Hobrechtsfelde : Dorf am Stadtrand zu verkaufen

Eine Genossenschaft aus Prenzlauer Berg will den kompletten Ort Hobrechtsfelde energetisch sanieren. 26 der 66 Bewohner sind bisher Mitglied geworden - doch es gibt auch Kritiker.

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Foto: Christian Hunziker
Entlang der Dorfstraße scheint die Zeit stehen geblieben zu sein.

Zur Wendezeit war es, als Michael Trappiel aus Prenzlauer Berg in das nordöstlich von Berlin gelegene Dorf Hobrechtsfelde zog. Mit einem „Riesenbund Schlüssel“ in der Hand landete er auf der Suche nach einer neuen Bleibe im ehemaligen Gutsverwalterhaus und stellte fest: „Nichts war da, kein Bad und auch sonst nichts.“ Seither wohnt Trappiel in dem historischen Gebäude und betreibt im Erdgeschoss seine Computerfirma.

Das rund hundert Jahre alte Haus präsentiert sich zwar nicht gerade im Topzustand, aber doch mit neuem Dach, neuen Fenstern und neuer Heizung – ganz im Gegensatz zu dem seit Jahren leer stehenden Dorfgemeinschaftshaus. Auch das ehemalige Arbeiterwohnheim gleich nebenan macht mit seinen herausgeschlagenen Fenstern einen desolaten Eindruck. Die anderen Gebäude links und rechts der Dorfstraße sind zwar weniger marode, aber ebenfalls sanierungsbedürftig.

Doch jetzt nimmt in Hobrechtsfelde, nur etwa drei Kilometer vom Berliner Ortsteil Buch entfernt, ein bemerkenswertes Experiment Gestalt an: Eine Genossenschaft aus Prenzlauer Berg hat das gesamte Dorf erworben, um es denkmalgerecht und energetisch vorbildlich zu sanieren. Für 900 000 Euro übernahm es Anfang des Jahres die Genossenschaft Bremer Höhe eG Hobrechtsfelde von der städtischen Berliner Wohnungsbaugesellschaft Gesobau. Diese war eher durch Zufall Eigentümerin geworden. Weil das Dorf aber so gar nicht zum städtischen Kernbestand der Gesobau passte, wollte sie es wieder verkaufen.

Davon bekamen 2006 Trappiel und andere engagierte Dorfbewohner Wind. Sie gründeten die Wohnungsbaugenossenschaft Hobrechtsfelde, um ihre Häuser selbst zu erwerben und zu sanieren. Doch weil das nötige Eigenkapital fehlte, wandten sie sich an die Genossenschaft Bremer Höhe. Von der versprachen sich die Hobrechtsfelder Verständnis für ihr Anliegen. Denn die Bremer Höhe eG hat eine ganz ähnliche Entstehungsgeschichte: Sie wurde im Jahr 2000 gegründet, um die gleichnamige Wohnanlage an der Schönhauser Allee von der damaligen städtischen Wohnungsbaugesellschaft WIP zu erwerben.

Mittlerweile hat die Genossenschaft ihre 460 Wohnungen in Prenzlauer Berg saniert und weitere Projekte in Lichtenberg, Friedrichshain und Schöneberg unter ihr Dach geholt. „In den letzten Jahren hat sich aber gezeigt, dass wir in der Innenstadt nicht mehr zum Zug kommen“, sagt Vorstand Barbara König. Die Kaufpreise seien schlichtweg zu hoch, um günstige Mieten zu ermöglichen. Das Projekt in Hobrechtsfelde biete dagegen die Chance auf preiswertes Wohnen.

26 der 66 Dorfbewohner sind bisher Mitglied der Genossenschaft geworden. In den nächsten fünf bis sieben Jahren will diese laut Bremer-Höhe-Vorstand Ulf Heitmann rund neun Millionen Euro in die Sanierung des Ortes investieren. Ein leer stehendes Wohnhaus wird bereits modernisiert – dringend benötigt, weil im Februar mehrere Familien durch den Brand der ehemaligen Schnitterbaracke obdachlos geworden sind. Ausgelöst wurde das Feuer durch eine marode Elektrik. Jahrzehntelang sei nie systematisch in die Instandsetzung der Häuser investiert worden, berichtet Heitmann.

Dafür betragen die Nettokaltmieten im Durchschnitt lediglich 2,30 Euro pro Quadratmeter; manche Bewohner zahlen weniger als zwei Euro. Nach der Sanierung werden es laut Heitmann rund 5 Euro sein. Das ruft nicht nur Begeisterung hervor. „Dass jetzt nicht mehr jeder machen kann, was er will, führt erst einmal zu Konflikten“, räumt Vorstand Heitmann ein. Zu den Kritikern gehört auch Michael Trappiel, der seinerzeit selbst den Kontakt zur Bremer Höhe eG suchte. Er ist „ein bisschen enttäuscht“ über die neue Lage und kritisiert, die Genossenschaft informiere die Bewohner nicht genügend über ihre Pläne und berücksichtige deren Vorstellungen zu wenig.

„Wir haben den Anspruch, alle Bewohner zu erreichen“, entgegnet Heitmann. Viele Hobrechtsfelder erwarteten, „dass etwas passiert und das Dorf schöner wird“. So plant die Genossenschaft, im ehemaligen Gemeinschaftshaus eine Pension mit Gaststätte unterzubringen und dadurch Arbeitsplätze zu schaffen. An der Stelle der abgebrannten Schnitterbaracke will sie einen Neubau im Passivhausstandard mit neun Wohnungen errichten.

Grundsätzlich strebt die Genossenschaft eine hohe Energieeffizienz und die Nutzung erneuerbarer Rohstoffe an. Allerdings hat eine Machbarkeitsstudie gezeigt, dass das nicht einfach sein wird: Geothermie und Photovoltaik lassen sich wegen der räumlichen Lage des Dorfes nur punktuell nutzen; als einzige erneuerbare Energiequelle ist eine Holzhackschnitzelanlage realistisch.

Heikel ist auch die Dämmung, da fast das gesamte Dorf mit seinen teils zu Beginn des 20. Jahrhunderts, teils in den fünfziger Jahren errichteten Häusern unter Denkmalschutz steht. Zwar genehmigten die Denkmalschützer bei einem ersten Gebäude eine vier Zentimeter dicke Dämmung. Damit aber, so Heitmann, lassen sich die Werte der Energieeinsparverordnung (EnEV) nicht erreichen.

Dennoch ist er überzeugt, dass Hobrechtsfelde mit seiner dörflichen Atmosphäre und der kopfsteingepflasterten Hauptstraße zum Anziehungspunkt für Bewohner und Besucher werden könnte – auch wenn dafür einiges getan werden müsse. „Seit 1990 ist hier nichts passiert. Erst mit uns ist die Wende angekommen.“

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