Immobilien : "Keine High-Tech-Produkte"

CHRISTOF HARDEBUSCH

Neue Wohnhäuser verbrauchen immer weniger Heizenergie.Nun scheint das Ende der Fahnenstange erreicht: die "Passivhäuser" sind serienreif - und werben mit Heizkosten von unter 40 DM im Monat.In Deutschland wurden bislang etwa 40 Passivhäuser gebaut.Über die Sparwunder sprach Christof Hardebusch mit Klaus Michael vom Niedrig-Energieinstitut Detmold.

TAGESSPIEGEL: Was ist ein "Passivhaus", und was unterscheidet es vom Niedrigenergiehaus?

MICHAEL: Das sind Häuser, deren Heizung pro Quadratmeter und Jahr mit weniger als eineinhalb Liter Heizöl oder eineinhalb Kubikmetern Gas auskommt.Zum Vergleich: ältere Einfamilienhäuser schlucken zehn bis fünfzehn Liter Heizöl.Niedrigenergiehäuser verbrauchen vier bis sieben Liter.Passivhäuser sind besser gedämmt, die Fenster sind nicht doppelt, sondern dreifach verglast.Nach Süden hin sind die Fenster sehr groß, um möglichst viel Sonne hereinzulassen.Den Effekt nennt man passive Solarnutzung, daher auch der Name.Nach Norden sind die Fenster sehr klein gehalten, um Wärmeverluste möglichst gering zu halten.Wenn das Haus die Sonne optimal einfängt und so gut wie keine Wärme nach außen entkommen läßt, braucht ein Passivhaus auch im tiefsten Winter nur ein oder zwei Kilowatt Heizleistung für zwanzig Grad Raumtemperatur.

TAGESSPIEGEL: Kann sich auch die junge Familie mit begrenztem Budget ein Passivhaus leisten?

MICHAEL: Ja, durchaus.Die Kosten liegen kaum über jenen eines konventionellen Einfamilienhauses.Die Mehrkosten für Dämmung, Fenster und Lüftungsanlage entsprechen in etwa den Minderkosten der eingesparten konventionellen Heizung inklusive Heizkörpern.Der Nutzer profitiert von der ersten Stunde an vom niedrigen Energieverbrauch.

TAGESSPIEGEL: Das klingt sehr simpel.Warum werden nicht alle Häuser so gebaut?

MICHAEL: Die Forschung und damit auch die Mittel wurden lange Zeit auf die Entwicklung des Nullenergiehauses konzentriert, das außer Sonnenlicht gar keine Energiezufuhr mehr braucht.Das waren Gebäude mit hohem technischen und finanziellen Aufwand, die oft trotzdem nicht funktioniert haben.Eines der wenigen gelungenen Beispiele steht im Berliner Bezirk Spandau.Aber auch das ist viel zu teuer.Passivhäuser sind keine Hightech-Produkte.Sie lassen sich mit konventionellen Materialien bauen.Aber die Grundlagen sind erst jetzt ausreichend erforscht, die ersten Häuser inzwischen lange genug erprobt.

TAGESSPIEGEL: Sehen alle Passivhäuser gleich aus?

MICHAEL: Abgesehen von der kompakten Form und der Orientierung nach Süden sind der gestalterischen Vielfalt nur wenige Grenzen gesetzt.Attraktiv sind natürlich vor allem die kostengünstigeren Varianten.Passivhäuser in Holzrahmenbauweise sind in der Regel billiger zu bauen als solche aus massivem Mauerwerk.Diese Leichtbauweisen eignen sich allerdings nicht für laute Standorte.Am Berliner Mehringdamm zum Beispiel sollten Sie so etwas nicht errichten, dort wäre der Schallschutz ungenügend.Viele Konstruktionen sind nicht teurer als vergleichbare konventionelle Bauten.Aber sie verbrauchen nur noch ein Viertel bis ein Achtel der Energie.

TAGESSPIEGEL: Welche Rolle spielen Solaranlagen für Passivhäuser?

MICHAEL: Für die Heizung eigentlich keine.Es lohnt sich nicht.In einem Passivhaus ist der größte Energieverbraucher nicht mehr die Heizung, sondern die Warmwasserbereitung für Duschen, Baden und dergleichen.Das können Sonnenkollektoren im Sommerhalbjahr gut übernehmen.Aber nicht das ganze Jahr über, das wäre nicht wirtschaftlich.

TAGESSPIEGEL: Werden Passivhäuser bald den Eigenheimmarkt erobern?

MICHAEL: Nein.Eine breite Einführung wäre verfrüht.Viele Architekten und Bauträger wären mit den entsprechenden Qualitätsstandards überfordert.Sie haben ja schon genug Probleme mit den Niedrigenergiehäusern.Dort häufen sich die Fehler.Keller werden nicht gedämmt, die Gebäude nicht wirklich luftdicht gemacht, die Außendämmungen mit Balkonträgern, Rollokästen oder Kabeln durchbrochen.Dann nützt auch die beste Dämmung wenig.Mit der Qualität der Ausführung steht und fällt aber jedes Passivhaus.Vorläufig kann also nur ein Bauträger Passivhäuser bauen, der eine entsprechend sorgfältige Planung und Ausführung sicherstellen kann.

TAGESSPIEGEL: Kann die Politik zur Verbreitung von Passivhäusern beitragen?

MICHAEL: Offiziell hat die Bundesregierung das Thema noch nicht aufgenommen.Wir wünschen uns eine Unterstützung in den Bereichen Forschung und Weiterbildung, um möglichst viele Fachleute fit zu machen.Eine Förderung von Bauherren, die Passivhäuser errichten, ist meines Erachtens nicht nötig.Die belohnen sich mit der Energieersparnis selbst.

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