Immobilien : In tausend Jahren das Ziel erreicht

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Von Ralf Köpke

So ganz schien Werner Eicke-Hennig seinem Taschenrechner nicht zu trauen. Da stand die Zahl 1000 im Display. „Unglaublich“, dachte der Leiter des hessischen Impuls-Programms zur rationellen Stromnutzung und Niedrigenergie-Bauweise mit Sitz in Darmstadt und rechnete die Gleichung noch einmal nach. Am Ergebnis änderte sich aber nichts: „Das heißt, dass wir bei der Resonanz auf die derzeitigen Förderprogramme 1000 Jahre brauchen, bis wir den bundesweiten Altbaubestand einmal energetisch saniert haben.“ Da stand nur noch Resignation in den Augen von Eicke-Hennigs.

Die Verzweiflung des hessischen Bauexperten ist verständlich: Heizungen und Warmwasserboiler in den bundesweit rund 36 Millionen Wohnungen benötigen rund ein Drittel der in Deutschland insgesamt verbrauchten Energie. Entsprechend hoch ist das Einsparpotenzial. Und je weniger Energie Haushalte verbrauchen, desto weniger klimaschädliches Kohlendioxid entweicht in die Erdatmosphäre. Also kommt Eicke-Hennig zu einer einfachen Folgerung: „So schön es ist, dass wir Passiv- und Plusenergie-Häuser bauen, die geringe Stückzahlen hat klimapolitisch keinen Effekt. Deshalb ist es wichtig, ähnlich geringen Energieverbrauch im Altbaubestand zu erreichen.“ Noch ist man davon weit entfernt: Häuser, die in den ersten Jahrzehnten nach dem Krieg entstanden, verbrauchen jährlich bis zu 300 Kilowattstunden (kWh) je Quadratmeter. Die neue Energieeinsparverordnung schreibt heute einen Niedrigenergiehaus-Standard vor, mit einem Verbrauch von 70 kWh Energie jährlich. Technisch sind sogar deutlich geringere Verbrauchswerte erzielbar.

Steuervorteile für Energiesparer

Freiwillig sind die Häuslebauer und -Besitzer aber nur bereit, für die Sanierung mehr Geld in die Hand zu nehmen, um später weniger für Energie zu bezahlen, wenn der Staat sie dafür belohnt. Doch genau damit sieht es mau aus: So legte die frühere Kohl-Regierung den Paragrafen 82 der Einkommenssteuer-Durchführungsverordnung (EstDV) auf Eis. Die Vorschrift erlaubte es Eigenheimbesitzern, Sanierungsmaßnahmen steuerlich abzusetzen. Die rot-grüne Bundesregierung setzte Anfang 2001 mit dem von der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) betreuten CO2-Gebäudesanierungsprogramm ein Signal zur umfangreichen Altbausanierung: Bis zum Jahr 2005 sind rund fünf Milliarden Euro an zinsverbilligten Krediten (Effektivzins: 2,83 Prozent pro Jahr) für vier unterschiedliche „Maßnahmepakete“ vorgesehen. Allerdings nahmen die Häuslebauer dies bislang wenig in Anspruch.

Zwar stieg die Zahl der Förderkredite im Laufe des vergangenen Jahres kontinuierlich. Insgesamt ist jedoch nur die Hälfte des vorgesehenen Förderbetrages abgerufen. Für Bernd Bartholmei, Experte für Bau- und Wohnungswirtschaft beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), ist die enttäuschende Bilanz nicht überraschend: „Das KfW-Programm mit seinen Maßnahmenpaketen benachteiligt Eigentümer, die ihr Gebäude selbst nutzen oder die Vermietung nur nebenbei betreiben.“ Gestraft würden außerdem Eigentümer, die sich in der Vergangenheit bereits um Energieeinsparung bemüht hatten und nun zusätzlich nur noch die Heizung erneuern oder neue Fenster einbauen wollten.

Die Bundesregierung hätte gewarnt sein müssen: Seit 1996 wurden mit früheren KfW-Krediten nach DIW-Berechnungen nur 356000 Wohnungen saniert, in fünf Jahren also nur knapp ein Prozent aller Gebäude - viel zu wenig für den Klimaschutz. Statt der bezuschussten Kredite fordert die Bundesinitiative „jetzt! -Zukunftsorientierte Gebäudesanierung“, zu der sich Bauunternehmen, Architekten und Energieberater zusammenschlossen, einen direkten Steuerabzug. Ihr Alternativmodell sieht für jede eingesparte Kilowattstunde nach der Sanierung eine Förderung von zwei Cent vor. Diese soll zehn Jahre lang von der Einkommenssteuer abgezogen werden. „Jeder Häuslebesitzer bekommt so direkt Geld in sein Portemonnaie, da die Zuschüsse an die Höhe des Einsparerfolges gekoppelt sind“, sagt Günther Volz, Vorsitzender der Initiative.

Für die jetzt!-Aktivisten ist es unverständlich, dass sich Finanzminister Hans Eichel nicht für ihre Förderalternative erwärmen kann: „Unser Modell kostet etwa 650 Millionen Euro, bringt Eichel aber rund drei Milliarden Euro ein, weil er mehr Steuern kassiert und er Arbeitslosenzahlungen verhindert.“ Zufrieden registriert Ingenieur Volz, dass Franziska Eichstädt-Bohlig jüngst laut über die Reaktivierung des früheren Paragrafen 82 EstDV nachgedacht hat. Die wohnungspolitische Sprecherin der bündnisgrünen Bundestagsfraktion will damit „insbesondere die Einfamilienhausbesitzer ansprechen.“ Die studierte Architektin hofft außerdem auf einen steigenden Bekanntheitsgrad des KfW-Programms – und auf die neue Energieeinsparverordnung.

Vor allem Neubauten im Auge

Das seit dem 1. Februar gültige Regelwerk, schreibt für Neubauten in etwa den so genannten Niedrigenergiehausstandard vor. Dies entspricht etwa einem Sieben-LiterHaus. Eigentümer bestehender Gebäude verpflichtet es, veraltete Heizkessel auszutauschen und nicht gedämmte Dachböden, Kellerdecken oder Heizungs- und Warmwasserrohre nachträglich zu dämmen.

„Wer soll das kontrollieren?“, fragt allerdings Bernd Steinmüller, „etwa die personell unterbesetzten Bauordnungsämter?“ Der Geschäftsführer der Sustainability Management Consulting aus Paderborn plädiert für verbesserte Anreize beim Sanieren von Gebäuden. Wichtig findet er auch eine breit angelegte Informations- und Bildungsoffensive, mit der die Vorteile der Altbausanierung bekannter gemacht werden. „Warum gibt es nicht abends Werbespots vor der Tagesschau?“ fragt Steinmüller.

Eine Sanierungsoffensive könnte in der Baubranche, die von der derzeitigen Konjunkturflaute besonders betroffen ist, und bei ihren Zulieferern an die 400000 neue Arbeitsplätze schaffen. Zu diesem Ergebnis kam das Wuppertal Institut bereits 1999 in einer Studie für die IG Bau und Greenpeace. Diese hatten damals gemeinsam eine Kampagne für mehr Wärmeschutz gestartet. Große Durchschlagskraft hatte diese Aktion nicht. An einer Neuauflage hätte der hessische Bauexperte Werner Eicke-Hennig dennoch starkes Interesse: „Es gibt kaum ein anderes Mittel, mit dem sich die Förderung des Klimaschutzes und die Schaffung von Arbeitsplätzen so gut kombinieren lassen, wie mit der Altbausanierung.“

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