört worden – große Teile der Lindenhof- Bauten, darunter viele Dachkonstruktionen, stammen also ohnehin aus der Nachkriegszeit. „Wir haben jetzt eine einheitliche Dachform für die Suttner- und Teile der Reglinstraße entworfen“, erklärt der Architekt. Und die sieht nicht nur von außen gelungen aus.

GewoSüd-Mitarbeiter Jörn Brieskorn macht es sichtlich Freude, Besucher über die Baustelle und in die schon fertigen Wohnungen zu führen. Nahezu alle Zimmer sind lichtdurchflutet – dank der zusätzlichen Dachfenster, die sich oberhalb einer Galerieebene befinden. Die Galerien bieten in jeder Wohnung extra Plätzchen für Schreibtisch, Leseecke oder Kinderspielflächen und erlauben den Blick in die Mietergärten und Grünflächen. Das muss allerdings als Ersatz für Balkone genügen. Auf die musste der Architekt wegen des Denkmalschutzes verzichten. An die Wohnbereiche, alle mit Parkett ausgelegt, schließen sich offene Küchen an. Alle der großzügigen Bäder haben Fenster. Und auch die Gästetoiletten auf der Galerieebene erhalten Tageslicht durch Milchglaswände. Mancher Architekt privater Investoren in den sogenannten In-Vierteln der Stadt scheint sich nicht halb so viele Gedanken um Lösungen für gefangene Räume und stockdunkle Bäder gemacht zu haben wie Zwick.

Seine Tüftelei, wie das Beste aus den denkmalgeschützten Bauten herauszuholen ist, hat sich gelohnt. Für alle Wohnungen – die letzten werden im Herbst fertig – gibt es bereits Verträge oder Bewerber. Die ersten Nutzer sind schon eingezogen.

Genossenschaften, die über fehlenden Mitgliedernachwuchs stöhnen, können hier sehen, wie es funktionieren kann. „Die meisten der neuen Wohnungen haben drei Zimmer und etwa einhundert Quadratmeter – ideal für junge Familien“, sagt GewoSüd-Vorstand Norbert Reinelt. So soll in der Gartenstadt eine gute Mischung zwischen jungen und alten Bewohnern erhalten werden. Die Preise für die Wohnungen sind mit etwa 8,70 Euro Warmmiete pro Quadratmeter moderat. Allerdings müssen die Nutzer – so heißt es bei den Genossenschaften – Anteile erwerben. Die kosten etwa genauso viel wie die sonst übliche Kaution. So gilt vielen Bewerbern eine Genossenschaftswohnung als Schnäppchen. Mit den gekauften Anteilen werden die Nutzer zu Miteigentümern, und sie haben ein Mitspracherecht über die Mitgliederversammlung.

Für die alten Nutzer bedeuteten die vergangenen Monate aber erst einmal viel Baudreck und Lärm. Doch die meisten tragen es mit Fassung. Denn im Zuge des Dachausbaus werden auch Wohnungen, Treppenhäuser und Leitungen saniert. Sogar eine zusätzliche Außen-Wärmedämmung hat schließlich den Segen des Denkmalamtes erhalten. Für die historischen Treppenhäuser hat Architekt Felix Laade die alten Farbschichten freigelegt. Die sollen Basis für den Neuanstrich werden. Auch die Fassaden werden mit Beige- und Rottönen nach altem Vorbild wieder aufgehübscht. Wie die Gartenanlage einst aussah, hat das GewoSüd-Team anhand jahrzehntealter Fotos ermittelt. So wird bald auch das historische Rosenrondell wieder duften. Rund zehn Millionen Euro hat die GewoSüd in das gesamte Projekt investiert.

Nur ein Punkt liegt Bewohnern und Genossenschaftlern noch schwer im Magen: die vom Schulamt geplante Schließung der fast 100 Jahre alten Lindenhof-Grundschule. Besonders die Eltern hoffen jetzt auf eine Entscheidung des Bezirksamtes zugunsten der Schule. „Denn wo sonst können Kinder, ohne eine Straße zu überqueren, zur Schule gehen?“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben