Kläranlage : Graues Wasser im Grünen

In Kreuzberg wird eine Bio-Kläranlage wiederbelebt, die Ab- in Brauchwasser verwandelt. Doch das Konzept ist umstritten.

Christian Hunziker

Wer den Innenhof des Wohnblocks Dessauer Straße/Bernburger Straße 22-23 in Berlin-Kreuzberg betritt, gerät ins Staunen: Dort erstreckt sich eine Teichlandschaft, die man in dieser Siedlung des sozialen Wohnungsbaus aus den achtziger Jahren nicht erwartet hätte. Auch das schmucke Holzhäuschen wirkt wie ein Fremdkörper – und steht gleichzeitig für ein ökologisches Modellprojekt, das die Verantwortlichen nach seinem frühen Scheitern jetzt im zweiten Anlauf zum Erfolg führen wollen.

1987 entstand hier eine Grauwasser-Kläranlage. Sie war Teil eines integrierten Wasserkonzepts, mit dem damals ökologische Maßstäbe gesetzt werden sollten. Unterstützt durch Bundes- und Landesmittel, legten die Planer eine 650 Quadratmeter große Pflanzenkläranlage an: In die Teiche wurde das Abwasser aus Bädern und Küchen – das so genannte Grauwasser – der 106 Wohnungen des Blocks geleitet. Zu Trinkwasser wurde es dort zwar nicht wieder. Doch durch Mikroorganismen gereinigt, diente das Wasser anschließend zum Spülen der Toiletten und zum Putzen der Wohnung – dafür reichte die Qualität

Doch bereits 1993 wurde die Anlage stillgelegt. „Das System verursachte zu hohe Betriebskosten“, sagt Ingenieur Erwin Nolde, der das Projekt damals begleitete und auch den jetzigen Neustart verantwortet. Die Qualität des aufbereiteten Klarwassers sei allerdings schon damals einwandfrei gewesen.

Diese Woche nun ist die Anlage, wenn auch mit einem geänderten System, wieder in Betrieb genommen worden. Die Teiche dienen jetzt nicht mehr der Reinigung des Grauwassers, sondern als Auffangbecken für Regenwasser. Die neue Recyclinganlage nimmt viel weniger Fläche in Anspruch und findet im neu errichteten Holzhaus Platz. Finanziert worden ist die insgesamt etwa 700 000 Euro teure Umgestaltung vom Land Berlin. Bei der Großzügigkeit handelt es sich allerdings um eine Ausnahme, die eine Folge des seinerzeit mit dem Eigentümer der Wohnanlage abgeschlossenen Vertrages ist. Ansonsten verzichtet das Land Berlin auf eine finanzielle Förderung von Grauwasser-Recyclinganlagen.

Die neue Anlage besteht aus einer Abfolge großer Behälter, in die das gebrauchte Wasser geleitet wird. Zunächst entfernt ein Filter alle groben Verunreinigungen wie Haare und Textilflusen. In den weiteren Behältern übernehmen kleine, mit Bakterien besiedelte Schaumstoffwürfel die Reinigung; Chemikalien kommen also nicht zum Einsatz. Am Schluss wird das Wasser durch eine UV-Lampe desinfiziert. Danach, sagt Erwin Nolde, entspricht das jetzt Klarwasser genannte Nass den Richtlinien, welche die EU für die Qualität von Badegewässern erlassen hat. Sofern das Konzept aufgeht, profitieren die Mieter von niedrigeren Betriebskosten. Zum einen fällt der Beitrag für die Regenwasserentsorgung weg, da das Niederschlagswasser nicht in die Kanalisation geleitet wird. Zum andern verringern sich Abwasser- und Trinkwasserkosten. Laut Nolde lassen sich diese bei neuen Anlagen für eine fünfköpfige Familie von jährlich 1000 Euro auf rund 450 Euro drücken. Im Fall der Dessauer Straße wird die Einsparung aber geringer ausfallen. Denn das Leitungsnetz ist unverändert beibehalten worden, weshalb auch das Abwasser aus der Küche in der Wiederaufbereitungsanlage landet – obwohl es nach heutigen Erkenntnissen besser in die Kanalisation geleitet würde. Außerdem ist das aufbereitete Betriebswasser nicht umsonst zu haben: Ingenieur Nolde hat einen Betreibervertrag und lässt sich seinen Aufwand bezahlen. Er werde das Wasser aber auf jeden Fall günstiger als die Berliner Wasserbetriebe liefern, verspricht er.

Trotz der finanziellen Vorteile ist die Begeisterung für Grauwasser-Kläranlagen in der Wohnungswirtschaft allerdings wenig verbreitet: "Bisher", sagt Stadt-und-Land-Pressesprecherin Dagmar Neidigk, "haben wir von Projekten Abstand nehmen müssen, da der Investitionsaufwand in keinem vertretbaren Verhältnis zum Nutzen stand." Eigentümer-Vertreter Stöffel dagegen ist vom Konzept überzeugt. Nicht nur wegen des Umweltschutzes, sondern auch aus wirtschaftlichen Erwägungen. In seinem Wohnblock stehen nämlich acht Prozent der Wohnungen leer – und für die, hofft Stöffel, könnten sich jetzt ökologisch sensibilisierte Mieter gewinnen lassen.

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