Immobilien : Idealisten ohne Illusionen

Zwei Architekten und ein Psychologe haben ein Netzwerk zur Entwicklung von Immobilien gegründet. Damit wollen sie den Zusammenhalt fördern und nicht, wie viele andere in der Branche, möglichst viel Kapital aus Sanierung und Verkauf von Altbauten schlagen

Ralf Schönball

Die Zeiten sind gut. Wegen der Wirtschaftskrise und der leeren Haushaltskassen. Sagt Bernd Langheit. Ein Zyniker ist er deshalb nicht. Ebenso wenig wie seine beiden Partner Jörg Nothacker und Thomas Meier. Im Gegenteil, die Männer vom „Netzwerk Kooperatives Wohnen“, zwei Architekten und ein Psychologe, sind beseelt von ihrem Projekt. Und das habe mehr Chancen denn je in einer Zeit, wo alles, was bisher galt, auf dem Prüfstein stehe: also auch die Art, wie man Immobiliengeschäfte macht.

Die drei Männer wollen der „Gemeinschaft zu einer Renaissance verhelfen“, und das heißt: 15 bis 18 Haushalte kaufen gemeinsam ein altes Wohnhaus in der Angermünder Straße, in Prenzlauer Berg. Je nach Bedarf wählen sie eine größere oder eine kleinere Wohnung, bringen mehr Geld oder mehr Zeit für die Sanierung des Gebäudes auf. Die Bauarbeiten dauern zwar einige Jahre. Doch danach führen die Bewohner ein selbstbestimmtes Leben in eigenen vier Wänden. Gemeinsam nutzen sie Dachgarten, Sauna, Fitness- und Meditationsraum und die Kinder haben ihren eigenen Spielraum. Das schöne Wohnen kostet die Eigentümer nicht mehr Geld, als sie heute für ihre Miete brauchen.

„Keine Mythen aufwärmen“

Gab es solche Ideale nicht schon einmal, in Kreuzberg, vor zwanzig Jahren? „Uns geht es nicht darum, Kommune, WG oder ähnliche Mythen aufzuwärmen“, winkt Bernd Langheit ab. Das Ziel des Netzwerkes sei es vielmehr, einen Rahmen zu schaffen, den die Bewohner selbstständig ausfüllen können. Hier werde nicht eine Lebensweise „aufoktroyiert“, sondern eine Vielzahl von Möglichkeiten angeboten. Die Bewohner sollen dann selbst entscheiden, wie viel Gemeinschaft und wie viel Rückzug sie wünschen. Offenheit sei der Begriff dafür, und das Hausprojekt stehe jedermann offen: dem „BMW-Verkäufer“ mit dem prallen Konto ebenso wie dem Handwerker, „der wenig Geld, aber wegen dem schlechten Arbeitsmarkt Zeit hat.“ Eine Kommune mit marktwirktschaftlichen Antlitz, könnte man sagen.

Ein erstes Treffen von Interessenten habe es schon gegeben. Fünfzehn Leute seien gekommen. „Dabei hatte ich nur drei Tage vorher ein paar Mails verschickt“, sagt Langheit und, nicht ohne Stolz: „So viele Leute hätte ein Makler in der kurzen Zeit nicht zusammen bekommen.“ Vier ernsthafte Interessenten gebe es nun. Weitere Treffen würden folgen. Von „Werbung“ für das Projekt will Langheit nichts wissen. Das Vorhaben soll sich herumsprechen. Am Ende würden schon genug Leute zusammenkommen. In der ersten Phase des Projektplanes hat er aber vorsichtshalber schon einmal „Medienarbeit“ festgehalten – und die leistet er nun.

Bauen für die Menschen

Erfahrungen mit der Errichtung und der Sanierung von Wohnhäusern können die beiden Architekten vorweisen. Meier baut gerade eine Villa auf dem Land für eine Gruppe von Senioren aus. Und Langheit verdingte sich in Architekturbüros als Projektleiter: Er baute Krankenhäuser und U-Bahnhaltestellen und das, was sonst noch in den Auftragsbüchern seiner Arbeitgeber stand. „Wenn ich aber die Wahl habe, für die BVG oder für Menschen zu arbeiten“, sagt Langheit, „dann entscheide ich mich für die Menschen.“

Die Menschen sollen im Mittelpunkt des Projektes Angermünder Straße stehen. Und dann ist da noch von Spaß die Rede und von einem Netzwerk Gleichgesinnter, allesamt aber Profis: „Die wissen auch, was eine Baugruppe aus lauter Lehrern ist – und warum man das besser nicht macht.“ Einer aus dem Netzwerk sei beispielsweise Willi Laumann und seine Firma L-S-H-Bauprojekte für Mensch und Umwelt. Sie soll die wirtschaftliche Betreuung des Bauvorhabens in der Angermünder Straße übernehmen. Laumann war zuvor Mitarbeiter von „Statthaus“, eine schon zu „westberliner Zeiten“ für die Finanzierung und Steuerung alternativer Projekte bekannte Firma.

Die Mitarbeiter von Statthaus sammelten ähnlich wie die Angestellten des Sanierungsträgers S.T.E.R.N. Erfahrungen in den achtziger Jahren, als auf eine Welle von Hausbesetzungen die Legalisierung der Aneignungen folgte. Das bot den Bewohnern der Häuser die Chance, die heruntergewirtschafteten Immobilien mit eigenem Einsatz und Förder-Millionen aufzubauen. Später, in den Neunziger Jahren, schluckte die Immobilientochter der Bankgesellschaft die S.T.E.R.N. Die „Statthaus“ aber mobilisierte private Bauherren und gründete mit ihnen Baugemeinschaften. Diese sollten ohne professionellen Bauträger auskommen und dadurch billiger bauen.

Sicher, sagt Langheit, die S.T.E.R.N. habe nützliche Baukostenkataloge herausgebracht und der Ex-Statthaus-Mann sei Teil des Netzwerkes, doch an diese Tradition will er nicht anknüpfen. Als Vorbild dienten dann schon eher die 20er Jahre: Bruno Taut und seine genossenschaftlichen Siedlungen. Genossenschaften gebe es natürlich immer noch, „nur ist ihnen der Geist verloren gegangen“, sagt der Architekt - und nimmt die Aussage gleich wieder zurück, als er sieht, dass sie aufgeschrieben wird.

Geben, Leihen, Schenken

Genossenschaftlich ist an dem „Kooperativen Wohnen“ der Vorsatz, auf Profit und Spekulation zu verzichten. Das aber bedeutet: „Wir arbeiten auch mal sieben Tage die Woche, und Abends, schreiben aber nicht für jede Stunde gleich ein Honorar auf.“ Eine Genossenschaft ist auch für die Finanzierung zuständig: die GLS-Gemeinschaftsbank. Das Kürzel des Geldhauses aus Bochum, wo auch Langheit lebte, bevor er 1992 nach Berlin zog, stehe für „Geben, Leihen, Schenken.“

„Das sind Partner, mit denen man von Mensch zu Mensch spricht“, sagt Langheit über die GLS-Angestellten. Das Geld bekomme die Bank von ähnlich gesinnten Anlegern, die weniger Zinsen verlangten als am Markt sonst üblich. Im Gegenzug finanziere das Kreditinstitut nur gemeinnützige, soziale und alternative Projekte – oder eben Kooperativen wie die an der Angermünder Straße. Bevor die Bank jedoch den Kreditbetrag auszahle, stehe eine Prüfung des Projektes und der Kapitalbasis der Beteiligten. „Das läuft wie bei jeder anderen Bank auch“, sagt Langheit – illusionsloser Idealismus.

Nicht nur die moderateren Zinsen, sondern auch der Umgang mit unkonventionellen Schuldnern ist bei der GLS-Bank offenbar eingeübt. Das ist nicht selbstverständlich. So sähen Geschäftsbedingungen anderer Banken beispielsweise nicht vor, dass drei gleich berechtigte Inhaber dasselbe Privatkonto führen und auch noch jeder seine eigenen monatlichen Kontoauszüge erhält. Auf Sonderwünsche wie diese, bei dem für den Immobilienmarkt untypischen Projekt eher die Regel, sind alle Partner im Netzwerk eingestellt. Auch die Rechtsanwälte und Notare. Denn nach den Vorstellungen von Langheit soll auch die Gesellschaftsform der Kooperative sich an den Bedürfnissen ihrer Mitglieder orientieren. Sie sollen entscheiden, ob sie als Gesellschaft bürgerlichen Rechts, als Verein oder als Genossenschaft firmieren.

Erfahrungen mit gemeinschaftlichem Bauen hat Langheit auch persönlich schon gesammelt: Das Haus in der Hufelandstraße, in dem seine Wohnung liegt, erwarb er mit den anderen ehemaligen Mietern Anfang der 90er Jahre von der Wohnungsbaugesellschaft in Prenzlauer Berg. Vier Jahre dauerten Um- und Ausbau der Immobilie. Anders als heute konnte die Eigentümergemeinschaft damals aus den vollen Fördertöpfen des Senats schöpfen. Drei Viertel der Baukosten bezahlte das Land. Und wo eigenes Geld fehlte, konnten die Bewohner des Hauses das Kapital durch Arbeitskraft ersetzen. So standen bei vielen Eigentümern nur die rund 250 Euro je Quadratmeter Erwerbskosten am Ende auf der Rechnung. Für diesen Betrag müssen sie nun Zinsen und Tilgung bezahlen. Billig kommen aber auch die anderen Bewohner des Hauses weg: Sie zahlen gut drei Euro Miete, zuzüglich Heizungs- und Nebenkosten. In der Hufelandstraße sind auch Ansätze für den Gemeinschaftsgedanken des kooperativen Wohnens zu finden: Alle Bewohner nutzen das Werkzeug gemeinsam. Das Wichtigste aber: Die Baugemeinschaft hielt die Fristen bei der Fertigstellung von Bauabschnitten ein.

An Reibungen fehlte es während der Bauzeit aber nicht. Daraus haben die am Netzwerk Beteiligten ihre Lehre gezogen. Damit in der Angermünder Straße keine unnötigen Spannungen entstehen, sind gleich zwei Männer für die gute Stimmung zuständig: Psychologe Jörg Nothacker sowie Maler und Therapeut Israel Davidesco. „Wenn es kriselt, ist eine neutrale Instanz von außen wichtig“, sagt Nothacker. Und Davidesco will mit den künftigen Bewohnern Systemaufstellungen nach Bert Hellinger durchführen. Der ehemalige Pastor ist eine Kultfigur der New Age-Bewegung und will unbewusste Familienkonflikte ans Tageslicht befördern, um dadurch seelische Spannungen abzubauen. Das soll verbinden. Vielleicht auch in schweren Zeiten. Dazu dürften Bauprojekte allemal zählen. So manche Familienbande zerbrach schon beim Versuch, ein kleines Eigenheim im Grünen zu errichten.

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