Immobilien : Grüne Oase im Problemkiez

Die Gartenstadt Atlantic im Wedding wird vollständig saniert. So wird sie zum integrationspolitischen und kulturellen Vorzeigeprojekt

Jutta Burmeister

Wie es in der gesamten Gartenstadt Atlantic am Weddinger Gesundbrunnen vor kurzem ausgesehen hat, lässt sich mancherorts noch erahnen. Auf der einen Seite der Zingster Straße sind die Fassaden grau und die Treppenhäuser schmuddelig, der Putz bröckelt von den Wänden. Doch die gleichen Häuser auf der anderen Straßenseite haben bereits ihre roten Sockel und die grünlichen Fassaden wieder, die Treppenhäuser sind hell und freundlich, die Fenster neu. Selbst schmückende Ornamente an den Sockeln und Türen wurden restauriert. Auch die meisten der insgesamt 486 Wohnungen wurden modernisiert: mit Holzböden, gefliesten Bädern und teilweise veränderten Grundrissen. Bis August soll die komplette Sanierung der Gartenstadt abgeschlossen sein.

Dabei geht es der Gartenstadt Atlantic AG, vertreten durch den Historiker Michael Wolffsohn, um mehr als die Wiederherstellung der seit 1995 unter Denkmalschutz stehenden Anlage. Das in den zwanziger Jahren von Rudolf Fränkel errichtete Areal zwischen Bellermann- und Behmstraße ist zugleich ein integrationspolitisches und kulturelles Vorzeigeprojekt: „Wir wollen nicht nur gutes, schönes und gesundes Wohnen für alle Bevölkerungsgruppen und Nationalitäten anbieten, sondern auch ein kulturelles Konzept direkt vor Ort“, sagt Wolffsohn. Dafür wurden Gewerberäume an bekannte Künstler wie Günther Uecker und Nan Hoover vermietet, aber auch an Nachwuchskünstler. Eine Galerie gibt es ebenso wie das deutsch-jüdisch-türkische Kulturzentrum „Lichtburgforum“, in dem Lesungen, Filme und Konzerte auf dem Programm stehen. Mitten im Problemkiez, der zwar geografisch im Zentrum liegt, der hohen Arbeitslosenzahlen, des Ausländeranteils, niedrigen Durchschnittseinkommens und Bildungsniveaus wegen im Sozialatlas aber auf einem der hintersten Plätze rangiert, soll ein Ort entstehen, mit der sich die Bewohner identifizieren.

Damit überträgt Wolffsohn die ursprüngliche Idee der Gartenstadt in die heutige Zeit. Schon in den zwanziger Jahren stand der soziale Gedanke im Mittelpunkt: Die hellen, freundlichen Häuser mit den grünen Innenhöfen waren für die unteren Schichten gedacht, die hier dem Elend der Mietskasernen entkommen konnten. Gleichzeitig bot das Quartier Einkaufs- und Unterhaltsmöglichkeiten. Zwar entstanden in den zwanziger Jahren mehrere derartige Siedlungen wie „Onkel Toms Hütte“ in Zehlendorf oder die Hufeisensiedlung in Britz. Doch die Gartenstadt Atlantic sei als einzige wirklich innerstädtische Anlage in Deutschland einmalig, so Wolffsohn.

50 fünfgeschossige Mietshäuser gruppieren sich in geschlossener Blockrandbebauung um drei Innenhöfe. Die Anlage hat die Form eines Tortenstücks, wobei ein so genannter Kopfbau an der Behm-/ Ecke Bellermannstraße die Spitze bildet. Zu den Besonderheiten gehören die verschiedenen Architekturstile, wodurch die Häuser ein individuelles Aussehen erhalten. Herzstück war einst die „Lichtburg“, mit über 2000 Plätzen eines der größten Volkskinos Berlins. Heute erinnert an das 1970 abgerissene Kino nur noch die Skulptur „das Phantom der Lichtburg“. Das Kino, später auch die gesamte Gartenstadt, gehörte bis 1939 dem Publizisten Karl Wolffsohn. Dann wurde der jüdische Eigentümer gezwungen, der „Arisierung“ der Anlage zuzustimmen. Nach dem Krieg erkämpften Karl Wolffsohn und sein Sohn Max die Aktien zurück.

In die etappenweise Sanierung der Anlage, die im Herbst dieses Jahres abgeschlossen sein soll, habe man 32 Millionen Euro gesteckt, sagt Michael Wolffsohn, der Enkel von Karl Wolffsohn. Zwei Millionen davon seien Fördergelder. Dächer und Fassaden wurden instand gesetzt, Bäder und Küchen modernisiert, die Holzfenster repariert oder erneuert. In der Behmstraße entstanden sechs neue, etwa 150 Quadratmeter große Maisonette-, im „Kopfbau“ drei Loftwohnungen. Die Innenhöfe wurden durch Spiel- und Sitzbereiche belebt, um die Kommunikation unter den Mietern zu fördern.

„Vor der Sanierung stand fast jede dritte Wohnung leer. Inzwischen liegt der Vermietungsstand bei fast hundert Prozent“, sagt Michael Wolffsohn. Das bei Sanierungen mögliche Sonderkündigungsrecht hätten nur zwei Prozent der Mieter wahrgenommen. Mit einer Reihe von Maßnahmen will die Gartenstadt Atlantic AG erreichen, dass die Fluktuation gering bleibt und die Mieter sich in der Anlage wohl fühlen: Da sind zum einen die zwei Hausmeister, die jegliches Graffiti, Schmutz und Hundehaufen sofort entfernen. Nachts ist außerdem eine Sicherheitsbeauftragte unterwegs. Bewährt habe sich auch das Konzept der Vertrauensmieter, sagt Wolffsohn. Aber auch das Büro der Hausverwaltung befindet sich mitten in der Siedlung und ist damit jederzeit für die Mieter erreichbar. „Die Mieter haben ein Wir-Gefühl entwickelt“, so Wolffsohn.

Dazu trägt auch bei, dass die Sozialstruktur in dem einstigen Problemkiez behutsam angehoben sowie ein reichhaltiges Kulturangebot geschaffen wird. „Zu den neuen Mietern gehören viele junge Akademiker“, sagt Wolffsohn. Zwei Wohnungen in der Anlage stehen für Stipendiaten des Pen-Zentrums bereit, und in den Läden finden sich nicht nur ein Café, ein Hertha-Shop, ein Kindergarten und ein Friseur, sondern auch mehrere „Wohnateliers“: An ein 40 Quadratmeter großes Atelier schließt sich eine gleich große Wohnung an. Mehrere Künstler haben hier bereits ihr Domizil gefunden. Im Frühsommer soll zudem ein Kindermuseum eröffnen. Besonderen Wert aber wird auf den interkulturellen Dialog gelegt: Fast jeder dritte Bewohner der Gartenstadt ist Ausländer, der größte Teil davon türkischer Herkunft. Soziale, ethnische und religiöse Spannungen abzubauen, sei das Ziel der Gartenstadt, sagt Wolffsohn.

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