Immobilien : Gratiswohnen im Gründerzeithaus

Görlitz’ historische Innenstadt konnte wieder bevölkert werden – mit Rentnern aus Westdeutschland

Joachim Göres
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Gute Aussichten. Beate und Gerhard Michna aus Jonsdorf im Zittauer Gebirge haben auf dem Balkon ihrer Probewohnung keine offenen...

Görlitz gilt mit seinen 4000 Baudenkmale aus 500 Jahren, die nahezu unzerstört im Stadtkern eine Zeitreise durch die Gotik, die Renaissance, die Gründerzeit und die Epoche des Jugendstils erlauben, als eine der schönsten deutschen Städte. Dennoch wollen immer weniger Menschen hier leben – seit 2006 sank die Einwohnerzahl um 4000 auf jetzt 55 000. Im historischen Viertel mit seinen rund 2300 Gründerzeithäusern liegt der Leerstand bei 27 Prozent – wegen des schlechten Image, das diese Gebäude noch aus DDR-Zeiten haben. Damals verfielen zahlreiche historische Bauten.

So geht es nicht weiter, fanden die Stadtverantwortlichen und dachten sich das Probewohnen aus. Seit zwei Jahren können Interessierte für eine Woche kostenlos in einer 70 Quadratmeter großen sanierten Altbauwohnung aus der Gründerzeit in der Görlitzer City leben. „Unser Ziel ist nicht in erster Linie, Menschen zum Umzug zu bewegen, sondern mit Interessierten darüber ins Gespräch zu kommen, welche Wünsche sie an das Wohnen im Zentrum haben“, sagt die Stadtplanerin Anne Pfeil, beim Görlitz Kompetenzzentrum Revitalisierender Städtebau der TU Dresden tätig.

Heiko Dubau aus Buxtehude bei Hamburg ist seit kurzem Pensionär und hat gerade mit seiner aus Polen stammenden Frau eine Woche Probewohnen hinter sich. „Man liest im Westen immer wieder über die Fremdenfeindlichkeit in den neuen Bundesländern, doch wir haben in Görlitz genau das Gegenteil erlebt. Die Menschen waren sehr hilfsbereit.“ Die Dubaus haben sich nach diesen Erfahrungen noch während des Probewohnens ein neues Zuhause in Görlitz gesucht und ziehen im Sommer um – wegen der Nähe zu den Verwandten in Polen, der „zentral gelegenen Wohnung in einem renovierten Gründerzeithaus in einer wunderschönen Stadt“ und nicht zuletzt wegen der niedrigen Lebenshaltungskosten. Dubau: „In Buxtehude zahlen wir derzeit am Stadtrand für 78 Quadratmeter insgesamt 660 Euro, in Görlitz kostet die 107 Quadratmeter große Wohnung 570 Euro warm.“

Auch Fikret Ciftci hat eine Woche in der Altstadt gratis verbracht. „Mein Auto habe ich kaum gebraucht, denn in der Altstadt kann man alles zu Fuß erreichen. Ich musste nicht Angst haben, dass die Parkuhr abläuft und konnte in Ruhe in den Straßencafés sitzen. Dort habe ich Gästen vom Probewohnen erzählt und einige haben mich in meiner vorübergehenden Wohnung besucht. So haben sich richtige Freundschaften entwickelt“, freut sich Ciftci. Der 47-Jährige ist in einer alten Stadt in der Türkei aufgewachsen und schätzt den Charme historischer Mauern. „Man lebt im 21. Jahrhundert und darf in Görlitz in einem komplett erhaltenen Viertel mit so alten Häusern wohnen, das es in dieser Größe sonst kaum noch gibt.“

Pfeil hört solche Geschichten gerne. Die Leiterin des Projektes „Probewohnen“ wertet derzeit die Antworten der 24 Haushalte aus, die in den vergangenen zwei Jahren an diesem Modell teilnahmen. Ein Ergebnis: ein älteres Ehepaar aus Ostfriesland und zwei Familien aus der Umgebung sind durch das Probewohnen schon in die Görlitzer Innenstadt gezogen. Die Bilanz der Teilnehmer fällt nach Pfeils Worten überwiegend positiv aus: „Die erwarteten Parkplatzprobleme erweisen sich in der Realität als viel kleiner als gedacht, es ist ruhiger als gedacht, der gute Raumzuschnitt und die hohe Behaglichkeit durch eine angenehme Wärme wird gelobt. Und Kohlenschleppen muss auch niemand, denn es gibt keine Ofenheizung mehr.“

Das große Interesse von Rentnern aus ganz Deutschland am Probewohnen hat Pfeil überrascht. Viele von ihnen stammen aus ländlichen Regionen und suchen ein neues Zuhause, wo die medizinische Versorgung in der Nähe sichergestellt ist – auch, wenn man einmal nicht mehr Autofahren kann. Von den Senioren gibt es aber auch kritische Rückmeldungen. So hat die Probewohnung in der dritten Etage wie die meisten Gründerzeitbauten keinen Fahrstuhl. Je älter die Interessenten, umso mehr wollen sie wissen, wer in der Nachbarschaft wohnt. „Einige wollen gerne in einem Haus mit Menschen ihres Alters wohnen, andere bevorzugen eine Nachbarschaft mit vielen Generationen. Auf diese Wünsche müssen die Wohnungsgesellschaften eingehen“, so Pfeil.

Das mit Bundesmitteln geförderte Modellprojekt ist zwar beendet, doch die Wohnungsbaugesellschaft Görlitz als einer der beteiligten Partner ist auf den Geschmack gekommen. Sie stellt bis mindestens Juli dieses Jahres zwei Probewohnungen zur Verfügung, eine dritte Wohnung kommt möglicherweise ab April dazu. So sollen vor allem in Westdeutschland neue Kunden gewonnen werden.

Weitere Informationen unter:

www.revitalisierender-staedtebau.de

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