Immobilien : Geschäfte in der Basilika

An der Backfabrik entsteht der „Lichtgaden“. Der Bau ist einem italienischen Kirchenschiff nachempfunden Damit wird ein kommerzieller Erfolg abgerundet, der mit Kunst und Events eingeleitet wurde

Ralf Schönball

Um ein Haar wäre alles ganz anders gekommen: Die Bauleute hätten vor der alten Backfabrik sieben Geschosse hochgezogen und von der roten Fassade des Baudenkmals wäre von der Straße aus nichts mehr zu sehen gewesen. Dass es nicht so gekommen ist, erklärt Bauherr Hargen Bartels so: „Meine Tochter hat mich inständig gebeten: Bau die Backfabrik nicht zu, Papa“, sagt er.

Ließ Bartels aber allein um des Familienfriedens willen das ambitionierte Vorhaben fallen – oder hatte er dabei nicht vielleicht auch das Interesse seiner gegenwärtigen Mieter im Auge? Immerhin sind darunter Möbeldesigner und Modezaren, Fotografen und Filmproduzenten sowie Unternehmensberater und Rechtsanwälte. Diese zahlungskräftige Klientel hätte sicher auch wenig Freude daran gehabt, plötzlich in einem verdunkelten Hinterhof zu sitzen – statt wie bisher in lichtdurchfluteten Räumen.

Denn die Backfabrik liegt am Rande der Prenzlauer Allee und bietet zumindest an der vorderen Front einen freien Blick. Vermutlich sind deshalb auch 80 Prozent der 24 000 Quadratmeter von dem sanierten Altbau vermietet. Der im Rohbau fertiggestellte Neubau verspricht auf ähnlich gute Nachfrage zu stoßen – ohne dabei den Auszug etablierter Mieter zu riskieren. Denn der Neubau, der etwas hochtrabend „Lichtgaden Haus“ genannt wurde, hat nur ein Geschoss. Dieses ist im Zentrum des lang gestreckten Gebäudekörpers aber fast sechs Meter hoch.

Den Namen haben die Bauherren in der Architekturgeschichte ausgegraben. Der Lichtgaden ist ein typischer Bauteil von Basiliken. Es handelt sich um die obere Wand des Mittelschiffes. In diesem oberen Teil der Wand wurden zusätzliche Fensteröffnungen eingelassen, damit genug Licht in das Innere der Gotteshäuser fallen konnte. Auch der Grundriss des Neubaus ist stilistisch an die Basiliken der italienischen Renaissance angelehnt. Ein lang gezogenes Gebäude, das am äußersten Ende einen runden Abschluss findet.

Das Richtfest für den Neubau wurde bereits gefeiert. Die Zimmermänner haben ganze Arbeit geleistet: Ein großer Teil des Obergeschosses besteht aus Holz. Nur der Sockel des Gebäudes ist aus Beton. Einige Säulen wurden außerdem gemauert. Es ist eine einfache Konstruktion, die nun nur noch verkleidet werden muss. Schon im Rohbau bekommt man einen guten Eindruck von dem großzügigen Raumgefühl, das sich einmal einstellen könnte – falls das ganze Haus einen einzigen Mieter findet. Sollten aber die etwa 1300 Quadratmeter in kleinere Einheiten aufgeteilt werden – bis zu sechs Gewerbeflächen könnten es werden – dürfte manches von der Großzügigkeit verloren gehen.

Gestaltet wurde der Neubau von demselben Architekten, der auch die Backfabrik saniert hatte: Marc Kocher. Er stammt aus der Schule von Stararchitekt Aldo Rossi – und das kräftige Rot an den geputzten Fassaden der Backfabrik erinnert deutlich daran. In der unteren Friedrichstraße hat Rossi mit ähnlichen Farben ein fröhlich buntes Stadtquartier gestaltet.

Das schöne Italien hat es dem Bauherren ohnehin angetan: Nachdem er im Jahr 2001 den Altbau übernommen hatte, führte er dort mit dem italienischen Kulturinstitut ein Festival durch. Der Innenhof, an diesem regnerischen Tage mit den Transportern der Kunstmesse „Preview“ vollgestellt, heißt noch heute „Piazza“. Wie deutsche Kunst wirkt dagegen der dort aufgestellte Brunnen: in Form eines Schlotes aus Kupferplatten. Das soll wohl an die frühere industrielle Nutzung des Hauses erinnern.

Künstler hatten in der Backfabrik auch lange Zeit ihren Platz: Sie konnten vorübergehend ihre Staffeleien in dem Haus aufstellen. Doch damit ist es nun vorbei, weil fast alle Flächen kommerziell genutzt werden. Diese Öffnung des Gebäudes für Künstler und Kulturinteressierte war rückblickend gesehen ein cleverer Schachzug: Sie haben die Adresse bekannt gemacht, die dadurch später einfacher vermarktet werden konnte. Heute sind die Firmen, die sich Räume in der Backfabrik leisten können, etabliert.

0 Kommentare

Neuester Kommentar