Gentrifizierung in Kreuzberg : Der schnöde Bäcker soll einem stylischen weichen

Ein Londoner Investor will die Reichenberger Straße aufwerten. In Kreuzberg geht die Angst vor dem Ende der Kiezkultur um. Zu Recht?

von und Rahel Willhardt, Christine Siedler
Demonstranten gegen steigende Mieten und mögliche Räumungen in Kreuzberg. Gentrifizierung ist in Berlin Thema.
Demonstranten gegen steigende Mieten und mögliche Räumungen in Kreuzberg. Gentrifizierung ist in Berlin Thema.Foto: M. Gambarini/dpa

„Früher war hier alles Getto, dann wurde es Multikulti und jetzt wird es Schickimicki.“ (Alexandra Lack, Inhaberin des Gemischtwarenladens Bantelmann in der Kreuzberger Wrangelstraße. Das Traditionsgeschäft ist von Schließung bedroht.)

Charles Skinner ist dieser Tage in Kreuzberg ein eher unbeliebter Mann. Erst machte der britische Investor aus seinen Mietwohnungen an der Glogauer Straße Feriendomizile. Dann quartierte er das Schickimicki-Restaurant Vertikal ein. Nun kündigte er der Bäckerei Filou, die seit 16 Jahren hier ansässig ist. Inhaber Spülbeck zahlt 1085 Euro für 76 Quadratmeter. Auf viermal mehr hofft Skinner künftig. Miethöhen über die kürzlich ein führender Architekturhistoriker scherzte: „Wollen Nahversorger weiterhin verdienen, müssen sie darüber nachdenken, Koks zu verkaufen.“

Aber das Feindbild vom profitgierigen Investor greift bei Skinner zu kurz. Selbst Magnus Hengge von der Kreuzberger Nachbarschaftsinitiative Bizim-Kiez („Unser Kiez“), gesteht dem Mann Ortsverbundenheit zu! Immerhin gab er seinen Londoner Wohnsitz zugunsten seines frisch ausgebauten Kreuzberger Penthauses auf. Und „mehr rausholen“ heißt bei Skinner neben der Rendite auch den Chic dieser bisher spröden Ecke auszubauen. Darum soll der schnöde Bäcker einem stylischen weichen. Schritt für Schritt geht der Investor vor – und da ist er nicht der Einzige: Keine 50 Meter weiter öffnete bereits ein tolles Kuchenkaffee mit gediegenen Preisen.

Dass sein Aufwertungsbestreben auf handfesten Widerstand stößt, damit hatte der Brite wohl kaum gerechnet. Rund 2000 Anwohner forderten auf einer Demo am vergangenen Sonnabend, das Café Filou und den Haushaltswarenladen Bantelmann zu erhalten. Letzterem droht nach 36 Jahren der Rausschmiss. Seitdem nehmen die Proteste nicht mehr ab. Denn Gentrifizierung auszubremsen hat in Kreuzberg Tradition. Manchen Punktsieg trugen die Anwohner in 45 Jahren Auflehnung schon davon. Da wurden Kündigungen zurückgezogen, Räumungen aufgeschoben, bis ein neues Lokal gefunden war, oder Wohnprivatisierung abgewendet, weil man Milieuschutz geltend machte.

Rentnern, Migranten und Kreativen Raum zu lassen, gehört im Kiez zur Lebensphilosophie

Schönheit interessiert Ur-Kreuzberger dabei wenig. Was zählt ist Menschlichkeit. Durch Protest solidarisieren sie sich mit Nachbarn, für die der Rausschmiss sozial und finanziell das Aus bedeutet. „Die Menschen und das soziale Gefüge tragen Kreuzberg“, beschreibt Hengge „seinen Kiez“ und denkt dabei an Alternativkultur in Gestalt von Suppenküchen, Tauschringen oder Groß-WGs, die mittellose Mieter mitfinanzieren. Diese bunte Gemeinschaft will man keinesfalls durch eine homogene Masse Besserverdiener zerschlagen sehen. Im Gegenteil. Rentnern, Migranten, Kreativen und Kleingewerbe Raum zu lassen, das gehört hier zur Lebensphilosophie.

Das aber ist ein Kampf gegen eherne Gesetze der Stadtentwicklung. „Mehr Geld verdrängt weniger“, umschreibt Handelsberater Christoph Meyer von CM Best Retail Properties die simple Logik. Dass Krämer und andere Kleingewerbler aus angestammten Lokalen wegziehen müssen, ist in angesagten Vierteln Berlins längst kein Einzelschicksal mehr. Vor allem überrumpeln stylische Restaurants, neue Foodkonzepte oder angesagte Clubs urige Kneipen und Läden. „Kreuzberg ist eine Kiezlage. Filialisten wie H&M und Zara würden da nie hinwollen“, grenzt der einstige BNP Paribas Manager den Kiez von Stadtteillagen wie der Schloßstraße ab. Dort breiten sich 08/15-Ketten aus, hier Einzelhändler, die statt einfacher Kost nun hochpreisige für Yuppies anbieten.

Die Lage kann sich vergleichsweise schnell ändern. Das zeigen Beispiele wie „Kreuzkölln“ oder die Hackeschen Höfe, in deren Umfeld inzwischen internationale Modelabel anstelle lokaler Einzelhändler Platz genommen haben.

"Der Kiez lebt von seinen witzigen Läden im Erdgeschoss! Das muss man Investoren klarmachen"

„Berlin erfreut sich bei Privatinvestoren wachsender Beliebtheit“, identifiziert Meyer die Treiber des Wandels. Das kann ein Anwalt aus Tel Aviv, ein Reeder aus Athen oder ein Zahnarzt aus Kassel sein. Gemeinsam haben fast alle: wenig Gefühl für die Kiezkultur, weil sie nicht vor Ort leben. Meist sind sie keine Anlageprofis. Aus Veröffentlichungen großer Maklerhäuser erfahren sie von Berliner Spitzenmieten. Die vergleichen sie mit den ihren und sehen massig Luft nach oben.

„Wohnmieter sind durch unbefristete Verträge und den Mietpreisspiegel geschützt, die im Gewerbe sind mit Vertragsablauf dem freien Markt ausgesetzt“, folgert Meyer, warum Ladenbetreiber die Sanierungs- und Veräußerungsbestreben besonders hart treffen. „Kreuzberg ist eng, es gibt kaum Grün und viele dunkle Häuser. Der Kiez lebt von seinen witzigen Läden im Erdgeschoss! Das muss man Investoren klarmachen. Sie sägen am Ast, auf dem sie sitzen“, gibt Meyer zu bedenken, der die Problematik als Leiter des IHK Arbeitskreises Stadtentwicklung und Kreativwirtschaft bestens kennt.

Proteste gegen Strukturänderungen im Einzelhandelsangebot haben auch etwas Wohlfeiles. „Wir freuen uns über kleine Geschäfte in der Nachbarschaft, geben dort aber kaum Geld aus“, beobachtet Andreas Malich, Einzelhandelsexperte und Berliner Statthalter des internationalen Immobilienberaters CBRE. Es gebe nicht nur Verdrängung, sondern auch das Gegenteil. So habe es im Reuterkiez vor fünf Jahren noch gar keine Einzelhändler gegeben. „Heute sind die Flächen sehr beliebt“, sagt der CBRE-Mann. Und in „Kreuzkölln“ finde keine eigentliche Gentrifizierung statt, behauptet Malich: „Denn ein Einzelhändler, für den die Mieten in seinem Geschäft zu stark ansteigen, kann meist in der näheren Umgebung alternative Flächen zu deutlich niedrigeren Preisen vorfinden.“

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