Immobilien : Gutes Hotelklima durch Nestwärme aus der Tiefe

Veraltete Haustechnik kann Gäste um den Schlaf bringen. Deshalb bauen viele Hoteliers jetzt um

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Vier Sterne, vier Windräder. Das Freiburger Victoria-Hotel firmiert als „Null-Emissions-Hotel“. Für des Jahr 2010 sind 30...

Die Hotelwirtschaft steht vor großen Veränderungen, die von steigenden Energiepreisen und der Erderwärmung angeschoben werden. Markus Luthe, einer der Gründer der deutschen Hotelklassifizierung, bezeichnet Nachhaltigkeit daher auch als ein Megathema in der Hotelbranche, „denn dort gehen Umweltschutz und Betriebskostenersparnis Hand in Hand“. So ließen sich bei der Energiekampagne der deutschen Hotelverbände bereits 4500 Häuser bundesweit auf Einsparpotenziale untersuchen: Bewegungsmelder wurden eingebaut, Kleinverpackungen für Marmelade oder Seife aussortiert, Energiesparlampen eingesetzt und alte Kühlschränke gegen energieeffiziente Modelle getauscht. Die mühsame Kleinarbeit kann Klimagasemissionen aber nur leicht senken. Eine Handvoll mittelständische Hotels geht daher einen Schritt weiter und setzt auf erneuerbare Energien.

„Um die Windräder müssen wir noch kämpfen. Es sind die ersten auf einem Wiener Dach.“ Michaela Reitterer, Eigentümerin des Boutiquehotels Stadthalle in Wien, hat sich von einem endlosen Genehmigungsverfahren nicht entmutigen lassen und nun das weltweit erste Hotel eröffnet, das seine Energie komplett an Ort und Stelle produziert. Wer in dem 38-Zimmer-Neubau eine warme Morgendusche nimmt, nutzt dafür die Dienste von 160 Quadratmetern Solarkollektoren und einer Wasserwärmepumpe. Und wer sich danach die Haare trocken fönt, verbraucht ausschließlich hausgemachten Strom von den vier Dachwindrädern und einer Photovoltaikanlage. Auch der Altbau nebenan, ein 100 Jahre altes Zollhaus, bekommt Energie ab. Mehr als vier Millionen Euro nahm Reitterer in die Hand, um ihren Traum vom umweltfreundlichen Stadthotel zu verwirklichen: „Die Hotelbranche steht bei umfassenden Energiekonzepten noch ganz am Anfang. Ich wollte einfach beweisen, dass ein Null-Energie-Hotel machbar ist – sogar ohne Investoren.“

Auch das Freiburger Victoria-Hotel kommt ganz ohne Atomstrom oder Erdgaswärme aus. „Der Gast verursacht bei uns im Schnitt 0,32 Kilogramm Kohlendioxid“, verkündet Bertram Späth. Ein winziger CO2-Fußabdruck im Vergleich zu konventionellen Unterkünften, bei denen das Hundertfache an Treibhausgasen entsteht. 2007 hat der Nachhaltigkeitspionier aus dem Breisgau den letzten umweltverträglichen Hotelbaustein eingesetzt: die emissionsfreie Klimatisierung. Kühles Tiefenwasser wird dabei durch ein Röhrensystem in die 63 stuckverzierten Zimmer transportiert und sorgt dort selbst bei Sommerglut für angenehme Temperaturen um die 25 Grad. „Ein Professor aus Kanada war von unserer Grundwasserkühlung restlos begeistert. Er sagte, allein dafür habe sich die Reise nach Deutschland gelohnt.“

Gäste aus aller Welt kommen nach Freiburg, um einmal im „umweltfreundlichsten Hotel der Welt“ zu schlafen – den Titel hat der Hotelweltverband dem Victoria verliehen. Für Technik-Enthusiasten organisiert Späth mehrmals im Monat Hausführungen. Mit Hans-Jochen Vogel und Jürgen Trittin haben sich auch schon zwei Ex-Bundesminister die Vorzüge von Holzpelletheizung und Solardach erklären lassen.

Der bayerische Schrenkhof in Unterhaching hat keine eigenen Hausanlagen für die Energiegewinnung, nutzt aber seit September 2008 die Dienste der örtlichen Geothermie, die heißes Thermalwasser aus 3300 Meter Tiefe hochpumpt. Die Erdwärme aus der Nachbarschaft sichert den gesamten Wärmebedarf des Drei-Sterne-Hauses. „Damit haben wir unsere Emissionen gleich um 20 Prozent gesenkt“, so Hotelchefin Adina Frischmann-Gál. Im Schrenkhof werden auch „klimaneutrale Übernachtungen“ angeboten. Dabei lässt der Gast seine Kohlendioxidemissionen exakt berechnen, der fällige Kompensationsbetrag fließt dann zum Beispiel in ein Regenwaldprojekt – so wird es auch im Flugverkehr seit Jahren praktiziert. Frischmann-Gál meint, dass nachhaltiges Engagement in der Hotellerie belohnt werden müsse: „Ich fände es naheliegend, wenn man dafür einen Extra-Klimastern bekommt.“

Thomas Banhardt vom Feldberger Hof stieß 2007 zum Club der energiebewussten Hoteliers, als er das Familienhotel im Hochschwarzwald einer gründlichen energetischen Sanierung unterzog: Hackschnitzelanlage, Komplettisolierung, Wassersparsysteme und energiesparende Küchenmaschinen. Das Familienhotel wurde in den dreißiger Jahren unter den Gipfel des Feldbergs gestellt. Ein Energiekostenfresser, wie Banhardt sich erinnert: „Der Ölverbrauch lag früher bei 300 000 Liter – heute sind es zehntausend Liter. Somit sparen wir alleine beim Öl 100 000 Euro im Jahr.“ Beim Strom hat sich der Hotelier für einen Schweizer Ökostromanbieter entschieden und den Treibhausgasausstoß so um 90 Prozent reduziert. Thomas Banhardt kann sich sogar gut vorstellen, dass die ganze Feldbergregion ihre Kohlendioxidemissionen irgendwann auch gemeinsam senkt: „Vielleicht schließen wir uns eines Tages zu einer Klimaregion zusammen.“

Hausgemachte Himbeer-Minz-Marmelade, Thüringer Wurzelfleisch von den Rindern aus dem Orlatal oder deftiges Lauchgemüse vom Ökobauern Wolfram – im Bioseehotel Zeulenroda landet Biokost aus den umliegenden Bauernhöfen auf dem Teller. Vier Landwirte aus der Umgebung versorgen das Vier-Sterne-Haus in der thüringischen Provinz mit Eiern, Fleisch, Obst und Gemüse. Bei Hotelchef Stephan Bode weckt die landestypische Küche Kindheitserinnerungen. „Meine Mutter kommt aus Thüringen, ich bin mit Grünen Klößen aufgewachsen.“ Nach vielen Jahren der Wanderschaft in Südafrika und Asien möchte Bode nun auch die Wärmeversorgung des Tagungshotels umkrempeln – „da hängen wir noch an stinknormalem Erdgas“. Thüringer Bauern sollen in Zukunft, so Bode, nicht nur gesunde Lebensmittel liefern, sondern auch die komplette Energiegewinnung übernehmen. Die ehrgeizigen Ziele Stephan Bodes und seiner Mitstreiter vom Netzwerk „Bioenergieregion Thüringer Vogtland“ reichen weit über das Hotel hinaus: Bis 2020 soll der Landstrich mithilfe regional erzeugter Biomasse zum Selbstversorger werden. Andreas Lorenz-Meyer

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