Hotelneubau : Neue Botschaft aus Mitte

Vor der Vertretung des Königreichs der Niederlande an der Stralauer Straße entsteht ein neues Hotel. Mit dem Neubau kommt wieder mehr Leben in das historische Quartier.

von und Paul Duwe
Gute Aussichten. Von der Niederländischen Botschaft am Rolandufer in Mitte sieht man auf den historischen Binnenhafen und schaut in Richtung der einzigen Gracht Berlins, die Friedrichsgracht.
Gute Aussichten. Von der Niederländischen Botschaft am Rolandufer in Mitte sieht man auf den historischen Binnenhafen und schaut...Foto: akg-images / euroluftbild.de

Auf historischem Grund an der Spree entsteht ein neues Hotel. Nach Informationen des Tagesspiegels beginnen an der Stralauer Straße Ecke Klosterstraße vis-à-vis der niederländischen Botschaft in Kürze die Bauarbeiten für ein Holiday Inn Express mit 184 Zimmern. An dieser Stelle lassen sich die Ursprünge Berlins zurückverfolgen bis in das 12. Jahrhundert. Im Rücken der niederländischen Botschaft wurden erst vor kurzem sensationelle Funde gemacht.

Der Archäologe René Bräunig hat mit seinem Team dort Spuren des ältesten Hauses Berlins entdeckt, Baujahr 1174. Unter Historikern galt dies als archäologische Sensation. Noch bis zum vergangenen November wurde Schicht für Schicht abgetragen. „Wir haben an diesem Ort alte Steingeräte und verzierte Keramiken aus der Mittel- und Jungsteinzeit gefunden“, berichtet Ausgrabungsexperte Bräunig, Belege dafür, dass schon vor mehr als 4000 Jahren Menschen am Flussufer siedelten.

Die archäologischen Überbleibsel aus längst vergangenen Tagen haben die Archäologen sehr erfreut, stoppten aber zunächst auch den schon seit längerem an dieser Ecke geplanten Hotelneubau. Nun aber nach dem Ende der Ausgrabungen kann es losgehen. Bräunig und seine Mitstreiter warten jetzt darauf, dass der Bodenaushub für die geplante Tiefgarage beginnt. Dann werden sie nochmals tätig, zumal unter dem dann freigelegten Bürgersteig weitere Fundstücke vermutet werden – Reste alter Stadtmauern könnten hier noch im Verborgenen liegen.

Die Lage könnte kaum besser sein

Das neue Hotel mit rund 6000 Quadratmetern Bruttogeschossfläche auf dem 1100 Quadratmeter großen Grundstück gegenüber vom Alten Stadthaus steht nicht nur auf geschichtsträchtigem Boden, es befindet sich auch in prominenter Nachbarschaft. Zur Spree hin schließt sich die opulente Botschaft des niederländischen Königreiches direkt an den geplanten Neubau an. Die Berliner Wasserbetriebe haben ihre Zentrale gleich nebenan. Und die Spree mit den Anlegestellen der Fahrgastschiffe ist auch nur wenige Schritte entfernt: Die Lage könnte kaum besser sein. Dass gerade an der Klosterstraße 48 die bedeutsamen Funde gemacht wurden, mutet ein wenig kurios an.

Im Rücken der Botschaft werden im Untergrund noch Reste alter Stadtbefestigungen vermutet.
Im Rücken der Botschaft werden im Untergrund noch Reste alter Stadtbefestigungen vermutet.Foto: Thilo Rückeis

Denn in dem von Ludwig Hoffmann 1911 gebauten Alten Stadthaus vis-à-vis ist neben der Berliner Innenbehörde auch das Landesdenkmalamt untergebracht. Nur einige Meter weiter, am heute unscheinbaren Molkenmarkt, war einst der Mittelpunkt des alten Berlins. Stadtführerin Iris van Beek erzählt gern die Geschichte von der Straße Am Krögel. „Hier hausten die Ärmsten der Armen am morastigen Ufer der Spree. Und nur einige Meter weiter am Rathaus wohnten die wohlhabenden Herrschaften.“

Hinter dem Palais Schwerin am Molkenmarkt befand sich einmal das Stadtgefängnis. Später wurden in den dunklen Zellen von der Armendirektion Wohnungen für Bedürftige eingerichtet. Und am Krögel – am einstmals krummen Graben – hat sich die erste Berliner Badeanstalt befunden.

Mit dem neuen Hotel kommt wieder mehr Leben in dieses historische Quartier. In der Klosterstraße mit der alten Parochialkirche und dem aufwendig rekonstruierten Friedhof der reformierten Gemeinde tut sich ebenfalls etwas. Zwischen dem Kirchhof und dem historischen Kaufhaus Tietz entsteht gerade das „Stadtpalais Klosterstraße“, ein Vier- Sterne-Hotel mit 250 Zimmern und Schwimmbecken im Dachgeschoss. Auf ihrer Tour „Krögel, Kloster, Kreuze“ durchstreift Iris van Beek gern mit ihren Gästen das Revier. Nach einem Abstecher zur historischen Stadtmauer endet der Rundgang oft bei Buletten und Bratkartoffeln in der historischen Gaststätte „Zur letzten Instanz“ in der Waisenstraße.

526 Hotels hatte das Amt für Statistik Ende 2013 in Berlin registriert

Dem künftigen Hotelpublikum an der Klosterstraße 48 weht also schon mal der Geist des mittelalterlichen Berlins um die Nase. Und langsam macht sich hier, wie etwa in den Etagen des Tietz-Hauses, auch die junge aufstrebende Start-up- Szene breit. Diese Berliner Mischung lockt auch die Touristen: Das weltweite Interesse an der Spreestadt nimmt beständig zu. Die Berlin Tourismus und Kongress GmbH konnte zum Jahresende mit mehr als 26 Millionen Hotelübernachtungen und mehr als elf Millionen Gästen einen neuen Rekord vermelden. Das Wachstum gegenüber dem Vorjahreszeitraum lag bei mehr als acht Prozent.

Ein Ende des Booms ist nicht absehbar. 526 Hotels hat das Amt für Statistik Ende 2013 in Berlin registriert. Allein im laufenden Jahr rechnen die offiziellen Touristik-Werber, die auch unter der Marketingbezeichnung „visitBerlin“ auftreten, mit mehr als 2000 neuen Hotelbetten in der Hauptstadt. Thomas Lengfelder, Hauptgeschäftsführer des Hotel- und Gaststättenverbandes Berlin e.V. (DEHOGA Berlin) weiß von 29 geplanten Projekten.

Berlin ist zur Zeit auch in diesem Immobiliensegment ein Renner: 2013 belief sich das Transaktionsvolumen auf dem deutschen Hotelinvestmentmarkt nach Angaben der Colliers International Hotel GmbH – ein Dienstleister rund um die Hotelimmobilie – auf rund 1,7 Millarden Euro, das beste Jahresergebnis seit 2007. Gemessen an der Zahl der Transaktionen dominierten Branchenangaben zufolge inländische Käufer – der Fokus lag mit 50 Prozent auf Berlin, Düsseldorf, Frankfurt am Main, Hamburg, Köln, München und Stuttgart.

Und auch wenn es in manchen Gegenden von Kreuzberg oder Prenzlauer Berg mitunter Widerstände gegen die Besucherscharen gibt, so ist deren wirtschaftlicher Nutzen unbestritten. Nach Angaben von „visitBerlin“ verteilt jeder Besucher pro Tag rund 204 Euro in der Hauptstadt.

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