Immobilien : Geschichtsträchtige Grünlage

In der früheren Kasernenstadt Wünsdorf-Waldstadt gibt es zahlreiche sanierte Wohnungen zu günstigen Preisen

Christian Hunziker

Man hätte ihn sich wirklich sparen können, den großzügigen Kreisverkehr an der B96 in Wünsdorf-Waldstadt. Nur in eine einzige Richtung kann man hier abbiegen, und diese Straße endet schon nach wenigen Metern an einer Sperre. So wirkt das Verkehrsbauwerk wie ein Sinnbild für die Entwicklung des geschichtsträchtigen Ortes im Landkreis Teltow-Fläming, der einst als größtes Konversionsprojekt Deutschlands Furore machte und heute Zeugnis ablegt von den übersteigerten Erwartungen der Nachwendezeit.

Eine neue attraktive Stadt, so stellten es sich die Planer Mitte der neunziger Jahre vor, sollte etwa 40 Kilometer südlich von Berlin-Mitte entstehen - genau dort, wo zwischen 1945 und 1994 das Oberkommando der sowjetischen und dann russischen Streitkräfte in Deutschland seinen Sitz hatte. Voller Euphorie beauftragte die brandenburgische Landesregierung die Entwicklungsgesellschaft Wünsdorf/Zehrensdorf mbH (EWZ) – eine eigens gegründete Tochter der Landesentwicklungsgesellschaft (LEG) – damit, die einstigen Truppenunterkünfte und Offiziersvillen zu sanieren, Landesbehörden in den alten Gemäuern unterzubringen und so Wünsdorf zum Musterbeispiel des Aufbaus Ost zu machen.

2500 Bewohner zählt die Waldstadt

Doch das Ergebnis ist niederschmetternd: Wünsdorf trug maßgeblich dazu bei, dass das Kabinett in Potsdam die überschuldete LEG in Liquidation schickte – und statt der angestrebten 10000 bis 12000 Menschen leben heute gerade mal deren 2500 in Wünsdorf-Waldstadt. Viele Bewohner fühlen sich hier allerdings wohl: Die sanierten Wohngebäude weisen Neubaustandard auf, und die von Bäumen geprägte Landschaft dürfte für Stadtflüchtige eine wahre Wohltat sein. Ein Besuch in der Waldstadt, wie der einst militärisch genutzte Teil des Ortes Wünsdorf heißt, zeigt denn auch (zumindest abseits der viel befahrenen B96) ruhige, gepflegte und durchaus reizvolle Wohnquartiere.

Gleichwohl haben die negativen Schlagzeilen den Investoren schwer zu schaffen gemacht. „Es ist ein Kampf“, sagt Ramona Sickert. Mit ihrer Hausverwaltung betreut sie den Wohnpark Erholung, dessen 338 Geschosswohnungen zu 88 Prozent vermietet sind – für die Verhältnisse in der Waldstadt ein ansehnlicher Wert. Das Grundproblem besteht für Sickert darin, dass „Angebot und Nachfrage in keinem vernünftigen Verhältnis zueinander stehen“. An der Qualität der Wohnanlage, da ist sie sicher, liegt es nicht: Die sanierten und zum Großteil mit Balkonen versehenen ehemaligen Truppenunterkünfte böten individuelle und großzügige Grundrisse, eine attraktive Lage im Grünen – und nicht zuletzt die Nähe zu Berlin. Etwa 40 Prozent der Bewohner des Wohnparks Erholung stammen laut Sickert aus Berlin, und nicht wenige arbeiten dort.

Tatsächlich ist Wünsdorf über die B96 gut an Berlin angebunden. Mit der Regionalbahn braucht man bis nach Schönefeld eine halbe Stunde, bis zum Bahnhof Friedrichstraße gut 50 Minuten. Ob der Ort wirklich von der Hauptstadt profitiert, ist umstritten. „Wünsdorf ist zu weit weg von Berlin“, sagt Birgit Flügge, Geschäftsführerin der EWZ; im näheren Umfeld der Hauptstadt gebe es einfach zu viele andere Angebote. Ein Großteil der Bewohner der gut 600 EWZ-eigenen Wohnungen stamme aus der näheren Umgebung. Einig sind sich Birgit Flügge und Ramona Sickert dagegen darin, dass die Ansiedlung von Behörden dem Wohnstandort kaum genützt hat: Von den etwa 1000 Landesbediensteten hätten jedoch nur die allerwenigsten ihren Wohnsitz in der Waldstadt genommen.

Kein Wunder ist es deshalb, dass der Konkurrenzkampf unter den Wohnungsanbietern hart ist. Yvonne Donepp von der HGV Hausverwaltungs GmbH bietet frei finanzierte Wohnungen zu einem Mietpreis ab 3,30 Euro pro Quadratmeter nettokalt an; für etwas mehr als fünf Euro pro Quadratmeter kann man bei ihr sogar eine Wohnung mit „tollem mediterranen Bad“ mieten. Die EWZ, die in ihren Geschosswohnungen nach eigenen Angaben einen Leerstand von 28 Prozent verzeichnet, lässt derweilen in einem komplett leer stehenden Aufgang Einbauküchen einbauen, was die private Konkurrenz prompt als Wettbewerbsverzerrung kritisiert. Aber auch die anderen Anbieter lassen sich einiges einfallen: So lockt Ramona Sickert mit einer Gutschrift von 250 Euro, wenn ein Mieter einen neuen Bewohner wirbt, während Yvonne Donepp langjährige Mieter mit Restaurantgutscheinen beglückt.

Angesichts der Fülle an vorhandener Bausubstanz spielt der Neubau in der Waldstadt eine untergeordnete Rolle. Immerhin steht im Wohngebiet Am Eichenhain eine Nettobaufläche von 21900 Quadratmetern für Einfamilienhäuser zur Verfügung; laut Birgit Flügge hat die EWZ bisher knapp zwei Drittel davon verkauft. Seit kurzem vermarktet die Entwicklungsgesellschaft auch das Wohngebiet Kerne an der Yorckstraße im Norden der Waldstadt, wo etwa ein Dutzend Doppelhäuser aus den zwanziger Jahren des 20.Jahrhunderts auf ihre Sanierung warten.

Auch anderen hässlichen Ecken soll es in diesem Jahr an den Kragen gehen. Michaela Schreiber, Bürgermeisterin der Gemeinde Zossen, zu der Wünsdorf seit der Gemeindegebietsreform von November 2003 gehört, will nämlich den Abriss von verfallenden Gebäuden in Angriff nehmen.

Darüber hinaus setzt die Bürgermeisterin auf die vorhandenen Attraktionen der Waldstadt. Denn eine Ansammlung von Antiquariaten, etwas hochstaplerisch Bücherstadt genannt, und vor allem Führungen durch die alten Bunkeranlagen locken besonders am Wochenende zahlreiche Ausflügler in die Waldstadt. Schreibers Hoffnung, dass einige der Geschichtsinteressierten sich bei der Gelegenheit in eine Wohnung verlieben könnten, scheint nicht einmal unrealistisch zu sein: Jedenfalls weiß Angelika Klaus, für die Vermietung des Wohnparks Vogelsang zuständig, von einigen älteren Menschen, die extra wegen der Nähe zur Bücherstadt hergezogen sind.

Abgeschrieben hat Bürgermeisterin Schreiber dagegen das gigantische Projekt eines Sport-, Gesundheits- und Wissenschaftsparks: Die Berliner Gesellschaft, die nach eigenen Angaben sage und schreibe 1,2 Milliarden Euro in das Vorhaben investieren wollte, habe den Bauantrag für den ersten Bauabschnitt, eine Indoor-Skihalle, wieder zurückgezogen, berichtet die Bürgermeisterin. Auch Birgit Flügge von der EWZ ist realistisch geworden: „Was wir jetzt machen, ist kleinteilig. Den großen Wurf wird es in absehbarer Zeit nicht geben.“

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