Immobilien rund um Tempelhof : Und alle Träume fliegen hoch

Der Flughafen schließt, der Markt könnte erwachen – aber noch liegt die Betonung auf „könnte“.

Kerstin Heidecke

Viel los ist derzeit nicht auf dem Tempelhofer Immobilienmarkt. Auf den Seiten eines großen Online-Portals finden sich gerade mal ein Baugrundstück und zwei Einfamilienhäuser, dazu ein paar Eigentumswohnungen. Kein Vergleich zu Mitte oder Prenzlauer Berg, wo seit Mauerfall mehr als die Hälfte der Bewohner zugezogen sind. In Zeitungsanzeigen und auf Immobilienportalen im Internet sieht man das üppige Angebot, Miet- und Kaufobjekte in allen Preisklassen, die dank großer Nachfrage auch schnell wieder weg sind. Studentenbuden, frisch sanierte Altbau-Etagenwohnungen, ausgebaute Dachgeschosse, da gibt's alles. Aber in Tempelhof? Hier wohnt man entweder schon lange. Oder man lässt es. Doch mit dem gescheiterten Volksentscheid ist die Schließung des Flughafens Ende dieses Jahres noch ein Stück näher gerückt. Makler und Einheimische glauben und hoffen, dass mit der Bebauung des Flugfeldes die bisher wenig begehrte Wohnlage rund um „Hungerharke“ (dem steinernen Symbol der Luftbrücke) und Columbiadamm aufgewertet wird.

Das Wort Boom will hier noch keiner in den Mund nehmen.Aber: Makler sind optimistisch, dass Miet- und Kaufpreise im Umfeld des umstrittenen Flughafens steigen werden. Dabei geht’s weniger darum, dass nun der Fluglärm wegfällt– das ist bei einem Dutzend Fliegern am Tag eher nebensächlich. Man setzt darauf, dass die vom Senat geplanten Wohnquartiere mit Park auf dem Flugfeld positiv auf die Umgebung wirken könnten – Art und Güte der Nachnutzung sind entscheidend.

Bisher gelten viele Teile Tempelhofs als Sorgenkinder der Makler. Der Berliner Gutachterausschuss hat im vergangenen Jahr in Tempelhof-Schöneberg einen Preisrückgang von acht Prozent beim Bauland ausgewiesen. „Mehr als 800 bis 1400 Euro pro Quadratmeter sind derzeit bei Eigentumswohnungen am Tempelhofer Damm nicht drin“, sagt Christian Dietzold von Hoppe-Immobilien, „aber wenn hier der Flugbetrieb eingestellt wird, wird das auf den Markt einen positiven Effekt haben“. Auch Makler Albrecht Schnorr glaubt an eine mittelfristige Erhöhung der Preise sowohl bei Miet- wie auch bei Kaufobjekten. Besonders die Grenze zwischen Neukölln und Kreuzberg sei schon jetzt attraktiv. „Etwas Preiswertes an der Fidicinstraße oder im Bergmannkiez zu finden, ist schwer. Die Interessenten gucken sich dann in Neukölln-Nord um. Wir reden dort schon von Kreuzkölln.“ Dazu kommt, dass in der Nähe der Neukölln-Arkaden viele der Altbauten inzwischen von ausländischen Investoren gekauft wurden, die ihre Objekte sanieren, so dass die Wohnungen attraktiver werden. All diese Lagen sind nur wenige Minuten vom Flughafen entfernt.

Und gerade in den bisher stigmatisierten Lagen Neuköllns wird es bald um die Feinheiten gehen, glauben Experten. „In Berlin spielt oft die Mikrolage eine Rolle“, sagt Thomas Sandner vom Berliner Gutachterausschuss. Im Klartext: Von einer Straßenecke zur nächsten gibt’s Riesenunterschiede. Das gilt nicht nur in den Sanierungs- und Szenevierteln: an einer Ecke hochwertig sanierte Altbauten mit Bioladen im Erdgeschoss und an der nächsten Biege schon morgens gut besuchte Eckkneipen und bettelnde Punks vorm Supermarkt. So eine Mikrolage gibt es an der Westseite des Flughafens. Die sogenannte Fliegersiedlung gegenüber dem Platz der Luftbrücke mit ihren Reihenhäusern gilt als beliebte Wohnlage. Die Fluktuation ist gering: Kaum jemand zieht weg aus der Gartenstadt Neu-Tempelhof an der Manfred-von-Richthofen-Straße.

Familienfreundliches Wohnen stellt sich Architekt Alois Albert auch auf dem Flughafen vor. Er wird richtig euphorisch beim Gedanken an die riesige unbebaute Fläche. „Ein geniales Areal, zentral gelegen, super erschlossen, nah an S-Bahn, U-Bahn und Autobahn.“ Er favorisiert Baugruppenmodelle. Hier könnten Familien und Paare günstig bauen, weil das Geld für den Bauträger wegfalle. Damit werde aus dem Kiez zwar nicht gleich eine Nobellage, dafür sorge schon das rustikale Image des Nachbarbezirks. „Aber Neukölln stört auch nicht“.

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