Immobilien : Ich sehe was, was Du nicht siehst

Es ist immer das selbe Drama: Bauherren können sich nicht so recht vorstellen, wie es mal im neuen Haus aussehen wird. Die „virtuelle Bemusterung“ hilft der Phantasie: Durch eine 3D-Brille fällt die Entscheidung für Parkett, Farben oder Tapeten leichter

Jutta Burmeister

Passen die weißen oder die hellgrauen Wandfliesen zur dunkelroten Einbauküche? Und wenn man die grauen Fliesen wählt – wäre es dann nicht besser, sich für einen helleren Bodenbelag zu entscheiden? Vielleicht sind aber auch die anthrazitfarbenen Arbeitsplatten falsch. Fast alle Bauherren kennen die unendlichen Diskussionen über die Ausstattung ihres neuen Eigenheims. Dabei geht es nicht um die Einrichtung – notfalls lassen sich neue Möbel kaufen –, sondern um die Gestaltung von Wand- und Bodenflächen sowie um fest eingebaute Sanitärobjekte und Einbauküchen. „Bemusterung“ nennen Haushersteller diesen oft quälenden Prozess, bei dem Bauherren mit Hilfe von Katalogen, Materialproben und Beratergesprächen die innere Gestaltung ihres neuen Hauses festlegen. Von den Bauherren erfordert er große Fantasie – und nicht selten stellen sie nach dem Einzug fest, dass die gewählten Farben und Materialien im fertigen Haus plötzlich ganz anders wirken als die Proben auf dem Beratungstisch.

Um den Häuslebauern die Entscheidung zu erleichtern, hat jetzt das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation in Stuttgart (IAO) gemeinsam mit der Bauunion 1905 GmbH im sächsischen Gröditz und weiteren Partnern (s. Kasten) das Pilotprojekt „Virtuelle Bemusterung“ ins Leben gerufen. Etwa ein Jahr soll die Projektphase dauern. Ab Mitte 2008 können Bauherren dann in einem neuen Bemusterungsgebäude der Firma Bauunion 1905 im brandenburgischen Ort Kloster Lehnin virtuell durch ihr neues Haus spazieren. Per Fernbedienung lässt sich aber nicht nur jeder einzelne Raum besichtigen. Das Modell ist auch interaktiv: Klickt der Kunde auf Eichen- oder Ahornparkett, Granit- oder Holzplatte, wird der Raum entsprechend verändert. Allerdings ist dazu das Tragen einer 3-D-Brille notwendig. „Dank der Virtual Reality Technik kann der Bauherr sein eigenes Haus bereits in der Planungsphase räumlich und maßstabsgetreu erleben, sich frei darin bewegen und konfigurieren“, heißt es bei der Bauunion 1905, die als erster Massivhaushersteller Deutschlands diesen Service einführt. Später könne der Bauherr dann genau das Haus beziehen, dessen Aussehen und Ausstattung er im Vorfeld in der virtuellen Realität bereits live erlebt habe.

Für den Bauherrn entstehe eine größere Sicherheit, nennt Matthias Bues, zuständiger Mitarbeiter beim Fraunhofer-Institut, den Vorteil der simulierten Realität. „Der Druck, dass man sich vorstellen muss, wie das Haus später aussieht, wird reduziert.“ Zusätzlich kosten werde der Service aber nichts. Im Gegenteil: Bisher waren Bauherrn oft enttäuscht, wenn sie das fertige Haus sahen und nahmen teure Veränderungen vor. Dieses Geld könnten sie sich in Zukunft sparen, meint Bues. Aber auch für die Haushersteller fallen, abgesehen von der Anschaffung der Technik, keine zusätzlichen Kosten an. Bues rechnet damit, dass die virtuelle Bemusterung von Häusern in einigen Jahren zum Standard bei den meisten Hausherstellern gehören wird. Bislang ist das Fraunhofer-Institut mit seinem Pilotprojekt weltweit federführend.

Dass so genannte „VR-Systems“ – die zum Beispiel in Form von Fahrsimulatoren bei Autos oder Flugzeugen längst existieren – für Fertighäuser erst jetzt entwickelt werden, hängt mit der benötigen Projektionsqualität zusammen. Auch kleinste Details müssen zu erkennen sein. „Fertighaushersteller waren an dem Thema schon lange interessiert, aber erst in den vergangenen zwei Jahren haben wir einen wichtigen Schritt nach vorn gemacht“, sagt Bues. Heute sei die Darstellung der Materialien und Farben äußerst realistisch.

Noch erlaubt das Projekt nur die virtuelle Gestaltung von Flächen, also zum Beispiel die Auswahl von Parkett, Fliesen und anderen Wandbelägen. Dazu steht dem Kunden der komplette Materialkatalog des Hausherstellers in digitaler Form zur Verfügung. Auch die Verlegeart, also ob das Parkett längst oder quer zur Raumausrichtung angeordnet wird, kann bestimmt werden. Die Verbindung der virtuellen Darstellung mit einer Planungs- und Kalkulationssoftware macht es außerdem möglich, das Angebot sofort neu zu kalkulieren: Nimmt der Kunde eine Änderung vor, erscheint auch der neue Preis. In einem nächsten Schritt sollen dann Sanitärobjekte einbezogen werden, kündigt Bues an. Auch Küchen habe man im Blick, diese seien aber nicht maßstabsgerecht. Bei Möbeln werde man sich dagegen mit einigen Beispielen begnügen.

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