Immobilien : Kahlschlag für die Platte - nur die Ausnahme?

PAUL MUNZINGER

Auf dem Dach des elfgeschossigen Plattenbaus im Schwedter Stadtteil Obere Talsandterrasse liegt eine dünne Schnee- und Eisschicht.Vorsichtig schreitet Gerd Bening über die auf dem Boden liegenden Blitzableiter und weist mit der Hand in die Ferne: "In dieser Richtung liegt die Erdölraffinerie, und da drüben würde man die Hügel Polens sehen." Der Projektleiter der Wohnbauten GmbH Schwedt muß im Konjunktiv reden - über der Stadt liegt dichter Nebel.

Doch die Probleme des Industriezentrums an der Oder kann auch der Nebel nicht verdecken.Das merkt man spätestens, wenn man wieder sicheren Boden unter den Füßen hat und die Fassaden der Häuser in der Rosa-Luxemburg-Straße betrachtet.Hinter den Fenstern hängen nur selten Gardinen, wie ein Fremdkörper wirken die wenigen Weihnachtsbeleuchtungen."In Nr.7 sind von 44 Wohnungen noch drei bewohnt, in Nr.9 noch zwei", sagt Bening.Bald werden auch diese verlassen sein: Im nächsten Jahr sollen die Häuser abgerissen werden.

Schon begonnen haben die Rückbaumaßnahmen, wie der Abriß im Beamtendeutsch heißt, in der benachbarten Leverkusener Straße.ABM-Kräfte entkernen dort zur Zeit die Elfgeschosser; der eigentliche Abriß soll im Frühjahr beginnen.Bis zum Jahr 2000 werden in der Leverkusener- und der Rosa-Luxemburg-Straße 740 Wohnungen dran glauben müssen.Die Schwedter Wirtschaftsdezernentin Barbara Rückert vermutet, daß in den nächsten Jahren insgesamt sogar 3000 Wohnungen aus dem Schwedter Stadtbild verschwinden werden.Einen Beschluß darüber gibt es aber ebensowenig wie einen genauen Finanzierungsplan.Selbst die Kosten für die erste Etappe stehen nicht genau fest: Etwa zehn Mill.DM sind es laut Rückert.Das Geld stammt aus dem Förderprogramm "Weiterentwicklung großer Wohngebiete", an dem sich Bund, Land und Kommune zu je einem Drittel beteiligen.

Daß die Schwedter Pläne ein bundesweites Medienecho ausgelöst haben, hängt mit der Diskussion um die Plattenbausiedlungen seit der Wende zusammen.Manche westdeutsche Politiker hatten nach der Vereinigung den Plattenbauten forsch die Existenzberechtigung abgesprochen und einen flächendeckenden Abriß gefordert - wozu es bekanntlich nicht gekommen ist."Der jetzige Abriß hat mit der damaligen Debatte nichts zu tun", sagt Horst Bußmann vom Referat für Städtebauförderung im brandenburgischen Ministerium für Stadtentwicklung, Wohnen und Verkehr."Plattenbauten sind notwendig zur Versorgung breiter Bevölkerungsschichten, und wir werden auf sie langfristig nicht verzichten können." Auch Claus Wedemeier, Pressesprecher des Verbandes Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen (BBU), ist sicher, "daß der Abriß eine Ausnahme bleiben wird".

Tatsächlich ist Schwedt ein Sonderfall: baupolitisch, weil über 90 Prozent der Wohnungen in industrieller Bauweise errichtet sind; und wirtschaftlich, weil die Wende zu einem massiven Arbeitsplatzabbau in der Erdöl- und Papierindustrie führte, deren Ansiedlung in Schwedt das SED-Politbüro 1958 beschlossen hatte.Lebten 1980 noch 55 000 Menschen in der Stadt, sind es heute knapp 43 000, Tendenz fallend.Entsprechend hoch ist der Wohnungsleerstand: 2512 Wohnungen, jede neunte, waren Ende 1997 ohne Mieter.

Ähnlich sind die Probleme in Guben, wo bereits Anfang 1990 Plattenbauwohnungen abgerissen wurden.Doch nach Ansicht der Experten ist der Abriß kein Allheilmittel gegen Leerstand."Man kann nicht sagen: Ab einem bestimmten Prozentsatz Leerstand wird rückgebaut", erklärt Claus Wedemeier vom BBU, dessen Mitgliedsunternehmen im Land Brandenburg rund 350 000 Plattenbauwohnungen verwalten.Vielmehr ist für Wedemeier der Abriß nur dann angebracht, wenn dadurch Siedlungen wohnlicher werden: "Die Strategie ist, Wohneinheiten zu schaffen, die gute Chancen haben, langfristig vermietet zu werden."

Auch Horst Bußmann vom Potsdamer Ministerium kritisiert die Erwartung mancher Kommunen, ihre Vermietungsprobleme einfach durch Abriß zu lösen.Der Abriß sei stets "die äußerste Möglichkeit" und nur dort angebracht, wo die städtebauliche Situation dies verlange.Die Häuser an der Leverkusener Straße in Schwedt seien ein Beispiel: Sie bildeten eine Art Trennmauer zwischen zwei niedriger gebauten Wohngebieten; deren Umfeld könne erst dann verbessert werden, wenn diese Mauer gefallen sei.

Die Verbesserung der Wohnqualität ist nicht zuletzt deshalb wichtig, weil die Mieter heute - anders als vor 1990 - sich auch ein Häuschen außerhalb der Stadt bauen können.Mit der Zusammenlegung von Wohnungen und der Sanierung des Bestandes reagieren die Verantwortlichen auf diese Herausforderung.Die Wohnungsbaugenossenschaft Schwedt/Oder (Wobag) beispielsweise investierte in den Jahren 1997 und 1998 jeweils gut 25 Mill.DM in die Sanierung der Wohnungen und ihrer Umgebung.Und die Schwedter Wohnbauten GmbH brachte seit 1990 knapp die Hälfte ihrer 12 500 Wohnungen auf Vordermann.

Die dabei anfallenden Sanierungskosten beziffert Projektleiter Gerd Bening auf 400 bis 500 DM pro Quadratmeter.Stolz führt er durch den soeben fertig sanierten Elfgeschosser direkt neben den abrißgeweihten Häusern in der Rosa-Luxemburg-Straße: Hauseingang, Wohnungstüren, Balkone, Aufzug, Bäder, Fenster, Lüftung, Müllschlucker, Briefkästen - alles ist neu.Die Fassade macht mit ihren hellen Farben einen aufgelockerten, fröhlichen Eindruck.Und neben jeder Klingel ist ein Namensschild angebracht.

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