Immobilien : Häuser nach Maß

Sechs Architekten entwarfen sechs Häuser in Berlin und im Umland. Die meisten von ihnen sind bezahlbar – und man kann sie auch besichtigen

Jürgen Tietz

Wer in Berlin oder seinem Verflechtungsgebiet ein Haus erwerben will, stößt auf ein großes Angebot. Ein ganzes Jahrzehnt währte der Bauboom, nachdem die Mauer gefallen war und die Insel Berlin zu einer Stadt mit Umland wurde. Doch was heute zu besichtigen ist, lässt weniger den Wunsch nach Eigentum aufkommen als die Frage: Wie konnten die Gemeinden rund um Berlin ein solches Gedränge auf den zahlreichen, großzügig ausgewiesenen Baugebieten zulassen? Die Bauträger hatten leichtes Spiel und der Blick auf den Umsatz, von Steuergeschenken befördert, ließ die meisten von ihnen vergessen, dass ein Eigenheim nicht Einerlei sein muss.

Dabei steht nicht einmal das Verlangen nach purem Luxus im Vordergrund, sondern der ganz einfache Wunsch, ein Haus zu bekommen, das den Anforderungen des Alltags gerecht wird und gleichzeitig ästhetische Qualitäten besitzt. Natürlich kann man auch beim Hauskauf aus einem reichhaltigen Katalogangebot auswählen. Doch der Bau von Einfamilienhäusern wird zunehmend wieder zu einem persönlichen Thema zwischen Bauherrn und Architekten. Und häufig sind es gerade junge Büros, die so den Einstieg in die Berufspraxis finden.

Die Galerie „suitcasearchitecture“ in Berlin-Mitte stellt ab 11.April sechs unterschiedliche Lösungen für individuelle Einfamilienhäuser vor. Die Häuser liegen in und um Berlin, die meisten sind bezahlbar – und man kann sie sogar besichtigen (siehe Kasten unten). Kristien Ring und Beate Engelhorn, Architektinnen und Galeristinnen in Personalunion, haben ein ansprechendes Spektrum zusammengestellt: Es reicht von der Holzfassade bis zum Satteldach. Was die Projekte eint, ist ihre Qualität bei der Bewältigung der Bauaufgabe Einfamilienhaus.

Kostenexplosion ausgeschlossen

Doch wo liegen die Vorteile für den Bauherrn, wenn er sich dafür entscheidet, mit einem Architekten zu bauen? Und vor allem: wird es am Ende nicht viel teurer als beim vermeintlichen „Allesinklusive“-Angebot?

„Der schlechte Ruf, der den Architekten beim Einhalten der Baukosten vorauseilt, ist nicht immer gerechtfertigt“, sagt Ralf Kunze vom Büro Dierks Kunze Oevermann (DKO) „Gerade die jungen Architekturbüros sind darauf angewiesen, kostensicher zu planen und zu bauen. Nur so wird uns das nötige Vertrauen geschenkt.“ Das Einfamilienhaus von DKO, das am Nordrand Berlins in Glienicke entstanden ist, liefert den Beweis.

Formal ist es ein Bau, der bewusst mit dem Urtypus der Bauaufgabe Haus spielt: Das Satteldach und der verputzte Gebäudekubus mussten sich in die Bebauung der Umgebung einpassen. Im Inneren überrascht der Bau dann durch einen großzügigen Luftraum über dem Wohnbereich und einen weitgehend separaten Schlaftrakt. Und mit 336397 Euro einschließlich Erschließung, Außenanlagen und Mehrwertsteuer ist das ansehnliche Haus keineswegs teurer ausgefallen als manche unansehnliche Standardanfertigung. Für den privaten Bauherren ist es entscheidend, dass die Kosten im vereinbarten Rahmen bleiben. „Und das gelingt“, so Kunze. „Zudem erhalten die Bauherren ein Produkt, das genau auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten ist, ein Unikat.“ Dafür allerdings müssen sich die Bauherren auch darauf einlassen, dass die Architekten nicht gleich beim ersten Termin mit einer fertigen Entwurfsskizze bei ihnen auftauchen.

Stattdessen ist am Anfang abtasten angesagt: „Architekt und Bauherr müssen im Gespräch zueinander finden. Es gilt, manchmal auch aus Andeutungen herauszulesen, welche Vorstellungen ein Bauherr eigentlich hat. Wo sind seine finanziellen aber auch seine ästhetischen Grenzen? Was für ein Haus soll eigentlich entstehen, und wie sieht der Alltag im Haus aus?“ Auf Basis dieser Grundinformationen setzt dann der eigentliche Planungsprozess ein. Dieser Prozesscharakter ist wichtig, denn nur nach und nach werden die Planungen konkreter – und damit für den Bauherrn auch anschaulicher: „Wie in einem Pingpong-Spiel entwickeln sich so der Grundriss und die Fassaden“, so Kunze. Schließlich ist es das Ziel, dass Architekt und Bauherr am Ende beide zufrieden sind und sagen können: Es passt.

Doch damit es so weit kommt, sind auch die Architekten gefordert, denn die Planung eines Einfamilienhauses erledigt sich nicht nebenbei. Im Gegenteil: Sie erfordert viel Zeit bei eher geringen Gewinnaussichten. Einigen Büros ist der Bau von Einfamilienhäusern daher nicht lukrativ genug. Andere sehen jedoch gerade in der Komplexität der vergleichsweise kleinen Bauaufgabe eine besondere Herausforderung.

Weißer Putz, gläserne Fugen

Einen Sonderfall in der Ausstellung bildet eine Villa für stolze 2,2 Millionen Euro. Ein solches Bauvolumen begegnet einem Architekturbüro nicht alle Tage. Das Büro „Alten Architekten“ hat die Chance genutzt und eine großzügige Villa geschaffen. Ein Ort zum Repräsentieren und zum Wohnen am Nordrand Berlins. Die drei leicht gegeneinander versetzten, weiß verputzten Baukörper, die durch gläserne Fugen verbunden sind, modellieren dabei einen spannungsreichen Gartenraum. Zwar fällt die Villa von „Alten Architekten“ aus dem Rahmen dessen, was sich ein Durchschnittsverdiener leisten kann. Doch sie dokumentiert auch: nicht nur in Hamburg und München gibt es eine Nachfrage nach luxuriösen Villen. Bereits zu den Klassikern unter den neuen Einfamilienhäusern in Berlin und Brandenburg gehören das Haus für einen Buchhändler in Falkensee von Augustin und Frank sowie die drei Hofhäuser in Zehlendorf von Becher und Rottkamp. Beides sind Beispiele für den aktuellen Trend zur Holzfassade. Doch gerade das Haus für einen Buchhändler macht auch deutlich, dass nur die Zusammenarbeit mit einem Architekten zu genau der Hauslösung führt, die der Nutzer sich wünscht: Wie sonst könnten die sich scheinbar ausschließenden Funktionen eines Lagers für ein Antiquariat, dessen Vertriebsschiene über das Internet läuft, und das Wohnhaus im Grünen miteinander zur Deckung gebracht werden?

Augustin und Frank haben dieses Problem mit einem lang gestreckten Baukörper gelöst, der das Bücherlager im Obergeschoss huckepack nimmt, denn aufgrund des hohen Grundwasserspiegels war ein Ausweichen in den Keller ausgeschlossen. Funktion und Ästhetik im Doppelpack und das alles bei einem Quadratmeterpreis von 1227 Euro.

Becher und Rottkamp haben mit ihren preisgekrönten Hofhäusern gezeigt, dass man mit genügend Fantasie auch auf schmalen Grundstücken gut bauen kann. Die jeweils um einen quadratischen Hof angelegten Häuser spielen mit der Öffnung der Fassade zum privaten Hofbereich und der Abschottung zur Straße. Und der durchdachte Grundriss schafft die Möglichkeit, Wohnen und Arbeiten miteinander zu verbinden. Eine Forderung, die gerade von Bauherren, die freiberuflich arbeiten, oft gestellt wird. Aber auch bei Becher und Rottkamps Häusern spielt die Kostenfrage eine wichtige Rolle: „Nach den klärenden Gesprächen, was der Bauherr genau möchte, erstellen wir eine detaillierte Baubeschreibung mit einer differenzierten Kostenaufstellung. So stellen wir sicher, dass der Bauherr genau weiß, was auf ihn zukommt", sagt Elmar Rottkamp.

Die Chance, die eigene Lebenswelt in seinem Haus wiederzufinden, ist der Hauptgrund, sich für das Bauen mit einem Architekturbüro zu entscheiden. Das gilt auch bei Haus Rolvien in Stahnsdorf von Robert Beyer. Dort galt es, zwei Wünsche umzusetzen: ein offener Grundriss und der fließende Übergang zur geschützten Terrasse, die von einem leicht vorgezogenen Lärchenholzkubus begrenzt wird. Aber auch die Entscheidung, baubiologische und ökologische Aspekte besonders zu gewichten, kann eine Rolle spielen, wie beim Haus am Dreipfuhlpark von Mola-Architekten, das sich von außen als klarer kubischer Baukörper mit weißem Putz präsentiert.

Bleibt das Problem, wie der Bauherr zu „seinem“ Architekt findet. Patentrezepte gibt es dafür nicht. Die Wege reichen vom Wälzen der einschlägigen Zeitschriften bis zur Mundpropaganda. Hilfreich für Bauwillige kann daher der Besuch bei suitcasearchitecture sein. So entpuppt sich die Ausstellung als eine Kontaktbörse zwischen potenziellen Bauherren und erfahrenen Architekten, die zugleich ein Stück praktizierter Baukultur bietet.

0 Kommentare

Neuester Kommentar