Immobilien : Heizen fast zum Nulltarif

CHRISTOF HARDEBUSCH

Familie Lücke bewohnt ein freistehendes Einfamilienhaus auf einem Bergrücken in Hohkeppel bei Köln.Heizkosten: 60 DM pro Monat, von November bis März.300 DM in normalen, 350 in kalten Wintern.Anschluß- und Grundgebühren für Gas entfallen.Wer auch noch Anspruch auf die staatliche Ökozulage hat, macht acht Jahre lang sogar Gewinn mit seiner Heizung.Denn solange belohnt das Finanzamt energiesparende Bauweisen mit jährlich 500 DM.

Die niedrigen Heizkosten haben einen Grund: Familie Lücke bewohnt eines der neuen "Passivhäuser", die sich weitgehend selbst mit Energie versorgen.Dank der guten Dämmung reicht die "natürliche" Wärme, die Herd, Lampen und die Bewohner selbst abgeben, aus - nur bei großer Kälte wird eine Zusatzheizung benötigt.Das stellt sogar die sogenannten Niedrigenergiehäuser in den Schatten.Passivhäuser verheizen nur noch ein Viertel dessen, was ein gutes Niedrigenergiehaus braucht.

Möglich ist das alles durch die Kombination dreier Elemente: absolute Winddichte, extrem gute Wärmedämmung und kontrollierte Be- und Entlüftung mit Wärmerückgewinnung.Eine Lüftungsanlage führt die Frischluft zunächst durch einen Erdkollektor, zwei Meter tief in die Erde versenkte Rohre, und dann durch den Wärmetauscher der Abluft.Neun Zehntel der Wärme, die aus dem Haus zieht, kommt auf diese Weise wieder zurück.Die Zuluft strömt auch bei Außentemperaturen unter Null mit mindestens 15 Grad in die Räume, ohne daß auch nur das kleinste Feuer es erwärmt hätte.

Wenn dann noch die Wintersonne durch die großen - dreifachverglasten - Südfenster ins Haus scheint, sind 20 Grad sicher."Gerade wenn es richtig kalt ist, scheint ja auch die Sonne.Dann schaltet sich die Heizung aus", erzählt Daniela Kuhn, Nachbarin der Lückes und ebenfalls Passivhausbewohnerin.Scheint die Sonne nicht, erwärmt die Flüssiggasheizung die Zuluft.Das Resultat beeindruckt: In Heizöl gerechnet, verbraucht das Passivhaus der Lückes pro Quadratmeter Wohnfläche und Jahr eineinhalb Liter.Gute Niedrigenergiehäuser schlucken fünf.Außerdem brauchen Niedrigenergiehäuser einen Gasanschluß oder einen Öltank, Heizkörper und die entsprechenden Heizungsrohre.22 000 bis 25 000 DM kostet das im Schnitt für ein Einfamilienhaus.Lüftungsanlage und Restheizung der Passivhäuser kosten dagegen rund 12 000 DM.

Was das Passivhaus bei der Heizung spart, geht allerdings für Dämmung und Fenster wieder drauf.Dreißig Zentimeter Mineralwolle liegen in der hölzernen Außenwand."Passivhäuser funktionieren nur, wenn die Wände an keiner Stelle durchbrochen sind", sagt Architekt Manfred Brausem, der die Passivhäuser in Hohkeppel entwickelt und gebaut hat.Kein Kabel durchstößt die Außenwand, erst recht kein Rollokasten.Wirklich dicht wird die Wand nur, wenn alle Bestandteile präzise eingebaut sind.Das erreicht Brausem nicht auf der Baustelle, sondern in der Werkhalle.Ein Zimmermannsbetrieb fertigt die Wände und Decken seiner Entwürfe vor.Vor Ort werden die Elemente nur noch montiert.Das senkt auch die Baukosten.

Und die liegen im Bereich des Erträglichen.Familie Lücke hat für ihr freistehendes, nicht unterkellertes Haus mit 140 Quadratmeter Wohnfläche 430 000 DM bezahlt.Im Preis enthalten ist eine Solaranlage, die den Bedarf an warmem Dusch- und Badewasser zu zwei Dritteln deckt.Nicht enthalten waren die 5000 DM für die Regenwasserzisterne, aus der die Lückes ihren Garten bewässern und ihr Auto waschen.

Brausem hat auch die Baustoffe weitgehend umweltverträglich ausgewählt.Holz bildet die Grundlage seines Passivhauses.Diese Leichtbauweise ist nur eine von vielen Möglichkeiten, Passivhäuser zu bauen.Rund vierzig bereits bewohnte Projekte gibt es derzeit in Deutschland.Der Schwerpunkt liegt dabei im Westen der Republik.Die ältesten Exemplare entstanden Anfang der 90er Jahre in Darmstadt.

Die bislang günstigsten Passivhäuser dagegen stehen in Wiesbaden.Die vom Architekturbüro Rasch und Partner in Betonfertigbauweise 1996 erstellten Reihenhäuser waren ab rund 300 000 DM zu haben.Außenwände und Dach bestehen aus Holzfertigteilen.Die Bäder kamen komplett per Lkw auf die Baustelle gefahren.

Das Konzept hat sich bewährt.Auf der Expo 2000 sind Rasch und Partner dabei.In Hannover-Kronsberg bauen sie 32 modifizierte Exemplare ihres Passiv-Reihenhauses.24 davon sind schon verkauft.Auch die Expo-Häuser kommen ohne Zentralheizung aus: "Als einziger im Boden verlegter Anschluß bleibt nur die Stromzufuhr", sagt Torsten Schwarz, Projektleiter von Rasch und Partner am Kronsberg."Wir sparen also schon im Vorfeld eine Menge Geld." Als Bauträger treten die Stadtwerke Hannover auf.Sie reihen sich damit ein in die wachsende Zahl der Energieversorgungsunternehmen, die sich mit Niedrig- und Niedrigstenergiehäusern auf dem Immobilienmarkt versuchen.Denn auch wenn diese Bauten Gas und Fernwärme zu Ladenhütern machen - Strom brauchen sie noch, wenn auch nicht allzu viel.Die kontrollierte Be- und Entlüftung konsumiert in etwa so viel wie eine mittelstarke Glühlampe.

Auch im Kaufpreis ist das Expo-Haus genügsam.Ohne Grundstück kostet es 250 000 bis 280 000 DM.Damit wäre es in Berlin konkurrenzfähig.Die Senatsverwaltung versucht ja derzeit, den Bürgern den Kauf günstiger Häuser in der Stadt zu ermöglichen.Ein Passivhaus gibt es in Berlin aber noch nicht.Auch Rasch und Partner werden an der Spree bis auf weiteres nicht bauen."Dazu bräuchten wir starke Partner vor Ort, und die gibt es in Berlin für uns nicht", sagt Schwarz.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben